Kultur : Wir lesen uns einen Wolf

Alles so schön sachlich: Neue Biografien, Werkkommentare und Dichtungen

Christiane Tewinkel

Was wir vernünftigerweise über Mozart wissen können, wissen wir. Sämtliche auffindbaren Werke, Briefe, Skizzen und Abschriften von Werken anderer Leute sind aufgefunden und erschlossen. Wir kennen das Schlaflied, das der kleine Wolfgang gesungen hat, bis er zehn Jahre alt war („Oragna fiagata fa“). Lyrische Gemmen wie das Gedicht „Madame Mutter! / Ich esse gerne Butter“ von 1778 sind veröffentlicht. Die Schaffensweise des Erwachsenen ist im Detail rekonstruiert. Und geklärt ist mittlerweile auch, dass Mozarts erstes großes Werk, das Klavierkonzert Es-Dur KV 271, für die französische Pianistin Victoire Jenamy geschrieben wurde.

Unvernünftigerweise wüsste man natürlich trotzdem gern mehr: Warum genau hatte Mozart in seinen späteren Jahren Geldprobleme? Wie liebevoll war die Ehe mit Constanze wirklich? Was spielte sich in den letzten Lebenswochen tatsächlich ab? Warum hat sich die Rezeptionsgeschichte gerade bei Mozart soviel erlaubt? Und überhaupt, worin besteht eigentlich die Faszination der Mozart’schen Musik?

Schwer zu sagen. Man könnte es wie Ulrich Konrad halten, der gleich anfangs seines Buches über „Wolfgang Amadé Mozart. Leben, Musik, Werkbestand“ (Bärenreiter) klarstellt, dass das, was „mir an Mozarts Musik nahegeht und mich tief berührt“, nicht von „allgemeinem Interesse sein“ könne.Tatsächlich? Eben noch hat doch Joachim Kaiser beklagt, wie wenig in den vielen Neuerscheinungen über Mozarts Musik selbst zu lesen sei. An Werbendem. Geheimnislösendem. Subtil Erörterndem. Kaiser hat zweifellos recht.

Konrad aber auch. Rezeptionsgeschichte wird eben auch rezipiert, auf das jahrzehnte-, wenn nicht jahrhundertelange Zuviel an musikausdeutender Dichtung längst mit einem Weniger reagiert. Konrad pflegt eine Annäherung an das Leben des Komponisten, die an Nüchternheit, aber auch an Klarheit und Genauigkeit kaum zu überbieten ist. Und legt außerdem ein Großkapitel über die strukturellen Charakteristika der Musik Mozarts vor sowie das leicht hypertrophe Gebilde einer zweihundertseitigen Auflistung des Werkbestandes, zu dem hier selbstverständlich auch Fragmente und Skizzen gehören.

Dem Gebot der Sachlichkeit folgt auch das von Silke Leopold herausgegebene „Mozart Handbuch“ (Bärenreiter), ein von Musikwissenschaftlern wie Volker Scherliess, Peter Gülke, Nicole Schwindt oder Marie-Agnes Dittrich gemeinsam gestemmtes Großprojekt. Überdeutlich scheint das Bestreben auch hier, die oftmals hemmungslose Projektions-Biografik der vergangenen zweihundert Jahre nicht noch weiter zu perpetuieren. „Was uns heute als Mozart gegenübertritt“, schreibt Leopold denn auch in der Einleitung zu dem 700-Seiten-Band, „ist nicht mehr der vertraute Freund aus Salzburger, Wiener und Prager Tagen in Person, sondern ein vielfach übermaltes Bild.“ Dagegen ein möglichst wenig von dicken Ölschichten verklebtes Komponisten-Gemälde zu präsentieren, sind die biografisch gehaltenen Abschnitte dieses Handbuchs nur auf die jeweiligen Werke hin geschrieben. Die elf Großkapitel orientieren sich am Werk Mozarts, seinen Opern, der geistlichen Musik, den Sinfonien, Konzerten und Kammermusiken. Nur folgerichtig scheint es da, dass ein eigener Abschnitt über philologische Fragen den Band beschließt.

Gegen diesen schlauen, in seiner Enzyklopädik dem allwissenden Pfadfinderbuch der Duck’schen Drillinge nicht unähnlichen Werkkommentar nimmt sich der kleine Essayband „Wolfgang Amadeus Mozart“ des Wiener Musikwissenschaftlers Gernot Gruber (Beck) geradezu unscheinbar aus: Der ernste, wenn auch leicht versponnene Diskussionsbeitrag eines, der sich weniger den Kompositionen selbst, als vielmehr den einzelnen Lebensstationen Mozarts zuwendet, um von dort aus grundsätzliche Fragen zu Musik, Ästhetik und Rezeptionsgeschichte zu stellen.

Der Vorsichts-Rekord unter den Neuerscheinungen gebührt indessen dem Italiener Piero Melograni und seiner Biografie „Wolfgang Amadeus Mozart“ (Siedler). Melograni, von Haus aus Historiker, schreibt gar nicht über die Musik, sondern nur über das Leben Mozarts, freilich so gnadenlos ab- und aufzählend, in einem so verhaltenen Stil, dass man gar nicht weiß, ob dieses Buch nun aufregend unaufregend oder doch einfach nur unaufregend zu nennen wäre. Außerdem ist es nicht auf der Höhe des Forschungsstandes. Dass Mozart zum Beispiel auf die schwere Krankheit des Vaters mit einem brieflichen Anklang an Mendelssohn-Bartholdy reagierte, den Tod „als wahren Endzweck unsers Lebens“ begreifend, stimmt nicht nur nicht, weil es Moses Mendelssohn war, aus dessen Schrift „Phädon oder über die Unsterblichkeit der Seele“ hier zitiert worden sein könnte, sondern auch, weil eben diese Verbindung zu Mendelssohn überhaupt wenig stichhaltig ist.

Zu den schwierigen Exotika unter den Neuerscheinungen gehören Martin Gecks „Mozart“ (Rowohlt) und Clemens Prokops „Mozart der Spieler“ (Bärenreiter): Exotisch, weil sie der Hysterie der Sachlichkeit eine angenehme Subjektivität gegenübersetzen, schwierig, weil gerade das nicht mehr en vogue zu sein scheint.

Oder bald wieder? Prokops Buch ist zumindest gut zu lesen. Bunt tapeziert und mit vielerlei Bildern und Infokästen ausgestattet, rast es im Schnelldurchgang durchs Mozarts Leben: Eine frauenzeitschriftklare Lebensdarstellung für Anfänger, die mit Klischees aufräumt, dem Fachjargon absagt und solider ist, als es zunächst den Anschein haben will. Martin Gecks von F.W.Bernstein illustriertes „Mozart. Eine Biografie“ dagegen gibt sich als esoterisches Gebilde aus 12+3+12 Kapiteln, in denen auf nicht unanstrengende Weise nachgesonnen, extemporiert und geradezu hildesheimerisch gedichtet wird, derweil die Nähe zum wissenschaftlichen Diskurs glücklicherweise noch eben fühlbar bleibt. „Harlequin komponiert“ hatte das Buch ursprünglich heißen sollen. Der sachlichere Titel verdankt sich, wie könnte es anders sein, unserem zeittypischen Widerwillen gegen allzu stark gefärbte Lebensbilder.

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