Kultur : "Wir haben absolute Anarchie“

Die 500-Tage-Bilanz: Mit dem Ballhaus Ost erfüllte sich Anne Tismer einen Schauspieltraum – und genießt das Chaos.

Patrick Wildermann
Ballhaus Ost Foto: Ballhaus Ost
Eine Art Familienbetrieb. Anne Tismer (Zweite von rechts) und ihre Tochter (rechts daneben) in dem Stück "Bei mir".Foto: Ballhaus Ost

Zumindest die Anfangseuphorie gibt’s immer gratis, was im Fall des Ballhauses Ost aber auch das einzige Startkapital war. Als die Schauspielerin Anne Tismer und die Regisseure Uwe Moritz Eichler und Philipp Reuter im Februar letzten Jahres auf die Idee kamen, dieses ehemalige Gemeindehaus an der Pappelallee als Spielort eines freien Theaters zu akquirieren, wurde ihnen für den kamikazehaften Mut zwar viel Bewunderung gezollt. Aber man weiß ja, dass die Halbwertszeit des Neuen in Berlin recht kurz sein kann, im Tagesgeschäft ist das Ballhaus, zu dem auch eine Galerie und der Rodeo Club gehören, nur eines unter vielen Theatern. Wen hätte ein Schiffbruch des mittellosen Enthusiastentrios, das selbst tapezierte, ernstlich verwundert?

Die Politik zieht gern 100-Tage-Bilanzen. Künstlern sollte man mehr Zeit zugestehen. Wie sieht also, nach ungefähr 500 Tagen, Anne Tismer, vormals Schaubühne, ihre Arbeit im Ballhaus? Hat sich wie in einer Liebesbeziehung die große Alltagsernüchterung über den Rausch des Beginns gelegt? "Bei mir nicht, und ich glaube, bei den anderen auch nicht“, antwortet Tismer ohne zu zögern. "Manchmal sind alle ein bisschen müde, ich auch, aber es ist eine okaye Müdigkeit.“

Miete erst einmal gesichert

Die Erschöpfung resultiert aus zahllosen Diskussionen und einem ungebrochenen Schaffensdrang – und vorerst nicht aus akuten Liquiditätssorgen. Für 2007 hat das Ballhaus Ost erstmalig eine Spielstättenförderung aus dem Hauptstadtkulturfonds in Höhe von 100.000 Euro erhalten. "Wir hatten noch Schulden aus dem letzten Jahr, die mussten natürlich abbezahlt werden“, erzählt Tismer, "aber die Miete ist damit erst mal gesichert.“ Das sind gute Nachrichten für die rund dreißig Mitarbeiter des Off-Theaters, von denen manche Hartz IV beziehen, andere nebenher halbtags jobben. "Von den Zuschauereinnahmen allein kann das Theater nicht leben“, räumt die Schauspielerin ein – was als Hoffnung durchaus am Anfang stand. Die Auslastung sei "mittelgut“, aber: "Es ist ja kein Fernsehen, wir müssen nicht Millionen erreichen.“ Sie habe es außerdem schon am Stadttheater besser gefunden, "wenn’s nicht ganz voll war. Dann spielt man nicht unter so einem Druck.“ Blühende Koketterie, denkt man da, aber Anne Tismers Tochter Okka Hungerbühler, die sich im Kreuzberger Café dazugesellt, bestätigt diese Eigenart vergnügt.

Was nicht bedeutet, dass die Produktionen, die "ihre Anlaufzeit benötigen“, Tismer nicht am Herzen lägen. Weil das Geld für Werbung in größerem Stil fehlt, läuft sie durch die Stadt und klebt DIN-A4-Zettel an. Weil ihr Name Anziehungskraft besitzt, schreibt sie E-Mail-Einladungen an Kritiker oft persönlich, wirbt um potenzielle Gastspiele. Dafür kümmert sie sich momentan kaum um die organisatorischen Belange des Ballhauses. "Wenn ich probe“, sagt sie, "schaffe ich das nicht auch noch.“ Und da sie sehr viel probt und spielt – sie steht unter anderem mit dem Lars-Norén-Solo "20. November“ auf der Bühne und bereitet eine Performance im Münchner Haus der Kunst vor – und ihre Kompagnons Eichler und Reuter andererseits "Lust haben, die Strukturen aufzubauen“, sind alle zufrieden.

Falsche Fans loswerden

Regisseur Reuter etwa hat vorerst eigene Arbeiten hintangestellt, um das Theater, bei dem sich eine Vielzahl freier Gruppen um Auftritte bewirbt, auf Betriebstemperatur zu halten. Mitinszeniert hat er die Eröffnungsproduktion "Die Ehe der Maria Braun“ nach Fassbinder mit Tismer in der Titelrolle, eine Aufführung, die noch ein Publikum anzog, das den Schaubühnen-Star, die "Nora“ sehen wollte. Die meisten kamen nicht wieder, und Anne Tismer scheint darüber, gelinde gesagt, nicht unglücklich zu sein.

Man muss sich das vorstellen wie bei einer Independent-Band, die vom Mainstream-Erfolg überrollt wird und dann ein sperriges Experimentalalbum folgen lässt, um falsche Fans loszuwerden. Anne Tismer litt wohl unter dem KurtCobain-Syndrom: dem Gefühl, auf der Bühne nur noch die Stechuhr zu betätigen, sich nicht mehr selbst zu gehören. Glücklicherweise hat sie andere Konsequenzen daraus gezogen als der Nirvana-Frontmann und, noch bevor es das Ballhaus Ost als Theater gab, das Kollektiv "gutestun“ gegründet, zusammen mit Rahel Savoldelli, die sie in Constanza Macras’ Produktion "Big in Bombay“ kennengelernt hatte. Es entstand das Stück "Gutes Tun 1,3“, das am Ballhaus zu sehen war und um die Welt tourt: USA, Taiwan, Pakistan. "Von diesen Gastspielen“, erklärt Tismer, "leben wir im Moment.“

"Es gibt keine Regie bei uns, wir haben absolute Anarchie.“

Dem Kollektiv gehört ein Stamm von ungefähr zehn Personen an, darunter Tismers Schwester und Nichte sowie auch Tochter Okka, die schon beim Volksbühnenjugendtheater P 14 Schauspielerin war. "Eine Art Familienbetrieb sind wir schon“, lächelt sie, ein chaotisch-produktiver, versteht sich: "Es gibt keine Regie bei uns, wir haben absolute Anarchie.“

Die jüngste Arbeit der "gutestun“- Gruppe ist das Stück "bei mir“, ein Abend über verlorene Jugendliche, die alleingelassen in einer zwischen Traum und Albtraum oszillierenden Müllwunderwelt leben und wie nebenbei Babys gebären, die im Klo landen. Nicht pädagogisch wirkt das, sondern von sprühender Fantasie. Nicht moralisch, aber engagiert, stürmisch. Eine Aufführung, die Freiheit atmet und von absurder Komik befeuert wird, die eigenen Gesetzen gehorcht. Wie die Menschen auf der Bühne.

Sicher, falls sie verhungern sollte, sagt Tismer, könne sie sich auch vorstellen, ans Stadttheater zurückzukehren. Bloß verabscheut sie eben Hierarchien genauso wie die veralteten Frauenrollen bei Schiller, Goethe, Lessing, Shakespeare, Ibsen und so weiter. Die hätten sie schon immer genervt. Sie habe auch als junge Schauspielerin nicht das Gretchen geben wollen, nicht die Luise, die Julia, die Orsina, die Emilia, die Nora, die Hedda, sie könnte noch etliche nennen. Ihr Zorn hat diese Figuren groß gemacht. Anne Tismer ist glücklich in der freien Szene.

Nächste Premiere: "Xanadu City“ am 4. Juli, 20 Uhr

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