Kultur : Wir machen Party

Die Berliner Schaubühne zeigt einen leichten „Sommernachtstraum“

-

Herzlich willkommen in der Schaubühne: Wer sich zum Saisonstart am Lehniner Platz eingefunden hat, wird von Performerinnen im kleinen Pinkfarbenen oder transparenten Schwarzen mit überdrehtem Hallo begrüßt. Der Weg in den Zuschauerraum führt über die Bühne, vorbei an Jan Pappelbaums Doppelstockhaus mit handlungstragender Wendeltreppe, Luftballon- und Girlandendeko. Zwei ausgesucht fidele Akteure schenken Fruchtbowle aus und räumen endgültig jeden Zweifel aus: Man macht hier Party. Eine Fete, die uns in den folgenden hundertzwanzig Minuten unter anderem Darsteller in Biene-Maja-Kostümen, sportliche Nahkämpfe in Schlüpfern, trendige Affenmasken mit blonder Punkfrisur sowie die Penisse der Schaubühnen-Schauspieler Lars Eidinger und Robert Beyer offerieren wird – als Protagonisten eines lustigen Maskentheaters über Anspruch und Abstieg der Kunst.

Der Vorwand für dieses Spektakel: William Shakespeares „Sommernachtstraum“, jene Triebentfesselungsvision in einem nächtlichen Walde zu Athen, wo pfuschende Waldgeister, Feengesäusel und aphrodisierende Zauberkräuter rechtschaffene Handwerker zu Eseln und emanzipierte Elfenköniginnen zu törichten Sexsklavinnen machen, wo pubertierende Jungs der falschen Frau hinterherstolpern und viel über exotische Lustknaben gesprochen wird.

Die Eröffnungsproduktion der Saison war schon mit Vorschusslorbeeren an die Schaubühne gekommen: Premiere hatte dieser sehr frei und sehr leichthändig nach Shakespeare aus dem Ärmel geschüttelte „Sommernachtstraum“, die erste gemeinsame Arbeit des Schaubühnen-Chefs Thomas Ostermeier mit der Choreografin Constanza Macras, bereits im Juli beim Theaterfestival von Athen und Epidaurus. Die angereiste deutsche Kritik saß in einer Möbelfabrik und rieb sich kollektiv die Augen: Man schwärmte von dionysischen Räuschen.

Es ist, ohne Zweifel, ein Befreiungsschlag für Thomas Ostermeier. Einer, den man ihm deutlich ansah beim ausgiebigen Schlussapplaus: Sichtlich beglückt erschien der Regisseur mit der Choreografin gleich dreimal zum Verbeugungsritual an der Rampe. Jawohl, es gibt sie, die fruchtbare Symbiose zwischen Tanz und Schauspiel an diesem Haus! Der kühle Realist und die Trendchoreografin, die ihre Tänzer mit Knieschützern in hitzige Körpernahkämpfe schickt – eine Symbiose, die nie zustande kam zu Zeiten der spannungsgeladenen Doppelspitze Ostermeiers mit der inzwischen von der Schaubühne geschiedenen Choreografin Sasha Waltz. Das war wohl die wichtigste Botschaften dieses Abends; wahrlich keine geringfü gige zum naturgemäß programmatisch aufgeladenen Saisonauftakt.

Was nun den Sommernachts-Rausch selbst betrifft, so ist Macras und Ostermeier ein sehr zeitgeistiges Orgienverständnis zu attestieren. Nämlich eines, das weniger mit Abgründigkeit, Schmutz und Schweiß tun hat als vielmehr mit einer Art Sportlichkeit aus dem Geiste der Loveparade. Brüste, Penisse und hübsche Herrenhintern in akrobatischer Höchstleistung: Beeindruckend, aber komplett ungefährlich. Der Wille zur Orgie kommt mit dem Charme einer verspielten Kindergeburtstagsfeier daher. Eine Ästhetik, die man von Macras kennt und der zuzuschauen über weite Strecken großen Spaß bereitet. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Denn tatsächlich sah man sie noch nie so toll, so komisch, so herrlich aufgedreht und albern, die Schauspieler des Ostermeier-Ensembles: Der künstlerische Flirt mit Macras’ tänzerischen Energiebündeln von der Compagnie Dorky Park holt das Schrägste aus ihnen heraus.

Die unangefochtenen Höhepunkte: Lars Eidinger, der an diesem Abend sowieso in sämtlichen Rollen vom Stripper bis zur tapsig-bebrillten Elfe brilliert, bei einem waghalsigen Lederhosen-Schuhplattler. Oder Robert Beyer mit einer sehr dü nnbeinigen Balletteinlage als Lustknabe in weißen Strumpfhosen – im schön verblödelten Pas de deux mit Bettina Hoppe, die vom Gorki-Theater neu ins Schaubühnen-Ensemble kam. Und natürlich die Livemusiker R. Chris Dahlgren, Maurice de Martin und Alex Nowitz, die so ziemlich alles von Händel bis Hardrock aufspielen und in Nowitz überdies einen hochkarätigen Countertenor aufbieten, der das knallbunte Treiben gern von der Empore kommentiert.

Was von Shakespeare übrig blieb, ist – neben einer Hand voll Verse aus der deutschen Fassung Frank Günthers, deren steife Deklamation nicht zu den Höhepunkten des Abends gehört – die assoziative Struktur des Traums: die permanente Verwandlung, die Auflösung von Linearität, Kausalität, Identität und natürlich die unschöne Erkenntnis von der absoluten Austauschbarkeit des Sexualobjekts. Die Rollenverteilung sieht man ganz locker, und zu verstehen sind sowieso nur Bruchstücke, weil Macras’ Tänzer, die aus aller Herren Länder kommen, die Shakespeare-Fragmente gern in ihren Muttersprachen sprechen. Das ist – auch hierin folgt der Abend der Antilogik des Traumes – leider nicht immer nur kurzweilig, sondern bisweilen auch redundant. Dennoch: Was von diesem Abend bleibt, lässt auf ästhetische Aufbrüche hoffen: zwei Künstler, die sich sichtlich inspirierend aufeinander eingelassen haben mit ihren komplett verschiedenen ästhetischen Zugriffen – zumindest in dieser Hinsicht kann ein Saisonstart kaum vielversprechender sein. Zumal der Supertheaterklassiker Shakespeare ja nicht der Einzige bleibt, der im Laufe der Saison an der Schaubühne auf dem Prüfstand der Zeitgenossenschaft stehen wird.

Nächste Aufführungen vom 7. bis 10. September, jeweils 20 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar