Kultur : Wir können ja Freunde bleiben

Zwei Comiczeichner verarbeiten die Krisen des eigenen Wachstums: Mawil und Flix

Lars von Törne

Comiczeichner sind Menschen, die nicht erwachsen werden wollen, behaupten Spötter. Aber dann sieht man auf dem Hof einer Grundschule in der Schwedter Straße zwei junge Männer den Ball über jene Tischtennisplatte schlagen, um die sich vormittags Drittklässler scharen. Mawil und Flix nennen sich die beiden, zwei der erfolgreichsten deutschen Comic- Zeichner derzeit, und schnell drängt sich der Eindruck auf: Die wollen gar nicht erwachsen werden. Zumindest nicht so, wie die früheren Klassenkameraden, von denen Flix erzählt: „Die haben Frau und Kind und einen gut bezahlten Job - aber das Wort ,glücklich’ habe ich aus ihrem Mund schon lange nicht mehr gehört.“ Mit Comiczeichnern ist es wie mit Aussteigern: „Das hat etwas von Klassenfahrt“, sagt Flix, der im echten Leben Felix Göhrmann heißt. „Du bist frei, kannst rumspinnen, Quatsch machen, verfolgst ein Ziel, aber bleibst außerhalb der Gesellschaft.“

Wie erwachsen die beiden 28-jährigen Kindsköpfe tatsächlich sind, zeigen ihre Arbeiten. Vergangenes Jahr haben sie die erfolgreichen autobiographischen Bücher „Held“ (Flix) und „Wir können ja Freunde bleiben“ (Mawil) veröffentlicht, in denen sie die eigenen Adoleszenzkrisen auf nachdenkliche, selbstironische und sehr unterhaltsame Weise reflektieren. Jetzt haben die beiden mehrfach mit Comicpreisen bedachten Zeichner, die sich ihren Lebensunterhalt mit kommerziellen Illustrationen verdienen, nachgelegt – und wiederum ihr Leben zum Thema gemacht. Seit kurzem sind „Sag was“ (Flix) und „Die Band“ (Mawil) im Handel. Beide Bücher erzählen von den Jahren des Aufbruchs und Übergangs, die man mit Anfang 20 eben so durchmacht. Bei Flix geht es um die gescheiterte Beziehung zu seiner langjährigen Freundin, bei Mawil um seine Zeit als Bassist in der Rockband TineMelk. Eigentlich geht es aber in beiden Fällen darum, eine Phase der Selbstfindung zu überdenken. Eine Spur Sehnsucht angesichts der vergangenen Jugendtage klingt dabei vor allem bei Mawil an. „So aufregend wie damals ist das Leben heute nicht mehr.“

Wer die beiden Männer mit den szenetypischen Dreitage-Kinnbärtchen zusammen sieht, hat das Gefühl sie kennen sich schon ewig. In Wirklichkeit sind Flix und Mawil aber erst seit einem halben Jahr Freunde, seit der gebürtige Darmstädter Flix nach einem Designstudium in Saarbrücken und Barcelona nach Berlin kam. Ur-Berliner Mawil nahm sich des neuen Kollegen an, der nur ein paar Ecken von ihm entfernt wohnt, und schleppte ihn zu seinem Comiczeichner-Stammtisch, seitdem sind sie Freunde.

Und sie spielen einander auch verbal ständig die Bälle zu. Dabei könnten die Gegensätze nicht größer sein: Flix lehnt sich beim Reden zurück und sagt klare, programmatisch klingende Sätze wie: „Meine Geschichten sind das Ergebnis der Reflektion über die Kapriolen, die mein Leben schlägt.“ Lakonisch und mit bis ins letzte Detail durchkomponierten Zeichnungen erzählt er in „Sag was“ von der wachsenden Entfremdung zu seiner Freundin, von den Selbstmordversuchen einer Bekannten und den Versuchen, solche Schicksalsschläge in einer Gesprächstherapie zu verarbeiten.

Mawil, der eigentlich Markus Witzel heißt, rutscht auf seinem Stuhl unruhig hin und her, sucht nach Worten. Dazu passt sein Zeichenstil, der skizzenhaft, improvisiert und lebendiger wirkt. In „Die Band“ macht er sich über die eigene Unsicherheit lustig, indem er seinem Comic-Ich einen Kreis von Angstschweißperlen ins Gesicht malt, sobald ihn ein Mädchen anspricht, und lässt uns teilhaben daran, wie er als Sänger auf einem Nachbarschaftsfest scheitert. Sein Hang, die eigenen Schwächen so demonstrativ auszustellen, macht ihn zu einem Wiedergänger Woody Allens.

Plötzlich geht die Tür des Ateliers auf. Herein kommt Fil, Comic-Veteran, „Didi und Stulle“-Zeichner, Kabarettist und großes Vorbild von Mawil („Der ist der King von Berlin“). Fil teilt sich das Hinterhaus-Atelier mit Mawil sowie den Zeichnern Reinhard Kleist und Andreas Michalke. Eine Regel der Künstler-WG lautet: Ruhe. Also geht das Gespräch im Dönerladen gegenüber weiter. „Ich wollte früher immer Rockstar werden - jetzt trete ich mit meinen Comics auf“, erzählt Mawil und nimmt einen Schluck türkischen Tee. Für ihn ist das Zeichnen eine Mischung aus Leidenschaft, Selbsthilfe und Ego-Befriedigung, gibt er freimütig zu.

Mawil erzählt, dass er die unglückliche Liebesgeschichte in „Wir können ja Freunde bleiben“ anfangs nicht einmal seinen besten Freunden gebeichtet hätte. „Aber nachdem ich sie gezeichnet habe, war es nur noch eine Geschichte – das war wie eine Therapie.“ Flix beharrt allerdings darauf, dass die persönlichen Geschichten, die er erzählt, keine Privatgeschichten seien, ein feiner aber wichtiger Unterschied. „Ein Buch mit Privatem zu veröffentlichen, wie Dieter Bohlen es getan hat, wäre mir peinlich. Aber wenn ein Autor wie Philipp Roth vom Krebstod seines Vater erzählt, das finde ich toll.“

Wie kaum eine andere Kunstform ist Comiczeichnen eine Obsession. Etwas für Nachtschattenmenschen, die nichts anderes kennen. „Wenn ich einen Tag lang nicht zeichne, fühle ich mich nicht wohl“, sagt denn auch Flix. In „Held“ hat er die fast existenzielle Bedeutung des Zeichnens mit einer Metapher beschrieben, die auch im neuen Buch wieder auftaucht: In schlechten Zeiten sucht ihn eine Horde schrecklicher Monster heim, die immer dann verschwinden, wenn er sie mit seinem Stift festhält. Für seinen Kumpel ist es ein Weg, sich Ansehen zu verschaffen, wie er selbstironisch sagt: „Als ich einmal für länger mit einem Mädchen zusammen war, dachte ich: Jetzt brauche ich keine Comics mehr zu zeichnen.“ Die Beziehung hielt nur eine Woche. Danach zeichnete er wieder. Das war dann doch leichter als Rockstar zu werden.

Angst, dass ihnen angesichts ihres nicht eben fortgeschrittenen Alters bald der Stoff für autobiographische Geschichten ausgehen könnte, haben sie nicht. „Es passiert jeden Tag so viel, was sich zu erzählen lohnt“, sagt Flix und nimmt den letzten Schluck aus seinem Teeglas. „Ich hoffe, wir merken es, wenn wir keine Teenagergeschichten mehr erzählen sollten."

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