Kultur : Wir sind alle extrem

Interview mit dem „La La La“- Choreografen Edouard Lock

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Die kanadische Tanzcompagnie La La La Human Steps fasziniert seit zwanzig Jahren mit ihren HochgeschwindigskeitsStücken. Jetzt gastiert sie mit Edouard Locks Choreografie „Amelia“ beim Internationalen Berliner Tanzfest.

Edouard Lock, Sie kombinieren rasenden Tanz mit entfesselter Technologie. Erobern die Cyber–Ballerinen die Bühne?

Es wird immer behauptet, meine Frauen seien so extrem. In puncto körperliche Fähigkeiten aber gibt es im Tanz keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Als Choreograf hast du die Wahl: Du kannst die Geschlechtergrenzen eng definieren. Mir dagegen gefällt ein Tanz, der sich frei zwischen den Geschlechtern bewegt. Mit Louise Lecavalier habe ich damals Arbeit an einen Punkt getrieben, da war es egal, ob sie Frau oder Mann ist, ob sie groß oder klein ist. Sie war abstrakt – und das war toll!

Die Frauen nutzen ihren Körper nicht nur, um zu gefallen und zu verführen. Sie setzen ihn auch als Waffe ein.

Sie verwenden ihn aber auch funktional. Was Louise damals machte, war nichts anderes, als was die Männer machten. Aber weil sie eine Frau war, wurde das ganz anders wahrgenommen und interpretiert. Diesmal zeige ich einen Mann, der auf Spitzenschuhen tanzt. Das Stück habe ich einem Transvestiten gewidmet, den ich vor mehr als 20 Jahren kennen gelernt habe. Dieser Faszination spüre ich in „Amelia“ nach. Spitzentanz wird historisch und symbolisch immer mit Frauen assoziiert. Wenn ein Mann das macht, landet man schnell bei der Travestie. Mir geht es um anderes: Ich zeige einen Tänzer, der eine hervorragende Technik hat, der genauso gut tanzt wie die Frauen. Es ist einfach spannend, ihm zuzuschauen.

Sie treiben die Tänzer an ihre körperlichen Grenzen. Sind Sie ein Dompteur?

Das ist schon komisch. Viele sehen Tänzer als ganz passive, reaktive Wesen an. Meine Tänzer sind sehr fordernd. Sie kennen meine Arbeit und wissen, worauf sie sich einlassen. Ich muss da nichts forcieren. Eine Choreografie ist wie ein Text. Zunächst gibt es ein Set abstrakter Strukturen. Es ist die Aufgabe der Tänzer, sie zu verkörpern, ihnen ein menschliches Gesicht zu geben. Ich schreibe den Text, sie machen ihn real.

Geschwindigkeit, Energie und Ekstase sind die Markenzeichen von La La La Human Steps. Geht es allein um den körperlichen Rausch?

Ich bin von Geschwindigkeit fasziniert. Hohes Tempo fegt unsere gewohnte Wahrnehmung hinweg, und auch unser alltägliches Verständnis vom Körper. Wir denken, dass wir unseren Körper sehr gut kennen. Aber das ist ein Irrtum! Der Körper ist etwas Mysteriöses. Das wäre doch eine traurige und erschreckende Vorstellung, dass wir unseren Körper völlig begreifen und kontrollieren. Bei einer hohen Beschleunigung der Bewegung lässt der Körper sich nicht messen, entzieht er sich der Beurteilung. Das ist ein höhere Auffassung vom Menschen. Wir sind extrem - das ist es, was ich über Menschen erzählen will. Die Gesellschaft ermahnt uns ständig: Du musst langsam gehen. Du darfst nicht zuviel von dir zeigen. Aber in uns drin sieht es doch ganz anders aus.

Bei allem Rausch und Thrill: Letztlich künden Ihre Arbeiten doch von der Einsamkeit der High-Class-Performer.

Meine Stücken liegt eine große Einsamkeit zu Grunde. Die Performer wirken vereinzelt, auch wenn sie zusammen auf der Bühne stehen. Es gibt flüchtige Momente, wo eine Verbindung entsteht. Aber die Strukturen treiben sie immer wieder in die Isolation.

Das Gespräch führte Sandra Luzina.

La La La Human Steps: „Amelia“, 21.8. bis 23.8., Haus der Berliner Festspiele. Tickets: 254 892 54

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