Kultur : Wir schaffen das selber

Periodische Hysterie und ewige Geduld: die Deutschen und ihre Wirtschaftskrise

Moritz Rinke

Wir Deutschen sind ein komisches Volk.

Das Bild, das ich dieser Tage von Deutschland habe, ist zum Beispiel dies: Ein Mann und eine Frau sitzen bequem in einem Raum vor einem Kühlschrank und fressen seit zwanzig Jahren ohne zu denken dahin. Und plötzlich, am Ende dieser Zeit, sitzen beide mit dem Rücken an der Wand, der Bauch ist direkt und ganz platt an den Kühlschrank gepresst, und sie kriegen die Tür einfach nicht mehr auf. Und dann sitzen sie ganz lange ganz blöd da, bis es irgendwann wieder geht. Ich frage mich allerdings auch: Wie lange hält sich die Tiefkühlpizza? Was werden wir noch essen können, wenn die Zeit des Abspeckens, des Denkens und der grundlegenden Reform beendet ist?

Oder anders gefragt: Wollen wir überhaupt die grundlegende Reform? Vielleicht kommt man ja auch irgendwie ohne Abspecken in den Kühlschrank zurück. Und plötzlich sehe ich unser deutsches Pärchen in den komischsten Verrenkungen: Die fette Frau versucht sich auf den Kopf des fetten Mannes zu setzen, so dass im Raum neuer Platz geschaffen wird, der dann dem Aufziehen der Türe zugute käme. Wenn´s klappt, sitzen sie dann übereinander und fressen weiter. Ein furchtbar improvisatorisches Bild, was ja auch irgendwie suggeriert, dass es so nicht ewig weitergehen kann.

Als BSE auftauchte, haben wir Deutschen wochenlang darüber gelesen. Unsere Schriftsteller haben den Niedergang der Menschheit durch des Menschen Hand (via Rind) beschrieben. Dann kam die PID-Debatte. Wir lasen, wie wir uns durch Biotechnologie erst klonen und dann in Darwinismus verfallen und schließlich selber ermorden werden. Dann kam der 11. September, und wir lasen, dass nichts mehr sein werde, wie es war, und dass wir bis an unser Lebensende betroffen, ernst und proamerikanisch leben müssten, sogar die Linken. Mittlerweile aber essen wir wieder alle Wurst, Biotechnologie war im Wahlkampf nicht mal ein Randthema, Harald Schmidt und Stefan Raab senden längst wieder, und offiziell sind wir von „proamerikanisch“ eher das Gegenteil. Besteht da also die Hoffnung, dass auch das deutsche Finanzloch, über das wir alle jetzt so lautmalerisch lesen, ein vorbeieilendes Gespenst ist, über das in sechs bis acht Wochen kein Mensch mehr spricht und schreibt, so dass wir endlich wieder wie unser Pärchen mit Bewegungsfreiheit vorm Kühlschrank sitzen und essen können?

Wir Deutschen sind periodisch denkende Hysteriker, deren Gabe vielleicht allenfalls in der Weimarer Klassik die Weitsicht war. An der Wurst, die wir heute essen, werden wir erst in 30 Jahren wahnsinnig; die PID-Gesetze, die jetzt fast unter Ausschluß der Öffentlichkeit verabschiedet werden, schlagen wahrscheinlich noch nach dem BSE-Wahnsinn zu. Das wäre dann auch ungefähr die Zeit, wo auch die jetzige Rentenreform die heute jüngeren Menschen killt. Aber bis dahin ist doch noch Ruhe, Leute! Nur noch diese sechs Wochen durchhalten oder, sagen wir, bis zum verdauten Schock des ersten Lohnzettels Ende Januar mit anschließenden Landtagswahlen und der Inthronisierung von Roland Koch in Hessen als künftigem Kanzler. Danach im regelmäßigen Abstand ab und zu noch eine weitere periodische Panik, und so kommen wir locker bis zum finalen Showdown.

Wir Deutschen sind eine komische Mischung aus Hektik und Starre. Wie die Irren turnen wir nun um das Finanzloch herum, unser Geist gebiert berauschend schreckliche Szenarien, aber bald legen wir ein schwarzes Tuch über das Loch, und es wird verschwunden sein. Es ist zwar nicht wirklich weg, aber im Geiste wird es weg sein.

Der Historiker Arnulf Baring hat in dieser Woche in der FAZ geschrieben, dass wir auf dem Weg seien zu einer „westlichen DDR“, und dass das Volk jetzt auf die Straße einen Steuerboykott und Revolution machen müsste. Baring hat sogar dazu aufgefordert, was allerdings nicht geschehen wird, denn aus der Mischung von Hektik und Starre erhebt sich kein Volksaufstand. Der Leipziger Revolution lag keine periodische Panik zugrunde, sondern 40 Jahre DDR. Wenn wir Deutschen jetzt 40 Jahre jedes Jahr mehr Steuern zahlen müssten und die Rentner uns dabei von Mallorca aus braungebrannt zuwinken würden, dann würden wir uns vielleicht zur Revolution entschließen. Vorher nicht. Vorher sitzen wir lieber starr vorm Kühlschrank und überlegen, wie wir auch ohne grundlegende Veränderung an die Pizza kommen.

Wir Deutschen haben diese Regierung übrigens auch verdient. Wir haben sie nicht nur gewählt, sondern sie passt auch zu uns, genauso wie die Opposition zu uns passt, weil sie keine ist, sondern nur Hektik, das Pendant zur deutschen Regierungsstarre.

Eigentlich sind unsere deutschen Politiker alle gleich starr und gleich hektisch. Die Hektik ist das Hin und Her der Finanzpolitik, mal diese Steuer, mal jene Steuer, dann wieder eine andere Steuer. Am besten lässt sich die deutsche Hektik bei gleichzeitiger Starre an dem Wort „Steuervergünstigungsabbaugesetz“ erkennen. Das Steuervergünstigungsabbaugesetz ist die dicke Frau, die auf dem Kopf des Mannes sitzt, um irgendwie Platz zu sparen, damit die Kühlschranktür noch aufgeht.

Wir Deutschen lieben das Märchen, in dem ein Zauberlehrling auf die Idee kommt, den Besen zu rufen, damit er ihm helfe und es ihm dann besser gehe. Am Ende aber verprügelt der Besen den Zauberlehrling. Die Besen heißen heute „Verdi“, „IG Metall“ oder „Flächentarif“ oder „Öffentlicher Dienst“.

Ja, uns Deutschen und unseren Politikern, die wir wählten, fehlt so sehr der Mut – die große, klare Bewegung, die sich über all die kleinen hektischen Zuckungen und den Flächentarif erhebt und eine neue, moderne Gesellschaft bauen will. Genauso wie wir uns kleckerweise, häppchenweise das große Loch eingestehen, genauso werden wir uns häppchenweise an das Loch gewöhnen und daran zwischendurch mit unserem Steuervergünstigungsabbaugesetz oder mit dem Abbau der Eigenheimzulage herumwurschteln. Noch sind wir zerrissen, noch schreit in uns der mutigere Teil nach großen bedeutenden Reformen, noch will das kleine Aufbegehren in uns unseren Konservatismus in die Schranken weisen (wie man das auch an einem Organ wie der FAZ sehr gut beobachten kann). Aber ab Mitte Februar, wie gesagt, da wird der Herbst und Winter unseres hektischen Missvergnügens wieder dem alten Frieden und der alten Starre weichen.

Wir Deutschen werden unser System immer lieben, vorausgesetzt es wird uns nicht schnell, sondern häppchenweise ruinieren. Außerdem ist es für uns immer noch beruhigend, dass wir nicht geschlagen und ruiniert werden, sondern dass wir uns selber schlagen und selber ruinieren. Nicht wie die Argentinier, die unter die Räder des internationalen Finanzkapitals gerieten; nein, wir ruinieren uns auch ohne Globalisierung und Weltbank. Wir schaffen das selber!

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