Kultur : Wir sind alle Mutter Teresa

Die Sonne geht auf: Das 15. Festival des Osteuropäischen Films in Cottbus widmet sich vor allem dem ungarischen Kino

Kerstin Decker

Im Osten geht die Sonne auf. Man hört das jetzt öfter, nicht nur von Pop-Musik- Sachverständigen. Und jetzt auch noch das Kino! Zum Beispiel Cottbus: Man sitzt Tag für Tag im Festivaldunkel, verliert vor lauter sehr guten Filmen bedenklich schnell den Boden unter den Füßen und entwickelt, je länger das dauert, die Sehnsucht: Man müsste jetzt dringend einen schlechten Film sehen. Das würde das Vertrauen in die eigene Urteilsfähigkeit wiederherstellen. Es würde alles wieder erden.

Schon der letzte Cottbusser Jahrgang war großartig. Man erkennt gute Filme daran, dass sie uns ihre je eigene Zeitrechnung aufzwingen. Du sollst keine andere Zeitrechnung haben neben mir!, sagt jeder. Natürlich wird einem schwindelig davon. Warum aus dem Schwindelgefühl nicht die Prognose machen? Im Osten geht die Kino-Sonne auf!

Eine Antwort gibt der Siegerfilm. Selbstverständlich ist es eine große Ungerechtigkeit, dass „Odgrobadogroba“ das Festival gewonnen hat – es ist eine Ungerechtigkeit gegen die anderen. Trotzdem ist der Film von Jan Cvitkovic eine sehr schöne Entscheidung der internationalen Jury um Andreas Dresen, dessen neuer Film „Sommer vorm Balkon“ das Festival beschloss (vgl. Tsp. S.11): Weil diese kroatisch-slowenische Koproduktion fast alles besitzt, was die neuen Ostfilme so stark macht. „Odgrobadogroba“ bedeutet „Von Grab zu Grab“ und handelt von Pero, der in einem kleinen Ort nahe der Adria unter einem unbeirrbar blauen Himmel wohnt und einen der letzten garantiert krisensicheren Berufe ausübt. Er ist Grabredner. Pero entwickelt im Lauf des Films ein tiefes Verständnis für die Sphäre, in der er sich schon rein berufshalber aufhält, denn sein eigener Vater lebt längst nur noch für die Vorbereitung seines nächsten Suizidversuchs. Man könnte sich zum Beispiel von einem Schrank erschlagen lassen, was aber eine ausgeklügelte Installation voraussetzt. Immerhin weiß Pero, dass sein Vater reden könnte, wenn er nur wollte – die Taubstummheit seiner Schwester dagegen ist echt. Und das ist längst nicht alles.

Das klingt originalitätssüchtig und klamottig, nicht wahr? Das liegt nur daran, dass unsere Sprache alles nacheinander sagen muss, was ein guter Film gleichzeitig sagen kann. Nichts an „Odgrobadogroba“ ist bloßer Effekt, er ist subtil bis in die Fingerspitzen. Wie unmerklich sich Peros Grabreden verändern! Bald werden höhere Einsicht und latenter Irrsinn darin ununterscheidbar: „Nicht jeder wird geboren, aber jeder muss sterben!“ Tragödie? Komödie? Tragikkomödie? Nichts davon. Auch für eine Tragikkomödie ist der Einbruch der Gewalt am Ende von „Odgrobadogroba“ zu stark. Filme wie dieser sprengen jedes Genre.

Der witzigste Filmtitel war „Allitsatok Meg Terezanyut!“, „Stoppt Mutter Teresa!“ von Peter Bergendy, vielleicht der erste Single-Film Ungarns. Es geht um die Mutter Teresa, die jeder in sich trägt, sogar Kata, die Budapester Singlefrau, die eben ihren Verlobten verlassen hat. „Allitsatok Meg Terezanyut!“ kann als Titel über dem ganzen Festival stehen, fast alle Filme sind Variationen auf dieses Thema: Jeder ist ein struktureller Single in dieser neuen, gar nicht mehr so neuen westlichen Welt des Ostens. Hilf dir selbst! Wenn du überleben willst, kümmere dich nicht um die anderen!

Auch die erstaunlichste Variation auf das Mutter-Teresa-Motiv kam aus Ungarn, dem auch der diesjährige Fokus gewidmet war. Zu Recht, denn Ungarn ist ein ganz bemerkenswertes Filmland geworden. Es erfindet immerzu Genres, die es noch gar nicht gibt. Vor drei Jahren zeigte Ungarn mit „Hukkle“ den ultimativen Dorffilm, im letzten Jahr sahen wir „Kontroll“, den definitiven U-Bahnfilm, und jetzt hat der gerade dreißigjährige Regisseur Kornel Mundruczo „Johanna“ vorgestellt – die Neuerfindung des Krankenhausfilms, zugleich das Skandalon des Festivals.

Die schöne Krankenschwester Johanna ist selbstlos, aufopfernd wie Mutter Teresa, allerdings sind ihre Heilmittel etwas anders: sie schläft fast mit jedem Kranken im Krankenhaus und schläft ihn gesund, unabhängig vom Grad seines Siechtums. Mundruczo zeigt das mit größtmöglichem Naturalismus in einem recht versifften Krankenhaus. Der ganze Film ist souverän giftfarben und die Schlagschatten sind so tief und so lang wie im deutschen Expressionismus. Selbstredend profitieren von Johannas Heilungsmethode vor allem Männer. Auch das werfen die „Johanna“-Hasser dem Film vor, aber vor allem den Soundtrack: es gibt kein gesprochenes Wort, alles wird gesungen. „Johanna“ klingt wie eine Wagner-Oper, ein Choral und ein avantgardistisches Oratorium zugleich. Selbst Halbtote haben hier eine Stimme wie Wotan. Das Ende dieser charismatischen Krankenschwester ist wie das aller Engel auf Erden: Wir ertragen sie nicht. Sie stören. Sie müssen weg. Alle singen ungarisch. Vergesst Italienisch! Ungarisch ist die Opernsprache der Zukunft.

Der Spezialpreis der Jury ging an den wunderbaren rumänischen Film „Ryna“ von Ruxandra Zenide. „Ryna“ behandelt die Frage, ob Kinder ihren Eltern oder doch eher sich selbst gehören, genauer: kann Ryna (mit unvergesslich sanftem Lächeln: Dorotea Petre) dauerhaft die Mutter Teresa ihres Vaters sein? Anders: Muss man die Mutter Teresa für seine Freundin und deren Kinder sein, um den Preis des eigenen Glücks? Das ist die Hauptfrage aus Bohdan Slamas „Stesti“ („Die fünfte Jahreszeit heißt Glück“), der bald in unsere Kinos kommt und in diesem Jahr schon die Hauptpreise von San Sebastian, Athen und Montreal gewann. Schade, dass „Tribujetsa Njanja“ („Babysitter gesucht“) der Russin Larissa Sadilowa leer ausging. Sie drehte wohl den verstörendsten Mutter-Teresa-Film: die neuen Russen haben neue Kinder (Engel und Dämon zugleich) und haben andere Russen als Babysitter, die früher nicht selten Akademiker waren. Ein explosives Arrangement.

Vor genau fünfzehn Jahren wurde dieses Festival des Osteuropäischen Films in Cottbus erfunden, gleichsam als Trotzreaktion gegen die Furie des Verschwindens. Vielleicht dachte man, wenn wir hier ein Festival des Ost-Kinos haben, muss es doch irgendwie existieren. Machte es auch. Es schickte lange tastende Strahlen, und man wusste lange nicht, ob das nun eine Morgen- oder eine Abenddämmerung war. Nun ist volles Tageslicht daraus geworden. Das musste wohl so lange dauern, weil erst jetzt die neue Normalität im Osten normal geworden ist, obwohl viele sie für nicht ganz normal halten. Eine Frage der Reife und idealer Stoff fürs Kino.

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