Kultur : Wir müssen alles anders machen

Das Gestalter-Kollektiv Redesigndeutschland zeigt, dass es nicht nur um Hocker geht, sondern auch um Gott

Daniel Völzke

Es ist 001953.636757 Uhr. Die Zeit rast auf einem in die weiße Wand eingelassenen Bildschirm dahin. Das Jahr hat 1000 Tage, der Tag 100 Stunden, die Stunde 100 Minuten. Zu wenig für Rafael Horzon, einen umtriebigen Mann, und das von ihm mitbegründete Künstlerkollektiv Redesigndeutschland. Die Berliner Gestalter haben viel vor: Sie streben eine völlige Reformation des Landes an. „Redesigndeutschland neu gestalten deutschland in alle bereichs“, heißt es in ihrem Manifest. Da die Redesigner mit dem Aufräumen bei der Grammatik und der Zeit angefangen haben, schreiben sie in dieser seltsamen Sprache und rast die Uhr im Dezimalsystem dahin.

Rafael Horzon sitzt in den Räumen der Redesigner in der Torstraße auf dem selbstentworfenen „Berliner Hocker“, der weiß und kubisch nicht nur den Namen nach an Max Bills „Ulmer Hocker“ erinnert. „Die besten Ideen setzen sich immer durch“, ist sich Horzon sicher. Die neue Grammatik des „Rededeutschs“, wie die Redesigner ihre Sprache nennen, folgt dem Motto: „einfachst loesung sein gutst loesung“. Dieses entschlackte Deutsch kennt keine Konjunktionen und keine Großschreibung, deshalb wird die Verneinung nur mit einem „nein“ gebildet, der Plural durch ein angehängtes „s“.

Das klingt nach einer durch eine Übersetzungssoftware verdorbenen Prosa. Doch für die Redesigner hat diese Sprache eine größere Logik als die offizielle – genauso wie das Dezimalsystem die Zeitrechnung von krummen Zahlen befreit. „Es wäre doch schön, wenn alles in geordneten Bahnen verläuft“, sagt Horzon und krault sich den Dreitagebart.

Auch seine Produkte umschreibt das Kollektiv, das zu einem Trio aus Horzon und den Architekten Michel Obladen und Friedrich Killinger geschrumpft ist, in seinem eigenen Esperanto. Auf dem diesjährigen Designmai sticht die Präsentation ihres „Spiritual Zentrums“ unter den über hundert Ausstellern nicht nur sprachlich hervor. Auch im gesellschaftspolitischen Anspruch unterscheiden sich die Redesigner von ihren Design-Kollegen. Denn natürlich muss schon bald nach der Sprache und der Zeit auch die Religion neu gefasst werden: „religions und sie fehldeutung sein ursache fuer meist krises, irritations und kriegs weltweit“. Also bauten Horzon und seine Kollegen diese Installation: Eine quadratische Wand aus weißen Neonröhren konfrontiert den Ruhesuchenden, der sich auf „Berliner Hocker“ aus MDF-Pressholz niederlässt, mit seinen eigenen, hoffentlich religionsfreien Gedanken. In seiner Strenge erinnert dieses „Spiritual Zentrum“ an buddhistische Meditationsorte, im Design an einen noch unterkühlteren Dan Flavin. Wäre Religion eine Frage der Ästhetik, hätten die Redesigner gute Karten.

Anklang findet der Raum auch bei Christian Kracht. Der Schriftsteller und Herausgeber der Literaturzeitschrift „Der Freund“, in der auch Horzon eine Kolumne mit praktischen Tipps füllte, spaziert in das Labor der Redesigner. Er möchte den Religionsraum für seine Schweizer Kulturstiftung kaufen, behauptet er, läuft herum und prüft, ob die Arbeit symmetrisch ist. Eine Neonröhre summt, Horzon solle die bitte noch austauschen.

Als Kracht gegangen und die störende Röhre ausgeschaltet ist, erzählt Rafael Horzon von den Anfängen: Alles begann vor 1953 Tagen, 63 Stunden, 93 Minuten, 42 Sekunden. So zeigt es die Uhr an der Wand. Denn der Gründungsakt war eine Stunde Null. Rafael Horzon, der in den neunziger Jahren die legendäre Galerie Berlintokyo betrieb, hatte die Idee zur Agentur zusammen mit dem Grafiker Paul Snowden. Sie entwickelte sich zu einer Plattform für zeitweilig bis zu zehn freie Designer, Layouter, Videoclip-Regisseure, Fotografen und Architekten. Zwischen den meist anonym auftretenden Mitgliedern sollte es keine Hierarchien geben. Noch heute geht es um „gleichberechtigt menschs“. Als Ausdruck dessen entwickelte der Pop-Fotograf Sebastian Mayer ein Standardporträt, bei dem alle Porträtierten möglichst ausdruckslos in eine Richtung gucken, immer in weißem Shirt vor weißem Hintergrund.

Weiß, schlicht, klar, das ist eine Maxime des Büros. Aus weißen, quadratischen Platten schraubten die Redesigner Arbeitsplätze zusammen. Als „Turbo- Bauhaus“ umschrieb die „Süddeutsche Zeitung“ einmal ihren Stil, und der Vergleich liegt nahe angesichts ausufernder Reformbemühungen bei gleichzeitiger Reduktion der Mittel. Beim vergangenen Designmai war die Gruppe mit einem Würfel-Fertighaus von gerade mal zwei Meter zwanzig Kantenlänge vertreten. „Hausbau“ hieß das Projekt und der Name war in der gleichen Typografie gesetzt wie das „Bauhaus“ auf dem Hauptgebäude der Schule in Dessau.

Dieses Jahr stellen mehrere Designer und Architekten auf dem Festival Minihäuser und Nomadenunterkünfte vor. Den besonders durch Flexibilitätsanforderungen belasteten selbstständigen Gestaltern fallen dazu endlose Variationen ein. Aber die Beschäftigung mit transportablen Behausungen signalisiert auch: Die Berliner Designszene ist auf dem Weg. Nie wird man aber den Verdacht los, dass die Redesigner mit ihren markigen Statements vor allem manche Belanglosigkeiten und unerfüllten Ansprüche der Szene parodieren wollen.

Doch der nachdenklich wirkende und behutsam redende Horzon beharrt darauf: „Redesigndeutschland ist eine Firma“. Und er selbst, der 35-jährige Hamburger, der nie Gestaltung studiert hat, nennt sich „Unternehmer“. Er betreibt eine kleine Abendakademie, eine Partnertrennungsagentur und mehrere kleine Firmen, von denen besonders Moebel Horzon mit nur einem Produkt, einem Regal, bekannt geworden ist. Die meisten dieser Projekte changieren zwischen Konzeptkunst, Partygag, Netzwerk, Persiflage und echter Firma. Ein Kunde kann schließlich jederzeit bei Redesigndeutschland Produkte bestellen und Aufträge erteilen. Die Redesigner haben die Ideen. Jetzt müssen sie nur noch angenommen werden. Dann kann es eigentlich losgehen mit der Umgestaltung Deutschlands. Die Uhr tickt nicht, sie rast.

Redesigndeutschland, Torstraße 94 (Mitte). Der Designmai wird morgen eröffnet und endet am 21. Mai. Zentraler Festivalort („Designcity“) sind die Hallen am Gleisdreieck, Luckenwalder Str. 4-6 (Kreuzberg), täglich geöffnet von 10 bis 22 Uhr.

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