Kultur : „Wir haben den ersten Stein geworfen“

Annette K. Olesen über Muslime in Dänemark, den Karikaturenstreit – und ihr Gefühl von Scham

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Frau Olesen, Ihr Film „1 : 1“ spielt in einer Vorstadt Kopenhagens, in der Dänen mit Ausländern zusammenleben ...

... warum Dänen, warum Ausländer? Die palästinensischen Eltern in meinem Film sind eingewandert, aber ihre Kinder sind Dänen. Sie sind hier geboren und haben einen dänischen Pass. Wir sollten die zweite und dritte Generation nicht mehr Immigranten nennen. Damit schafft man eine riesige Kluft. Das stigmatisiert.

Ist die Vorstadt-Mischung im Film typisch für Dänemark?

In den letzten Jahren sind die meisten „ethnischen Dänen“ aus diesen Gebieten weggezogen. Das ist eine Katastrophe, denn es führt zur Ghetto-Bildung. Frederiksberg, wo ich lebe, ist reich und schön, es gibt viele Privatschulen, aber auch das ist nicht gut. Alle Kinder kommen aus ähnlichen Familien: mit viel Geld, mit denselben Meinungen und Werten. Da hört man auf, andere zu verstehen.

In „1 : 1“ wird der junge Per niedergeschlagen und fällt ins Koma. Arabische Jugendliche werden als Täter verdächtigt. Pers Großmutter rät ihrer Tochter dringend, aus der Siedlung wegzuziehen.

Sie ist keine Rassistin. Eher eine Sozialdemokratin. Nur kennt sie niemanden, der aus anderen Ländern stammt. Sie wohnt auf dem Dorf. An Orten ohne Probleme ist die Angst am größten. Wenn du nicht mitten im Geschehen bist, bläst die Fantasie alles zu etwas noch Schlimmerem auf.

In Dänemark gibt es eine starke nationalistische Partei. Wollen Sie auch deren Wähler für Minderheiten sensibilisieren?

Ich fürchte, die gucken meinen Film gar nicht an. Die Partei ist ein Riesenproblem für die ethnischen Minderheiten, aber auch für uns alle – denn sie ist mit 14,5 Prozent die größte Partei, auf deren Unterstützung die Regierung angewiesen ist.

Die Karikaturen in „Jyllands Posten“ haben das Problem noch weiter angeheizt. Beschämt sie das als Dänin?

Ich schäme mich für vieles, seit vielen Jahren. Ich bin Teil einer Gesellschaft, die massenhaftes Mobbing von Minderheiten erlaubt, vor allem von muslimischen. Wir haben eine neue Unterklasse geschaffen. Politiker sagen ungestraft schreckliche Dinge, zum Beispiel, dass diese Minderheiten wie Krebs sind, der wegoperiert werden muss. Das ist Nazi-Rhetorik.

Kann der Karikaturenstreit da auch eine heilsame Wirkung haben?

Die Mohammed-Karikaturen wirken wie ein Weckruf für Dänemark. Ich hoffe inständig, dass wir uns den selbst geschaffenen Problemen jetzt stellen und unsere Gesellschaft nicht spalten. Die Einwanderung ist ja relativ neu in Dänemark. Vor 30 Jahren hätte sich jeder nach einem Schwarzem umgedreht. Dann kamen viele – aus der Türkei, aus Pakistan und schließlich Araber. Aber wir Dänen sind eher scheu und nicht neugierig, jedenfalls nicht im guten Sinne. Wir begreifen bis heute nicht, dass wir eine multiethnische Gesellschaft sind und es keinen Weg zurück gibt.

Andererseits nennt man die Werte der Muslime, ihre Familienstrukturen oft mittelalterlich.

Aber wie war das denn vor 50 Jahren in Dänemark? Wenn jemand sich scheiden ließ oder abtreiben musste, galt das als riesige Schande.

Einmal sieht man in „1 : 1“ kleine dänische Flaggen auf einem Geburtstagskuchen. In unserem aktuellen Bildergedächtnis sehen wir sie nur brennen.

Wir haben ein romantisches Verhältnis zu unserer Flagge. Ich bin da nicht sentimental, aber es ist ein starkes Symbol. Natürlich erschüttert uns das Verbrennen der Flagge, denn damit ist das Niederbrennen des Landes insgesamt gemeint.

Lars von Trier schnitt kürzlich das weiße Kreuz symbolisch aus der Flagge heraus.

Das war als witziger Protest gedacht. Der Kulturminister hatte Lars’ Film „Idioten“ in einen neuen Kanon aufgenommen, mit dem „Ausländer“ an „nationale Werte herangeführt“ werden sollen. Jetzt hat Lars ein Verfahren am Hals. Gegen „Jyllands Posten“ und die Mohammed-Karikaturen läuft kein Verfahren, im Gegenteil. Die berufen sich auf die Meinungsfreiheit.

Womit sie formal Recht haben.

Meinungsfreiheit ist wichtig, aber es gibt für alles eine richtige Zeit, einen richtigen Ton. Eine demokratische Gesellschaft muss fähig sein, Kritik zu üben, ohne gleich mit Grobheiten um sich zu werfen.

Und die Zerstörung der Botschaften und Kulturzentren in arabischen Ländern?

Wir, die „ethnischen Dänen“, haben den ersten Stein geworfen. Auf eine Minderheit. Minderheiten sind nicht an der Macht. Viele berufen sich jetzt auf eine lange dänische Satire-Tradition – aber wenn wir in Geschichtsbüchern die antisemitischen Nazi-Karikaturen sehen, sagen wir doch auch nicht, das waren lustige Zeichnungen. Es war politische Hetze.

Sie sind in Kopenhagen gegen die Karikaturen auf die Straße gegangen.

Ich habe zusammen mit einer Freundin, deren Eltern Marokkaner sind und die in Dänemark geboren ist, eine Demonstration organisiert, vor acht Tagen. 4000 Leute gingen auf die Straße, um zu zeigen, dass wir keine Extremisten sind, dass wir uns nicht mit dieser Demütigung der Muslime identifizieren. CNN und BBC haben berichtet. Und ich hatte ein Live-Interview in Al Dschasira.

War die Ausgangsidee für Ihren Film auch bereits politischer Natur?

Am Anfang war der 11. September. Und Madrid. Die Anschläge in London passierten während der Arbeit am Drehbuch. Die westliche Welt ist seitdem verwundet und verändert. In diesen Wochen, in denen wir die Erfahrung der Globalisierung schmerzhaft nachholen, werden auch wir Dänen uns dessen bewusst. Es ist eine verrückte, tragische, seltsame Zeit.

Das Gespräch führte Jan Schulz-Ojala.

ANNETTE K. OLESEN, 40, erhielt auf der Berlinale 2002 für Kleine Missgeschicke den Blauen Engel. 2004 lief In deinen Händen ebenfalls im Wettbewerb. 1 : 1 ist ihr dritter Spielfilm.

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