• "Wir haben selbst 20 000 Komponisten, die gespielt werden wollen" - warum deutsche Musik in den USA kaum ankommt

Kultur : "Wir haben selbst 20 000 Komponisten, die gespielt werden wollen" - warum deutsche Musik in den USA kaum ankommt

Volker Straebel

Das Verhältnis von Amerikanischer und Deutscher Musik zu erörtern und "Bestrebungen, Versäumnisse und Zusammenhänge" aufzuzeigen, das war das Anliegen einer Podiumsdiskussion, zu der die American Academy in ihr Haus am Wannsee lud. Einen Tag nach der warm aufgenommenen Uraufführung von Elliot Carters Einakter "What Next?" an der Staatsoper Unter den Linden feierte man den 90-jährigen Komponisten, den Karen Painter als die "wichtigste Stimme der Amerikanischen Musik in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts" einführte. Damit setzte die Musikwissenschaftlerin, die an der Harvard University lehrt und zur Zeit als Berlin Prize Fellow der American Academy in der Stadt lebt, gleich zu Beginn den eher unkritischen Ton des Gesprächs. Sie setzte als Prämisse, was durchaus zu bezweifeln wäre: dass die akademische Musik in den USA - der Elliot Carter in seinem umfangreichen, von Zwölftontechnik wie Neoklassizismus gleichermaßen beeinflußtem ¬¤uvre verhaftet ist - gerade jene amerikanische Musik sei, die kompositionsgeschichtlich Beachtung verdiene.

So konzentrierte sich das Gespräch zunächst auf Carters Opern-Erstling. Der New Yorker Musikkritiker und Librettist von "What Next?", Paul Griffths, erläuterte die Anlage seiner Textvorlage in Bezug auf Carters Verfahren, den sechs Sängern verschiedene Tempi zuzuordnen. Die surrealistische Situation, in der die Charaktere in einem Autounfall ihr Gedächtnis verlieren und im Gespräch ihre Beziehungen und Absichten zu rekonstruieren versuchen, öffne sich einer flexiblen Zeitgestaltung. Den Hinweis von Eleonore Büning ("FAZ"), in der Kombination mit seinem Einakter erhalte die am gleichen Abend aufgeführte, 1929 entstandene Zeitoper "Von heute auf morgen" von Arnold Schönberg mehr Aktualität, wußte Carter geschickt zu entschärfen. Statt die Nähe seiner Musik zur klassischen Moderne zu problematisieren, äußerte er sich zum kompositionstechnischen Hintergrund der Schönberg-Oper, den Hermann Danuser, Professor für Musikwissenschaft an der Humboldt Universität, darauf in Bezug zu deren Genre setzte: Die Komplexität der Musik Schönbergs stehe im Spannungsverhältnis zur Leichtigkeit der Zeitoper mit ihrem ausgesprochen einfachen Plot.

Danuser war es schließlich, der mit größter Vorsicht auf den Unterschied zwischen Avantgarde und "Modern Music" in den USA seit den vierziger Jahren hinwies. Während diese ohne Einfluß auf die junge Komponisten-Generation in Deutschland blieb, nahmen Karlheinz Stockhausen, Dieter Schnebel und Mauricio Kagel die Einflüsse von John Cage und dessen künstlerischem Umfeld begierig auf. Unausgesprochen wurde deutlich, dass Elliot Carter, der 1932-35 bei Nadia Boulanger in Paris studiert und seine musikalische Prägung in Auseinandersetzung mit den ästhetischen Positionen des Vorkriegs-Europas erfahren hatte, nie ein Vertreter wirklich avancierter Musik war. Die Errungenschaften der neuen Amerikanischen Musik wie Happening, Minimal-Music oder das aktuelle Cross-Over bleiben ihm fremd.

Ob solche Tendenzen allerdings in einer Zeit allgemeiner kultureller Durchdringung noch als genuin amerikanisch zu bezeichnen sind, darf natürlich mit Eleonore Büning bezweifelt werden. Ihr (sehr deutscher) Einwand gegen die Annahme nationaler Charaktere in der Kunst verhallte ungehört. Stattdessen erklärte Elliot Carter auf die Frage, warum Neue Musik aus Deutschland so selten in den USA aufgeführt werde, ungerührt, man habe selbst 20 000 Komponisten, die gespielt werden wollen.

Die im Titel der Veranstaltung genannten "Versäumnisse" liegen jedoch nicht im mangelnden Austausch zwischen Deutschland und den USA, sie liegen vielmehr in der gegenseitigen Ignoranz von akademischer und experimenteller Musikszene in beiden Ländern. Hier einen Diskurs zu etablieren wäre wünschenswerter als ein allein der etablierten Hochkultur verpflichtetes Podiumsgespräch, das ohne den Mut zur Konfrontation auf der Ebene höflichen hermeneutischen Interesses verbleibt.

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