Kultur : Wir sind alle Eskimos

Armin Petras spielt mit „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ im Gorki

Christine Wahl

Der Norden ist auch nicht mehr das, was er mal war: Selbst im dänischen Königreich kommt der Schnee nur noch aus der Tiefkühltruhe. Lediglich ein einziges Mal lässt Armin Petras – letztlich eben doch ein unverbesserlicher Romantiker – in seiner Bühnenversion von Peter Høegs 90er-Jahre-Bestseller „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ weißes Pulver von der Decke rieseln: wenn die kauzige Protagonistin endlich mit dem Mechaniker aus der Nachbarschaft auf dem Flokati liegt. Bis dahin dauert es knapp zwei Stunden. Und man wäre bei der Høeg-Lektüre – mit Verlaub – nicht im entferntesten auf den Gedanken gekommen, dass die derart lustig sein können!

Zusammen mit der Dramaturgin Juliane Koepp hat Petras aus dem 500-Seiten-Wälzer eine 28-seitige Stückfassung destilliert und dabei dankenswerterweise alles verdruckste Sentiment, was Literatur und Kunst für den hypersensiblen Frauentypus mit leicht übersinnlichen Fähigkeiten gemeinhin auf Lager haben, eliminiert. Die Kriminalgeschichte aus Høegs Vorlage – ein Eskimo-Junge ist im Kopenhagener sozialen Wohnungsbau vom Dach gestürzt, und seine grönländische Nachbarin Smilla findet dank ihres besagten Gespürs heraus, dass es kein Unfall war – interessiert Petras nur am Rande. Stattdessen erzählt er vom strukturellen Fremdsein, nicht nur im eigenen Land und in der eigenen Sozialbude, sondern eigentlich schon im selbstverschuldeten Ikea-Interieur und bisweilen sogar in den Lieblingsstiefelettchen. Und dieses Fremdsein schmollt sich bei Petras eben nicht in der sauertöpfischen FeinfrostMelancholie-Abteilung ein, sondern knallt ganz im Gegenteil an jeder Ecke und jedem Ende schrill aus der Riesentiefkühltruhe. So wie Smillas viel zu türkisfarbener und viel zu dick aufgetragener Lidschatten unter der schwarzen Uschi-Obermaier-Perücke.

Tatsächlich muss man sich diesen Abend – eine Koproduktion mit dem Hamburger Thalia Theater, die nach der dortigen Premiere im April jetzt im Gorki-Studio angekommen ist – ein bisschen vorstellen wie den Besuch in einem Hochbegabten-Kinderzimmer: Mit anarchisch-unschuldiger, beneidenswert zweckfreier Spielfreude machen sich der Regisseur und die beiden Ausnahmeschauspieler Susanne Wolff und Peter Jordan aus dem Thalia-Ensemble über die Story her. Alles, was Susanne Schuboths Bühne mit dem naturalistischen Küchentrakt, dem schrullig zugemüllten Arbeitstisch und dem Billigfrühstücksplatz an Requisiten aufzubieten hat – und das entspricht in etwa dem Angebot einer mittleren Rudis-Resterampe-Filiale –, wird im Laufe des Abends mindestens dreimal selig ergriffen und lustvoll zweckentfremdet. Man bewegt sich dabei durchaus auf dem psychologischen Erkenntnisstand der Wundertütendynamik: Petras’ nordische Freakshow, deren Witz wie bei jeder guten Parodie einzig und allein aus der kompromisslosen Liebe zum Freak geboren ist, wird in jeder Szene ein bisschen bunter, lauter, abgedrehter. Und sie schreckt weder vor Eskimogesängen noch vor Knutvideos und schon gar nicht vor heißen Leidenschaftsausbrüchen in der frostigen Truhe zurück.

Klar: Die Frage, warum es ausgerechnet dieser Roman sein musste, und jegliche von dort aus weiterführende Sinngründelei sollte man ganz schnell unter den Flokati kehren. Die bleibt nämlich ohne nennenswertes Echo. Aber wenn man das alles, ohne nervös zu werden, unterm Teppich belassen kann und auch nur ein minimales Faible für Nonsense hegt, kann man sich an diesem Abend tatsächlich in aller Kindlichkeit totlachen.

Das fängt mit Susanne Wolff an, die bei ihrer durchaus klischeegefährdeten Kettenraucherinnen-Figur zielsicher jede Kitschklippe umschifft und mit erfrischend schlechter Laune zur echten Sympathieträgerin wird. Und es hört bei Peter Jordan nicht auf, der in sämtlichen übrigen Rollen brilliert – vom fellbemützten Eskimokind über den mit Schnellsprechzwang geschlagenen Mediziner bis zum hexenschuss- und arthrosegebeutelten Smilla-Vater. Jordans unangefochtene Paradenummer ist übrigens das Fräulein Lübing: geschätzte 93 Jahre alt, mit nicht mehr ruhigzustellendem Greisinnenhüftschwung, dauerzitternden Händen beim Kaffeenachgießen und einer hochexplosiven Mischung Debilität und Diabolie. Mit so unschuldig guter Laune wie nach diesem Petras-Abend verlässt man das deutsche Theater selten.

Wieder am 28. 10. und 4. 11., 20 Uhr

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