Kultur : Wir sehen, was wir sehen wollen

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Von Oliver Heilwagen

So dürfte sich jene, die selten Ausstellungen besuchen, wahre Kunst vorstellen: Großformatige, golden gerahmte Ölschinken prunken mit farbenprächtigen Landschaften. Die zwölf Idyllen im Neuen Berliner Kunstverein sind erkennbar nach dem Vorbild der Romantiker, allen voran Caspar David Friedrich, komponiert. Stets herrscht das Helldunkel von Abenddämmerung oder Morgengrauen. Meist lenken schmemenhafte Repoussoirfiguren den Blick des Betrachters in endlose Weiten. Geschickt arrangierte Lichteffekte lassen Naturschönheiten überdeutlich zur Geltung kommen.

Doch die Farben sind ein Gran zu grell, die Pinselführung ist zu fahrig, als dass die Werke als Kopien alter Meister gelten dürften. Und immer fehlt etwas: In seinen „Romantic Landscapes with Missing Parts“ inszeniert der bulgarische Maler Nedko Solakov ein raffiniertes Versteckspiel. Manchmal ist der Mangel offensichtlich: Der Mond, dessen Licht sich silbern im Wasser spiegelt, steht nicht am Himmel. Ein Regenbogen besitzt keinen violetten Streifen. Die Auslassungen sind dezent gesetzt. Zuweilen geht nur aus dem Bildtitel hervor, was hätte da sein müssen und nicht da ist. Etwa „Europa“, die laut antiker Sage von Zeus entführt wurde, nachdem er sich in einen Stier verwandelt hatte: Solakovs Stier trägt keine Reiterin. Oder gar „all die tiefschürfenden Gedanken im Kopf des Philosophen“, die der Maler einer Bildgestalt zuschreibt. Auch sie nur Gegenstand der Imagination?

Auf den Raumwänden finden sich kleine Kritzeleien, die die Bildgeschichten fortspinnen. Der violette Regenbogenstreifen hat sich in einen weißen Putzklecks „verliebt“, den er nun umringt. Eine Stimme aus dem Off beruhigt die „geflohene“ Europa: Sie müsse den Stier nicht fürchten, er sei bereits kastriert. Indem der Maler den Bildelementen ein Eigenleben zuspricht, das er ausführlich und gerne an der Grenze zum Kalauer erzählt, verweist er auf das Konstruierte seiner Werke. Er gibt vor, sie seien aus unerlässlichen Versatzstücken zusammengesetzt. Das Ergebnis funktioniert im Wechselspiel mit der Erwartungshaltung eines Publikums, für das die Landschaftsmalerei á la Friedrich oder Blechen zum liebgewordenen Klischee geronnen ist. Den Gemälden „fehlt“ etwas, weil wir das Fehlende in ihnen sehen wollen.

Damit entpuppt sich der scheinbar dilettierende Paysagist Solakov als ironischer Konzeptkünstler postmoderner Prägung. Zum zweiten Mal bedient er sich für seine in Berlin gezeigten Arbeiten altmeisterlicher Techniken: In der Schau „After the wall“ vor eineinhalb Jahren war er mit Konterfeis bulgarischer Neureicher im Stil von Renaissance-Porträts vertreten. Auch das Verfahren, mit Wandtexten den Ausstellungsraum einzubeziehen, hat er mehrfach angewandt: Zuletzt vergangenen Herbst in Stockholm, wo er mit winzigen Kommentaren zur Oberflächenstruktur der Mauern darauf aufmerksam machte, dass ein Saal niemals dem idealen „white cube“ entsprechen kann.

Mit solchen fröhlich-verspielt vorgeführten Strategien persifliert Solakov Mechanismen und Fetischismen des zeitgenössischen Kunstbetriebs. Wer sich an seinen schwelgerischen Romantik-Imitaten nicht sattsehen kann, dem bietet die Galerie Arndt & Partner weiteres Augenfutter: Zeitgleich zum NBK zeigt sie ein Dutzend kleinformatiger Vorstudien in Öl mit ähnlichen Motiven.

Bis 16. Juni im Neuen Berliner Kunstverein (Chausseestraße 128/129). Di bis Fr 12 – 18 Uhr, Sa/So 12 – 16 Uhr. Am 12. Juni um 19 Uhr spricht Iara Boubnova darüber, wie sich „missing things“ in „positive spirit“ wandeln.

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