• „Wir müssen wieder oben mitmischen“ Kirsten Harms’ Pläne für die Deutsche Oper

Kultur : „Wir müssen wieder oben mitmischen“ Kirsten Harms’ Pläne für die Deutsche Oper

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Frau Harms, wie fühlt sich Berlin an?

Gut! Das ist ein Erlebnis von vertrauter Fremdheit, von fremder Vertrautheit. Was mich sehr gefreut hat: Dass die Belegschaft des Hauses mich mit so offenen Armen empfangen hat. Da hätte ich mehr Skepsis erwartet.

Die Deutsche Oper leidet darunter, dass es in den letzten Jahren entweder eine zerstrittene Leitung gab oder „bloß“ eine interimistische. Stimmung und Motivation, so hört man, lägen am Boden.

Ein Riss durchs Haus ist nie gut, was nicht heißt, dass Interessenskonflikte nicht auch etwas sehr Gesundes sein können. Was mich am Theater fasziniert, ist die Tatsache, dass der Abend als solcher doch immer wieder eine große Gemeinsamkeit stiftet …

… der Lappen muss hoch, und alle Kriegsbeile werden, bis morgen, begraben?

Ja. Im Übrigen formen die künstlerischen Inhalte und Ideen das Selbstbewusstsein. Sie sorgen für Solidarität, nichts anderes.

Nun starten Sie am 1. September sozusagen nur mit einer „Hirnhälfte“. Die andere, der Generalmusikdirektor in Gestalt von Christian Thielemann, nimmt seinen Abschied. Fühlen Sie sich amputiert?

Das will ich doch nicht hoffen! Im Ernst: Natürlich ist der Generalmusikdirektor einer meiner wichtigsten Mitarbeiter, derjenige, der mich am nachhaltigsten beflügeln kann und muss. Andererseits sind die nächsten beiden Spielzeiten ohnehin so gut wie durchgeplant. Aber wir brauchen etwas Zeit, um einen geeigneten Nachfolger zu finden. Ich möchte die Kollektive, Orchester und Ensemble, an diesem Prozess unbedingt beteiligen.

Aber es gab Gespräche mit Thielemann?

Viele! Dass Christian Thielemann von seiner Ausstiegsklausel Gebrauch macht, hat nichts mit der Person Kirsten Harms zu tun. Ich halte ihn für einen tollen Dirigenten. Jetzt gehen wir getrennte Wege. Aber vielleicht arbeiten wir ja eines Tages auch zusammen.

Thielemann konnte sich mit seiner Forderung nach einer finanziellen Gleichstellung seines Orchesters mit dem der Staatsoper nicht durchsetzen. Ist das Ranking der Berliner Opernhäuser somit klar, haben Sie einen Vertrag am zweitbesten Opernhaus der Stadt unterschrieben?

Das wird sich Abend für Abend entscheiden. Natürlich steht die Deutsche Oper ökonomisch schlechter dar. Ich habe dafür zu sorgen, dass das Haus über die Grenzen Berlins hinaus wieder ganz oben mitmischt. Das ist es doch, was die deutsche Theaterlandschaft im internationalen Vergleich so einzigartig attraktiv macht: der Wille zur Innovation, die Auseinandersetzung mit den Inhalten.

Ihre ästhetischen Vokabeln erinnern oft an Götz Friedrich, bei dem Sie Musiktheater-Regie studiert haben: Sie wollen „Geschichten nachvollziehbar erzählen“, sagen Sie, mit Theater eine „Gegenöffentlichkeit“ herstellen. Machen Sie es sich damit heute nicht unerhört schwer?

Natürlich ist die Gesellschaft durch die Massenmedien ganz anders sozialisiert. Was heute interessiert, ist die standardisierte Selbstausstattung des Ichs, die Pflege des Lifestyles. Das Theater hat eine andere Wahrheit zu bieten, und natürlich wird es sich darum bemühen, verständlich zu sein. Ich muss etwas zu sagen haben und ich muss es möglichst einfach und klar sagen können.

Also erwartet das Publikum der Deutschen Oper ab 2006, wenn Ihre eigenen Pläne greifen, kein harter Schnitt?

Ich werfe nicht als Erstes die Grafik des Hauses um, oder betraue – um einer Sensation willen – Menschen aus anderen Berufen mit Erstlingsinszenierungen. Ich frage, welche Geschichte trifft, bewegt und erschüttert uns – und warum? Da ist sehr vieles im Regietheater längst zur Konvention erstarrt. Es ist an der Zeit, einen Schritt weiterzugehen.

Das Gespräch führte

Christine Lemke- Matwey.

Kirsten Harms ist die neue Intendantin der Deutschen Oper

Berlin. Die studierte Musikwissenschaftlerin wurde 1956 in Hamburg geboren und leitete bis 2003 die Kieler Oper.

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