Kultur : Wir sind auch Helden

Hartz IV, Neonazis, Alt-Ökos: junge deutsche Filme auf dem Max-Ophüls-Festival in Saarbrücken

Rüdiger Suchsland

„Sicherheit ist jetzt das große Thema der Zukunft.“ – Das sagt der Richtige: Marcel, gespielt mit herrlicher Verve und Nervtöterei von Milan Peschel, ist das Musterexemplar jenes Typus’ mittelalter ostdeutscher Männer, die, so scheint es, die großen Verlierer der Wende sind. Schon Edgar Reitz portraitierte in „Heimat 3“ so einen Unglücksraben, jetzt steht er im Zentrum von Robert Thalheims Film „Netto“. Irgendwann lief Marcel die Frau weg, natürlich mit einem reichen Wessi, von dem sie jetzt ein Kind erwartet; einen Job hat er schon lange nicht, und so lebt er in seiner Wohnung am Prenzlauer Berg zwischen wenig Hoffnung und viel Verzweiflung in den Tag hinein. Wenn er nicht seine Lieblingssongs von Peter Tschernig hört, dem „Ostberliner Johnny Cash“, träumt er von einem Job als Personenschützer. Plötzlich steht sein Sohn Sebastian vor der Tür, der so alt ist wie der Mauerfall und will bei ihm wohnen. Bald fängt der Sohn an, den Loser-Papa zu drillen, ihn mit Motivationstechniken aus dem Leistungskurs auf Bewerbungsgespräche vorzubereiten, und man begreift, wie ähnlich sich beide im Grunde sind. Irgendwie raufen sie sich zusammen, ohne dass der Film bei all seiner Menschenfreundlichkeit suggeriert, dass nun plötzlich alles gut wäre.

„Netto“ ist eine herbe, stille, sehr gut beobachtete Komödie über einen Mann am Rande des Nervenzusammenbruchs, die immer ganz knapp an der Tragödie vorbeischrammt. Der Film zu „Hartz IV“ – denn bei der kleinsten Enttäuschung reißt das Sicherheitsnetz in Marcels Leben. Bei aller Verzweiflung, die am Ende spürbar wird, bleibt der Film doch irgendwie gut gelaunt. Auf dem Saarbrücker „Filmfestival Max Ophüls“ hatte „Netto“ Premiere und gewann immerhin den Förderpreis, obwohl allein schon seine herausragenden Darsteller mehr verdient hätten – neben Peschel auch Sebastian Butz, der den Sohn spielt, und Stephanie Charlotta Koetz als dessen Freundin.

Unter den deutschen Festivals ist Saarbrücken das mit der stärksten Konzentration auf den deutschen Film, und hier wieder auf den Nachwuchs, der im Wettbewerb um den angesehenen „Max Ophüls Preis“ antritt. Daher ist Saarbrücken auch wie kein zweites Festival abhängig vom jeweiligen Jahrgang. Diesmal hatte das Festival um Leiter Boris Penth, der aus privaten Gründen seine Position verlässt, Glück. Zwar gab es keine Riesenüberraschung, wie im Vorjahr „Muxmäuschenstill“, dessen Erfolgsgeschichte mit dem Wettbewerbssieg begann, doch sah man eine ganze Reihe interessanter, guter Filme. Stärker, als noch vor wenigen Jahren, beschäftigen sich die jungen Filmemacher mit der Welt in der sie leben, auch wo sie nicht zum Komödienstoff taugt. Es sind zwar immer wieder die Geschichten vom Erwachsenwerden, dem Verhältnis zu den Eltern, erster Liebe und Kameradschaft mit Gleichaltrigen – aber die Einzelheiten der Geschichte und die Form, die man ihnen gibt, verändert sich kaum merklich hin zu einem gebrocheneren Blick, der nicht mehr wegschaut, wo es wehtut.

Das gilt mit gewissen Abstrichen auch für Lars Jessens überraschenden Gewinnerfilm „Am Tag, als Bobby Ewing starb“. Eine nostalgiegetränkte Zeitreise in die 80er, als „AKW nee“-Sticker auf dem Auto klebten und man vorm Waldsterben Angst hatte. Jessen verschmilzt private und öffentliche Geschichte und erzählt von Mutter und Sohn, die in eine Landkommune ziehen. Natürlich ist es lustig, Peter Lohmeyer zuzusehen, wie er mit schulterlangen Haaren Windräder aufstellt und gegen „imperialistischen“ Bohnenkaffee wettert. Als Provinzportrait und Coming-of-age-Komödie mit witzigem Set-Design funktioniert der Film sehr gut. Aber so politisch, wie er gerne wäre, ist er nicht. Das inzwischen auch im Kino gern praktizierte 68er-Bashing mündet hier in ein Plädoyer für das Unverbohrte, das am Ende etwas recht Diffuses hat – als ob die 68er auch noch daran schuld wären, dass heute alle unpolitisch sind.

Gelungener waren zwei anderen Wettbewerbsfilme. Florian Schwarz gewann den Drehbuchpreis für seinen mit nur 80000 Euro produzierten Noir-Thriller „Katze im Sack“. Dabei war das komplizierte Script noch der schwächste Teil an einem märchenhaften Film, der vor allem visuell, mit herausragender Kamera, gutem Schnitt und Musik sowie seinen Darstellern – der aus dem Fernsehen bekannte Walter Kreye endlich einmal im Kino – überzeugt. Der Film verknüpft unter ständigen Perspektivwechseln das Schicksal von drei Personen, die sich in einer Nacht in Leipzig begegnen. Es geht um Einsamkeit, Grenzüberschreitung, vielleicht auch Sehnsucht. „Katze im Sack“ ist jederzeit richtiges Kino, das sich von aller Fernsehästhetik gelöst hat, und schon durch seinen Mut, mit Konventionen zu brechen, Spaß macht. Im Einzelnen nicht ohne Fehler, ist das Ganze ein großer Wurf.

Das kann man durchaus auch über „Kombat Sechzehn“ von Mirko Borscht sagen, der zum kleinen Skandalfilm wurde, weil sich Jurymitglied (und Vorjahressieger) Markus Mittermeier bereits im Kinosaal für alle hörbar über den Film echauffierte. Im Stil von „American History X“ taucht Borscht ein in die Jugendkultur ostdeutscher Neonazis. Der Film, dessen Drehbuch übrigens von einer Frau geschrieben wurde, zeigt, glücklicherweise ohne voreilige Distanzierung und moralischen Zeigefinger, Gewalt als Bestandteil heutiger Jugendkultur und nimmt sich ernsthaft der Frage an, warum ein 15jähriger zum Skinhead wird. Dabei ist dies das Gegenstück zu einem Film wie „Napola“, der allen unschönen Seiten seines Themas ausweicht. Borscht macht sich nicht mit der Szene gemein, ist in seinem Urteil immer klar, aber er hat mehr Fragen als Antworten. Trotzdem ging „Kombat Sechzehn“ ohne Preis aus. Wohl auch, weil in dem vom ZDF mitfinanzierten Film – obwohl über weite Strecken gelungen inszeniert – doch ein paar Kolportageelemente und überzeichnete Szenen den Gesamteindruck trüben.

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