Kultur : "Wir machen es, wie es ist"

ROBERT RICHTER

"Wir wollen die Menschen nicht möglichst geschickt ins Bild bringen, sondern ihr Leben beschreiben", sagt Filmautor Volker Koepp.Seit 1971, als er seinen ersten Film drehte, hat sich der Kern dieser Arbeitsweise kaum verändert.Seine Filme sind geprägt von der geduldigen Aufmerksamkeit für Menschen; auf die salonfähige Annäherung der Dokumentarfilmer an die hektisch montierte und nach markigen Aussagen lechzende Fernsehreportage mit ihren aufdringlichen Großaufnahmen hat sich Koepp gar nicht erst eingelassen.

"Auch in der Bildenden Kunst kam früher kaum einer auf die Idee, extreme Großaufnahmen zu machen," sagt Koepp."Zu sehen sind Menschen in ihrer sozialen Umgebung." Koepp vertraut auf Bilder, die die Menschen in den Räumen zeigen, in denen sie leben und arbeiten.So erzählen in seinen Filmen auch die Räume, die dem gesprochenen Wort Tiefe verleihen.Hinzu kommt das Verhältnis zwischen denen, die erzählen, und denen, die dafür sorgen, daß dies zu sehen ist.Die Präsenz der Kamera vertuscht Koepp nie: Da vermischen sich der Blick des Besuchers mit den Gesten und Erzählungen der Besuchten zu einem spontane Wendungen durchlaufenden Diskurs."Man muß den Mut aufbringen, sich treiben zu lassen.Zwischen mir und den Kameraleuten gibt es die Grundvereinbarung, daß wir keine aufregenden Schnitte oder besondere Kamerablickwinkel machen.Da ist einzig die Hoffnung, daß die Leute vor der Kamera das schon tragen werden.Und dann machen wir es so, wie es ist."

Daß Koepps Filme eine Augenweide sind, liegt auch in der konsequenten Wahl des 35 mm-Filmmaterials.Heute gehört der 1944 in Stettin geborene Filmpoet, der von 1970 bis 1990 Regisseur am DEFA-Studio für Dokumentarfilm war, zu den letzten Dokumentarfilmern, die noch mit 35mm-Material drehen können."Früher war uns gar nicht bewußt, was wir mit dem 35 mm-Filmmaterial hatten, denn es gab nichts anderes.Heute dagegen vereitelt die Filmwirtschaft weitgehend den visuell nuancenreichen 35 mm-Kinodokumentarfilm.Ich kämpfe dafür, daß Dokumentarfilme weiterhin und in 35 mm im Kino gezeigt werden können: Sie sind ein Kinogenre."

Zu DEFA-Zeiten erfolgte die Abnahme eines Films nach seiner Herstellung.Heute dagegen würden Filme vor dem Drehen abgenommen, die Hürde liege in der Finanzierung, kommentiert Volker Koepp lakonisch den Unterschied zwischen seiner Arbeit in der DDR und heute.Die Vorstellung vieler Kollegen aus Westeuropa, in der DDR hätten die festangestellten Filmschaffenden einfach loslegen können, gehe indes fehl."Die Geldfrage war zwar nicht so existentiell, wohl aber mußte man versuchen, mit seinem Projekt in die Planung fürs nächste Jahr reinzukommen.Da haben sich die Regisseure schon sehr um das Produktionsgeld gestritten, das zur Verfügung stand."

Augenzwinkernd fällt Koepps erste Antwort auf die Frage nach der Auswahl der Orte aus, an die uns seine Filme führen."In der DDR haben wir Fremdsprachen halt nicht so geübt!" Vor 1989 besuchte Koepp Menschen in der DDR, allen voran die Arbeiterinnen in Wittstock.Nach dem Ende der DDR öffnete sich der Kreis der Landschaften nach Osten: Menschen in Ostpreußen oder nun - in "Herr Zwilling und Frau Zuckermann" deutschsprachige Juden in der Ukraine."Alles ostelbische Themen," sagt Koepp, "Dinge, die mir aufgrund meiner Lebenserfahrung in der DDR nahe waren und sind."

Die Wahl der Orte für seine Filme ist mehr als eine geographische.Da schimmern Koepps Bewußtsein für das Elend der Vergangenheit wie auch seine Hoffnung auf eine friedliche Zukunft durch."Es sind Grenzlandschaften, in denen Menschen verschiedener Nationalitäten neben- und manchmal auch miteinander gelebt haben.Bei allem Elend, das es in Europa gegeben hat, zeigen sie, daß die Menschen auch freundlich zusammenleben können."

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