Kultur : Wir müssen es aushalten miteinander Trio fatal: „A Love Song for Bobby Long“

Daniela Sannwald

Er spricht mit heiserer Stimme den schleppenden Singsang des Südens, er hat den glitzernd-verschwiemelten Blick des Alkoholikers, sein rechter großer Zeh ist schwarz angelaufen, sein Gang dadurch unsicher: John Travolta ist in Ehren ergraut, erinnert jedoch in seinem schmuddeligen weißen Leinenanzug auf merkwürdige Weise an sein knapp 30 Jahre jüngeres Ego, das in „Saturday Night Fever“ im eng anliegenden strahlend weißen Dreiteiler Brooklyns Discos unsicher machte. Travolta hat seit seinem Comeback in „Pulp Fiction“ (1994) immer wieder bewiesen, dass er ein guter Schauspieler ist, ist seither in Actionfilmen und Komödien, gelegentlich auch romantischen, aufgetreten, aber zynisch und traumverloren wie in diesem unspektakulären Debütfilm der Regisseurin und Drehbuchautorin Shainee Gabel war er noch nie.

Travolta mimt Bobby Long, einen ehemaligen Literaturprofessor, der unehrenhaft aus der Universität entlassen wurde und an der traumatischen Vergangenheit, der tristen Gegenwart und der dunkle Schatten vorauswerfenden Zukunft leidet. Er hat sich mit einem ehemaligen Studenten (Gabriel Macht) im Haus einer Freundin eingerichtet, einer Sängerin, die am Drogenkonsum zugrunde ging und die ihr Haus in New Orleans den beiden Männern und ihrer längst entfremdeten Tochter vermacht hat.

Die Tochter hat bisher in Florida mit ihrem Freund „von der Redneck-Riviera“ – wie Bobby Long ihn nach zwei Telefongesprächen charakterisiert – gelebt, doch nachdem sie von ihrem Erbe erfahren hat, trudelt sie ebenfalls in New Orleans ein: Pursy ist eine Gelegenheitskellnerin, die eigentlich ein großflächiges Tattoo überm Hintern und einen Sticker in der Nase haben müsste, aber von der reinen, frischen Scarlett Johansson verkörpert wird und daher zu wenig prollig und zu gesund wirkt. Sprachlich kriegt sie’s aber ganz gut hin: ein zwischen Schokoladenplätzchen und Löffeln voller Erdnussbutter herausgequetschtes Genöle, das ihre von dumpfer Renitenz und zäher Lustlosigkeit geprägte Lebenshaltung charakterisiert. Die drei müssen es jetzt miteinander aushalten: Inmitten eines losen Grüppchens von Sonderlingen, Aussteigern, Amateurmusikern, allesamt ehemalige Geliebte von Pursys Mutter, dümpeln sie in der sattgrünen Südstaatenflora träge vor sich hin.

Travolta trägt den Film, er changiert souverän zwischen süffisantem Bohémien und nasty old man; er spielt Anzüglichkeit und Fürsorge, Verachtung und Trauer, gelegentlich müde Gereiztheit, auch Sanftes, Zärtliches klingt an. Man glaubt ihm alles und zwar nicht nur, weil er wirklich ein hervorragender Darsteller ist, sondern weil er sich nicht mehr ums Jungsein bemüht. Er ist darauf nicht angewiesen.

Es gibt diese Tendenz zur Uneitelkeit bei in die Jahre gekommenen Hollywoodstars, zumindest bei den männlichen: Michael Douglas in „Wonder Boys“ (2002) und Bill Murray in „Lost in Translation“ (2004) haben gezeigt, dass Lebenserfahrung und Gelassenheit Männern besser zu Gesicht stehen als Botox-Spritzen und Face-Liftings. Dass das bei Frauen auch so ist, wäre auf der Leinwand noch zu beweisen. Die Generation der jetzt um die Vierzigjährigen wie Julia Roberts, Sandra Bullock und Meg Ryan könnte damit anfangen – und wenn’s nicht anders geht, als Produzentinnen ihrer eigenen Filme.

Babylon Mitte, Cinestar im SonyCenter (OV), Filmkunst 66, Kulturbrauerei

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