Kultur : Wir Kellerkinder Das unverfilmte Drehbuch: Bericht von einer Preisverleihung

Hartmann Schmige

Ich war das erste Mal dabei. Marlene-Dietrich-Straße. Da denke ich an Glamour. Blitzlichter. Luxuslimousinen. Aber nein. Dunkle Gegend. Trübes Wetter. Ein moderner Bau, eine Treppe nach unten.

Ein Keller. Als Studio der Hochschule für Film und Fernsehen genutzt. Trotzdem ein Keller. Bunkeratmosphäre mit Rotkäppchensekt. Oder ist das die Kulisse eines Films, in der die geheime Geburtstagsfeier eines Dissidenten im ehemaligen Ostblock gedreht wird? Kurzer Moment der Irritation. Aber nein, da ist ja der Staatsminister, der den Preis übergeben wird. Und jede Menge Drehbuchautoren. Kein Irrtum. Keller stimmt. Wo werden wir uns das nächste Mal treffen? In einer Gefängniskantine? In der Turnhalle eines Heims für schwer Erziehbare? Man reicht mir Alkoholisches. Runter damit. Schon wird mir ein zweites Glas angeboten. Soll ich mir den Keller schön trinken?

Eine Lautsprecherdurchsage. Der Herr Staatsminister ist soweit. Alle eilen in den zweiten Kellerraum. Dort ertönt frohe Kunde. Der Staatsminister wird seine Schatulle noch weiter öffnen. Noch mehr Geld für noch mehr Filme. Auch die Drehbuchautoren profitieren davon. Ohne sie geht ja nichts, sagt der Staatsminister.

Den Preis bekommt Christoph Fromm. Seine Geschichte „Sierra“ spielt in Afrika, aber nicht in dem Afrika, das wir aus dem Fernsehen kennen, wo weiße Frauen in herrlicher Landschaft ihrem ebenfalls weißen Liebesglück hinterherrennen. Nein, hier treffen ein junger deutsche Obergefreiter und eine schwarze Kindersoldatin aufeinander. Der Irrsinn des Krieges zwingt zwei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, zusammenzuhalten, um zu überleben. Das klingt gut. So etwas möchte ich auf einer großen Leinwand sehen. Aber Fromm hat seit über einem Jahr keine Finanzierung gefunden. Wie das? Wo es doch so viel Förderung aus so vielen Töpfen gibt. Das Problem, sagt Fromm, liegt darin, dass seine Stoffe oft ungeeignet für die TV-Ausstrahlung sind, jedenfalls wenn es um 20 Uhr 15 geschehen soll. Aha. Aber ich will diesen Film nicht im Fernsehen sehen, sondern im Kino. Geht nicht, erfahre ich. Keine Filmförderung ohne Fernsehbeteiligung. Die Produkte müssen fernsehgerecht sein. Verstehe. Deshalb laufen so viele Filme nur kurz im Kino, weil es keine richtigen Kinofilme sind, sondern Fernsehfilme, für die es nicht lohnt, sich vom Sofa loszureißen. Ende der Preisverleihung.

Das Buffet ist eröffnet. Sieht richtig gut aus. Aber ich grüble. Der Preis ist erfunden worden, um mehr Aufmerksamkeit für diejenigen zu gewinnen, ohne die nichts geht. Mehr Aufmerksamkeit bedeutet mehr Achtung und damit bessere Verträge und damit bessere Honorare und irgendwann sogar vielleicht einmal die Verbannung des idiotischen Titels „Ein Film von“, der vortäuscht, der Regisseur sei allein verantwortlich für einen Film. Hallo, liebe Mitbürger, es gibt da unbekannte Menschen, die den Film schon im Kopf haben, bevor er gedreht wird. Sie haben die Geschichte erfunden, die Figuren und die Dialoge.

Aber was dringt aus dem Keller nach draußen? Ein paar dürftige Zeilen in der Presse vor der Preisverleihung und ein paar dürftige Zeilen danach. Irgendwie konnte die Bedeutung dieses „Events“ den Medien nicht richtig vermittelt werden. Der Preisträger kann 30 000 Euro einstecken, ich gönne es ihm. Aber es gibt weiterhin die Schere zwischen eifriger Förderung des Autors vor der Produktion und seiner Vernachlässigung nachher. Die Unbekannten bleiben unbekannt.

Ich verlasse den Keller. Auf der Marlene-Dietrich-Straße ist es weiterhin trüb. Ach Marlene. „Sag’ mir wo die Autoren sind?“ Im Keller. „Wann wird man je verstehen?“ Hartmann Schmige

Der Autor hat den Verband Deutscher Drehbuchautoren mitgegründet. Zurzeit wird in Berlin nach seiner Vorlage der Tatort „Tod einer Heuschrecke“ verfilmt.

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