Kultur : Wir lassen uns nicht als Spielball benutzen

Warum haben Sie sich zu diesem Schritt entschlossen, nachdem der Direktor der Weimarer Kunstsammlungen gerade angekündigt hatte, die Ausstellung umzuhängen?



STANGL: Auf uns wirkte das nur wie Verzögerungstaktik.Außerdem hätte das Umhängen nichts bewirkt, da die klimatischen Bedingungen katastrophal sind.Mittlerweile wurden zwar Klimageräte hingestellt, aber einige Bilder sind bereits verzogen.



SCHEIB: Vor allem war es die inhaltliche Seite.Kunst ist eine Form der Auseinandersetzung, die einer fairen Grundlage bedarf.Das Mindeste ist eine gestrichene Wand, an dem ein Bild seine Aura, seine Würde bewahren kann.Nur dann hat der Betrachter die Chance, sich eine Meinung bilden zu können.In Weimar aber wird Kulturkolonialismus betrieben.



Wie waren die Reaktionen auf diese Aktion?



STANGL: Das Wachpersonal war regelrecht erleichtert.Die schlichen sich nur davon und beobachteten uns aus der Ferne.Hinterher klagten sie ihr Leid: daß sie permanent den Angriffen wütender Besucher ausgesetzt seien und die Leitung des Hauses sie damit allein ließe.Die Aufseher hatten schon längere Zeit damit gerechnet.Zufälligerweise kam hinterher der Ausstellungskurator vorbei, mit dem wir dann zu sprechen versuchten.Er lehnte das aber ab und stieß uns regelrecht zurück, um sich der Aussprache zu entziehen.



Was steckt hinter einem solchen Ausstellungskonzept: die Haltung eines Einzelnen oder die Einstellung von vielen?



STANGL: Dahinter steckt eine ganze Gruppe von Kuratoren, die sich schon länger mit dem Thema beschäftigen und hier die Möglichkeit zur Profilierung sehen.Die haben ihr Konzept und biegen die Dinge entsprechend zurecht.Hätte es nicht einen solchen Widerstand gegeben, wäre der Kurator heute ein gemachter Mann.Ich glaube, diese Leute hassen die Kunst; sie benutzen sie nur.



Was werden die Folgen von Weimar sein: ein erneutes Aufklaffen der Kluft zwischen Ost und West oder eine heilsame Klärung?



STANGL: Die Heilung wird das sicher nicht bringen.Statt dessen vergrößern sich nur die Risse.Obwohl ich schon 1980 die DDR verlassen habe, stecke ich schon wieder in diesem Boot.Wir wollen als Maler beurteilt werden.Das ist auch der Grund, warum wir unsere Bilder abgehängt haben: Wir wollen uns nicht als Spielball benutzen lassen.



SCHEIB: Mit einer solchen Einstellung werden produktive Widersprüche doch nur eingeebnet.Willi Sitte neben Eberhard Göschel zu hängen, das geht einfach nicht.Die DDR-Kunst wird auf diese Weise beglotzt wie ein fremdländischer Stamm.Letztlich ist eine solche Ausstellung nur destruktiv.In Westdeutschland hätte sich das niemand gefallen lassen, was ein bezeichnendes Licht auf die Künstler der ehemaligen DDR wirft.

Das Gespräch führte Nicola Kuhn

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