Kultur : Wir Kellerkinder

Berlins legendäres Programmkino erfindet sich neu: Das Arsenal wird zum Filminstitut

Christiane Peitz

Der gläserne Fahrstuhl gleitet hinab in den Orkus des Filmhauses am Potsdamer Platz. Oben im Sony-Center gibt es das Film- und Fernsehmuseum, die Mediathek, die Kinemathek und die Studenten der dffb, aber die Basis im Keller, der Urgrund von allem ist doch das Kino, das Arsenal. Zwei Säle, 234 und 75 Plätze, roter Plüsch, schwarzes Leder, dazu ein großzügiges Foyer, das manchmal erbaulich-vergnügliche Installationen beherbergt, bei der Berlinale zum Beispiel.

Das Arsenal, das altehrwürdigste und doch avantgardistischste Programmkino der Stadt, es erfindet sich neu. Name, Design und Programm ändern sich, damit die gute alte Tradition bewahrt werden kann. Birgit Kohler sitzt neben ihren Ko-Chefinnen Milena Gregor und Stefanie Schulte Strathaus in einer Bürowabe im sechsten Stock des Filmhauses und sagt kurz und bündig: „Wir heißen jetzt so, wie alle uns immer schon nennen.“ Bisher war das Arsenal das Kino des Vereins der „Freunde der Deutschen Kinemathek“. Ab morgen, ab dem 1. November, heißt der Laden offiziell „Arsenal. Institut für Film und Videokunst e.V.“.

Rückblende. 1970 zog das Kino in die Welserstraße 25 in Schöneberg, vorher gab es dort die „Bayreuther Lichtspiele“. Zwischen Schwulenkneipen und Bioläden, gegenüber von Romy Haag, wurde das Arsenal eine Kultstätte für Cineasten, Studenten und Kulturrebellen, benannt nach Alexander Dowshenskos Film von 1928 über den Aufstand in einer Kiewer Munitionsfabrik. Hier zeigten Ulrich und Erika Gregor – die Gregors (und ja, Milena ist die Tochter) – „in souveräner Verachtung des Marktes“ Tarkowski, den noch keiner kannte, John Cassavetes oder Verbotenes aus Osteuropa, neue deutsche „Arbeiterfilme“, japanische Schwarzweißstillleben und Western bis sehr spät in der Nacht. Alf Bold, der 1993 an Aids starb, schmuggelte Videoexperimentelles unter die Zelluloidklassiker. Zwar lag der Saal mit seinem legendär harten Gestühl, dem schweißmiefigen Teppich, dem Toilettenspülgeräusch von rechts neben der Leinwand und dem drangvoll beengten Vorraum im Erdgeschoss. Aber eine Kinohöhle war das Arsenal trotzdem, Bilderwaffenlager und ebenfalls kellerverbunden, weil die Gregors unten die Kohlen nachlegen mussten, bevor eine Heizung installiert wurde.

Und: Es war immer schon mehr als ein Kino. Nämlich das Aushängeschild des von den Gregors geleiteten, 1963 ins Leben gerufenen Vereins der „Freunde der deutschen Kinemathek“, der seit der turbulenten Politisierung der Berlinale 1970 auch die Festivalsektion des Forums ausrichtet und einen Verleih betreibt. So besorgten die Freunde, wie sie im In- und Ausland bald hießen, weit mehr als nur die Auswertung der KinemathekSchätze, der sie ihren umständlichen Namen verdankten. Aber Vereinssatzungen sind zäh. Wer das Arsenal-Programm im Internet sucht, findet es bis heute unter www.fdk-berlin.de. An der neuen Seite www.arsenal-berlin.de wird noch gebastelt.

Ein Mythos wird umgetauft. Beim Relaunch- und Richtfest am morgigen Samstag mit Ehrengast Tilda Swinton und Berlinale-Chef Dieter Kosslick wird noch ein Abschied gefeiert: vom legendären schwarzweißen Zweimonats-Programmplakat, das in den Achtzigern jede WG-Küche zierte. Den 313 Plakaten folgt nach 28 Jahren eine handliche Monatsbroschüre. Ihr kann man entnehmen, dass die Mischung aus Nostalgie und Avantgarde, Filmgeschichte und Zeitgenössischem, Politischem und Philosophischem, Populärem und Experimentellem erhalten bleibt. Dass die tägliche Magical History Tour mit frühen Meisterwerken fortgesetzt wird, dass im November Clint Eastwood eine Retro bekommt, aber auch der französische Situationist Guy Debord. Das Vorwort erläutert, dass der Zusatz „Institut“ für sämtliche Aktivitäten steht: für „Kino, Verleih und Festival, auch Forschung, Austausch und Beratung“.

„Wir sind ein Kompetenzzentrum“, sagt Stefanie Schulte Strathaus, „und wollen neben den Filmen auch den gewachsenen Erfahrungsschatz sichtbar machen.“ Mit dem Neustart betont das seit 1997 in der Kinoleitung und seit 2004 im Vorstand vereinte Chefinnen-Trio, was das Arsenal zu bieten hat. Nicht nur mit dem Berlinale-Forum unter Leitung von Christoph Terhechte, für das sich das rund 30-köpfige Team regelmäßig erheblich vergrößert. Sondern auch mit Workshops für Lehrer und Kuratoren, Recherche- und Sichtungsmöglichkeiten, Sommerakademien und Kinderprogrammen.

Für all das reichen die 1,69 Millionen Euro vom Bund keineswegs. Also werden Zuschüsse vom Hauptstadtkulturfonds aquiriert oder Kooperationen mit Institutionen wie dem DAAD oder der Bundeszentrale für politische Bildung geschmiedet. Sonst ließe sich selbst die allsommerliche Tarkowski-Schau kaum finanzieren, die längst Kult ist in Berlin.

Die Chefinnen reden manchmal etwas abstrakt über Flexibilisierung, Konzentration und das heterogenere Publikum, über Diskurs und Kontemplation und den Crossover von Kino und Bildender Kunst. Aber lieber noch schwärmen sie. Von der letzten Renoir-Retro. Von den 140 Leuten kürzlich bei der Eröffnung der Lav-Diaz-Werkschau – der philippinische Regisseur macht hochanspruchsvolle Kino-Poesie. Von der lohnenswerten Liebesmüh, rotstichige 16-Millimeter-Filme durch neue Kopien zu ersetzen – was nicht leicht ist, denn die heutigen Kopierwerke sind dafür gar nicht mehr ausgestattet. Oder von der Achtzigerjahre-Retro, die 2006 auf dem Programm stand.

„Wer sagt denn, dass Beton nicht brennt, hast Du’s probiert?“ Der Trip zurück in die Westberliner Szene ist natürlich auch eine Erinnerung in eigener Sache gewesen. Wie war das noch, als der Postpunk Stiletto 1983, bei der Premiere von „Formel Super VII“, mit einer Zündapp ins Arsenal brauste? Pünktlich zum Relaunch erscheint nun das Buch zu den Westberlin-Filmen.

Heute hat das Kino als Ereignis es schwer. Filme laufen auf Handys, auf dem Laptop, in der U-Bahn, da reicht es nicht mehr, einfach nur Qualität zu präsentieren. Das Filmezeigen selbst wird zur Kunst – und die können die Arsenal-Frauen lehren. So wollen sie etwa mit einer Potsdamer-Platz-Reihe mehr Laufkundschaft ins Kino locken. Könnte ja interessant sein, in Ulrike Ottingers „Bildnis einer Trinkerin“ oder in Wenders’ „Himmel über Berlin“ den eigenen Aufenthaltsort auf der Leinwand zu entdecken. Einen Ort übrigens, an dem das Arsenal bis heute ein wenig fremdelt zwischen all dem Glas und Stahl, Mainstream und Multiplex. Aber die coole Umgebung vertreibt auch den allerletzten Westberlin-Mief. Nur die gute Kneipe um die Ecke, die fehlt – sagen die drei.

Und wo bitte bleibt das Politische? Das Plakat zierte lange ein sozialistischer Stern. Anfang Dezember läuft „Greed“ in restaurierter Fassung, das passt prima zur Finanzkrise, sagt Milena Gregor. Und Schulte Strathaus denkt darüber nach, ob sie sich um Sally Potters „Gold Diggers“ bemühen soll, da lernt man erst recht alles über die Welt des Geldes.

Eine Praktikantin schenkte ihnen jüngst zum Abschied ein knallrotes Päckchen Knallkörper. „The Revolution will not be televised, it will be shown on the big screen“ stand darauf. Wer sagt denn, dass Kino nicht Weltbilder umstürzen kann.

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