Kultur : Wir glauben nichts

Kai Müller

Als Iggy Pop auf einem Rasthof vor einen Lastwagen stolpert, der ihn beinahe zermalmt (viele meinen, er hat es doch getan), schreit er entsetzt: „Du Arsch, hättest mich beinahe umgebracht und die Geschichte des Rock’n’Roll beendet!“

Obwohl es zunächst nicht so aussah, hatte Iggy Pop es keineswegs eilig zu sterben. Er hatte eine Mission zu erfüllen. Wie die meisten der 130 „Mitwirkenden“, die das Personenverzeichnis von „Please Kill Me“ umfasst. Sie waren Teil dessen, was die beiden Autoren Legs McNeil und Gillian McCain vage eine „Revolution“ nennen. Sie waren Punks. In dem grandiosen Buch des Journalistenduos, das aus hunderten von Interviews ein lebhaftes Erinnungsmosaik zusammensetzt, taucht das Wort allerdings selten auf. Es geht weniger darum, was der findige Boutikenbesitzer Malcolm McLaren daraus machte, als er das Ganze nach England exportierte, die Sex Pistols erfand – und aus Punkrock eine Mode wurde. Wie es angefangen hat und wo, können selbst die nicht erklären, die dabei gewesen sind.

McNeil/McCain heben mit dem Moment an, da Andy Warhol auf eine Gruppe namens The Velvet Underground aufmerksam wird und glaubt, sie in seinen New Yorker Kunst-Zirkus integrieren zu können. Aus der Verschmelzung von Pop Art und Rock’n’Roll geht ein neuer Lebensstil hervor, ein düsterer Klang-Existenzialismus.

Es folgen MC5, Iggy Pop und die Stooges, die Ramones, Richard Hell und Patti Smith ... naja, alle. So liest sich das Buch wie die nicht ganz normale Chronik eines Dauerexzesses, der nach einer verlorenen Ernsthaftigkeit sucht.

Legs McNeil/Gillian McCain: Please Kill Me - Die unzensierte Geschichte des Punk. Hannibal Verlag, Höfen. 509 Seiten, 25,90 €

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