Kultur : Wir hängen alle zusammen

Chinua Achebe erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

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Von Gregor Dotzauer

Wer es allzu gut meint mit dem Anderen, das der westlichen Kultur gegenübersteht, versteigt sich schnell zu Sätzen wie: „Nichts ist oberflächlicher als die so genannte Globalisierung.“ Dieter Schormann, der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, sagte ihn bei der Verleihung des Friedenspreises an den nigerianischen Schriftsteller Chinua Achebe in der Frankfurter Paulskirche. Und obwohl es nicht schwer ist, sich vorzustellen, was damit gemeint sein soll, ist er in dieser Form barer Unsinn. Das Gegenteil trifft zu: Nichts ist tief greifender als die Globalisierung – und zwar nicht nur als Erweiterung eines ökonomischen Handlungsraums, sondern als Ausdehnung eines Denkens und Fühlens, das unter die Haut geht, in die Nervenbahnen schießt und bis zu den Synapsen vordringt, im Wachen wie im Träumen.

Und wenn sich so ein grundfalscher Satz noch paart mit einer kulturkritischen Invektive, die ihr Anliegen – Verständnis für fremde Kulturen zu wecken – wiederum durch schiefe Formulierungen verspielt, dann dämmert einem etwas von der Hilflosigkeit, mit der hier Brücken in eine afrikanische Welt gebaut werden sollen, die nur die wenigsten betreten wollen. „Noch immer“, so Schormann, „sind es zum Glück Bücher, die uns helfen, die Welt zu verstehen, nicht Videoclips oder Internet-Suchmaschinen.“

Wer die Welt dann aber mit Hilfe von Chinua Achebes Büchern verstehen will, die unbestritten zum Besten zählen, das – weit über Nigeria hinaus – in Schwarzafrika im 20.Jahrhundert geschrieben worden ist, kann auf Sätze stoßen, die wenig originell erscheinen und die jedem westlichen Autor als Gemeinplatz angekreidet würden: „Wenn wir uns nicht die Erinnerung an unsere Geschichte bewahren, werden wir nicht die Zuversicht haben, die Gegenwart zu bewältigen“, zitiert die Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth Achebe. Oder Theodor Berchem findet in seiner als Porträt glänzenden Laudatio ein Sprichwort aus dem Volk der Ibo, dem Achebe angehört: „The world is a dancing masquerade. If you want to understand it, you can‘t remain standing in one place.“ Übersetzen könnte man das mit einem anderen von Berchems Fundstücken, aus Achebes Roman „Termitenhügel“: „Wir hängen alle zusammen. Man kann nicht die Geschichte des einen erzählen, ohne die anderen mit einzubeziehen.“

Westliche Denker würden daraus sofort hoch fliegende Argumente im Spannungsfeld von Identität und Differenz entwickeln. Sie würden aus Achebes Kritik an einem britischen Kolonial-Gouverneur, der die Beziehung zwischen Schwarz und Weiß einst als Partnerschaft zwischen Pferd und Reiter charakterisierte, Funken schlagen. Man könnte ihr sicher keine ähnlich subtile Dialektik wie Hegels Gedanken zu Herr und Knecht entlocken, aber hat man Pferde nicht immer wieder ihre Reiter abwerfen sehen?

Das Problem ist: All diese Überlegungen zielen zu weit. Aus der Tatsache, dass der Ruf nach Geschichtsbewusstsein ermüdend klingt, folgt nicht, dass er unberechtigt ist. Und Chinua Achebe scheint einfache Dinge solange wiederholen zu wollen, bis sie sich wieder mit Bedeutung füllen. „The bottom line is humanity“, erklärte er tags zuvor auf der Pressekonferenz: Unterm Strich geht es um Menschlichkeit. Und er entwarf zwei Denkmodelle, zwischen denen sich die Menscheit entscheiden müsse. Das eine, nichts anderes als das cartesische Cogito, nannte er „Ich denke, also bin ich“. Das andere, sagte er, sei „The human is the human“: Das Menschliche ist das Menschliche. Die allererste Wahl verläuft also zwischen einer Haltung, in der sich der Mensch entweder zunächst als Individuum wahrnimmt oder als Teil einer Gemeinschaft. Und gleichgültig, ob man diese Ur-Alternative teilt: Sie ist ein provozierender Gedanke.

Das Problem ist aber auch, dass Chinua Achebes Dankesrede nichts von der Lebendigkeit hatte, mit der er die Pressekonferenz bestritt. Ein Drittel bestand aus einer langen Passage seines berühmtesten Romans „Okonkwo oder Das Alte stürzt“ von 1958: einer Szene über das Unglück des Exils und die Leiden in der Heimat, die heute, nachdem Achebe in den USA lebt, fast autobiografisch klingt. Der Rest war ein erneutes Plädoyer dafür, Afrika, anders als in Hemingways Story „Das kurze glückliche Leben des Francis Macomber“, ein Gesicht und eine authentische Stimme zu geben. Man wird sich damit abfinden müssen, dass sie in seinen erzählerischen Werken ungleich vitaler klingt als in seinen theoretisch-essayistischen.

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