Kultur : Wir, ich, wir

Vom Stalinhaus zum Glaspalast: Die Babelsberger Hochschule für Film und Fernsehen Babelsberg wird fünfzig

Hans-Jörg Rother

Das Schlagen der Kuckucksuhr in der Küche, der Widerhall des Balles, mit dem Else auf dem Nachhauseweg spielt, ein Klingeln an der Tür und Schritte im Treppenhaus: Fritz Lang wusste bei „M“, dem ersten deutschen Tonfilm (1931), wie er mit akustischen Elementen den Fortgang der Handlung beschleunigen und die Spannung erhöhen konnte. Langsam lässt Peter Rabenalt, Gastprofessor für Dramaturgie und viele Jahre Leiter dieses Fachbereichs, Sequenz auf Sequenz vorspringen und pfeift auch mal selbst die Grieg-Melodie, die Peter Lorre als Langs pathologischem Mörder bei jeder Aufregung über die Lippen geht.

Wer heute zum Film will, hat es leichter als Fritz Lang, der sein Handwerk bei niemandem lernen konnte. Erst als der Film anfing, eine Geschichte zu haben, entstanden in seinen Zentren Filmhochschulen – Anfang der Dreißiger in Moskau, Rom und Paris, nach dem Zweiten Weltkrieg in Prag und im polnischen Lodz. 1954 requirierte man mehrere leerstehende Villen am schönen Griebnitzsee zwischen Potsdam und Berlin für die „Deutsche Hochschule für Filmkunst“. In der größten davon hatte 1945 zur Potsdamer Konferenz Josef Stalin residiert – im „Stalinbau“, wie man das graue Gebäude mit der imposanten Eingangshalle bis in die Achtzigerjahre inoffziell nannte.

Seit einigen Jahren residiert die Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) in Babelsberg in einem hochmodernen Glaspalast. Durch die breite Fensterfront des Seminarraums geht der Blick über die neu angelegte Marlene-Dietrich-Allee und die „Berliner Straße“ des Medienparks Babelsberg, deren Fassaden schon bei „Sonnenallee“, „Der Tunnel“, „Der Pianist“ und jüngst bei der Neuverfilmung der „Reise um die Erde in achtzig Tagen“ ihren Dienst tat. Die Landschaft am alten Standort an der Karl-Marx-Straße war romantischer und gruselig zugleich: die im dichten Grün fast verschwindenden Villen, der See und unten der geharkte Grenzstreifen, auf dem die Soldaten Patrouille fuhren.

Peter Rabenalt, selbst einmal Student an der Filmhochschule, die von 1969 bis 1990 „Hochschule für Film und Fernsehen der DDR“ hieß , will sich von jeder Nostalgie freihalten. An die Betonwände des im Jahr 2000 bezogenen 40-Millionen-Neubaus musste er sich erst gewöhnen, über die neue Technik darin gerät er dagegen ins Schwärmen. „Wir sind die am modernsten ausgestattete Filmhochschule in Deutschland“, bestätigt auch Hochulpräsident Dieter Wiedemann – mit Seitenblick auf die Konkurrenten in München (Hochschule für Fernsehen und Film), Berlin (dffb, beide 1966 gegründet) und die 1991 eingerichtete Filmakademie Ludwigsburg. Mit 600 Studierenden, fast 200 mehr als vorgesehen, ist sie auch die größte Ausbildungsstätte für den Medienmarkt in Deutschland.

Dabei setzt der Präsident, von Haus aus Medienwissenschaftler, bewusst auf Teamarbeit – und grenzt sich damit gegen die Autorenfilmer ab, denen Helke Misselwitz, Professorin für Spielfim, lieber die dffb empfehlen möchte. An der HFF soll der Regiestudent trainieren, das Buch eines Autors umzusetzen und mit dem Kameramann, dem Szenografen, dem Schnittmeister, dem Produzenten und dem Filmkomponisten zusammenzuarbeiten. Allerdings, auch das gehört zum Lernprozess, finden solche Teams nicht immer leicht zusammen. Schwierig wird es erst recht, wenn ein „Seiteneinsteiger“, etwa ein Schnittstudent, seine Regiebegabung entdeckt und schnell mal einen Tonmann braucht. Manchen Regiestudenten passt sowas schon mal nicht in die Hierarchie.

„Warum will ich Künstler werden? Weil ich berühmt werden will? Oder viel Geld verdienen?“ Rosa von Praunheim verknüpft das Aufnahmegespräch im Fach Regie mit einer Gewissensprüfung. Er sagt „ich“, und auch die Angesprochenen gebrauchen die erste Person selbstbewusst. Ich will es, weil ich es will, könnte man die Antworten zusammenfassen – eine Szene aus der kürzlich vom RBB ausgestrahlten Dokumentation „Ein bisschen Wind unter die Flügel“ von Günter Meyer und Thomas Kruschel. Auf 100 neue Studienplätze kommen derzeit 1300 Bewerber.

Versteckten die früheren Jahrgänge ihre Egomanie besser unter dem Deckmantel des Engagements? „Wir wollten Filme machen, die die Welt erschüttern“, bekennt Jürgen Böttcher, einer der berühmtesten Absolventen. Selten verirrte sich damals ein bedeutender Regisseur an die Hochschule. Als eines Tages Konrad Wolf, der spätere Namenspatron, an der Pforte stand, soll ihm der Eintritt verwehrt worden sein, weil er keinen Grenzausweis vorzeigen konnte, behauptet die Legende. Davon und von vielen durchzechten Abenden in der Studentenkneipe erzählen die Berichte, die Torsten Schulz, Professor für Dramaturgie, in seinem Büchlein „Orangemond im Niemandsland" (Vistas Verlag Berlin) zusammengetragen hat. Es gibt auch andere Geschichten, zum Beispiel den sogenannten Operativvorgang „Widersacher“ gegen Thomas Brasch, Konrad Weiß und Volker Koepp im Jahr 1968. „Vor Wut geheult“, schrieb Koepp in sein Tagebuch, als wieder eines seiner Projekte im Stalinhaus abgelehnt worden war.

Gehen heute – die Studenten sitzen bis in die Nacht an den Mischpulten und in den Schneideräumen, diskutieren aber längst nicht mehr so viel wie ihre Vorgänger – Talente verloren? Der Schluss wäre zu schlicht – und ihm stünden auch Leute wie Andreas Dresen, der wohl berühmteste Absolvent aus der Nachwendezeit, oder auch Jüngere wie Carsten Fiebeler („Kleinruppin forever“) oder Martin Gypkens („Wir“) entgegen. Nur eines will die Schule ganz bewusst nicht: Genies hätscheln, die nach dem milden Klima an der Hochschule den rauen Medienalltag schlecht vertragen.

Festakt am heutigen Freitag mit Kulturstaatsministerin Christina Weiss und Ministerpräsident Matthias Platzeck und geladenen Gästen; Tag der Offenen Tür am 13. November, 10 bis 16 Uhr, Marlene-Dietrich-Allee 11 in Potsdam-Babelsberg

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