Kultur : Wir sind das Herz des Kulturföderalismus

Nicola Kuhn

Peter Klaus Schuster, der neue Generaldirektor der Staatlichen Museen in Berlin, über seine PläneNicola Kuhn

Seit einer Woche ist der neue Generaldirektor der Staatlichen Museen, Peter Klaus Schuster (56) im Amt. Über das neue Selbstverständnis der Berliner Institution, die vordringlichsten Aufgaben und die Suche nach dem Publikum sprach er mit Nicola Kuhn.

Herr Schuster, warum hat Klaus-Dieter Lehmann, der neue Stiftungspräsident, den Posten des Generaldirektors wieder eingeführt, den er usprünglich abschaffen wollte?

Vermutlich hat Herr Lehmann erst mit seinem Auftreten auf der Bühne gemerkt, wie kompliziert das Management eines solch großen Kulturkonzerns ist. Außerdem gibt es das Statut der Staatlichen Museen zu Berlin, das seit 1830 einen Generaldirektor vorsieht und immer funktioniert hat. Diesen Traditionen ist Herr Lehmann dann doch gefolgt.

Wie werden Sie diese Aufgabe gestalten?

Lustvoll und dienend zugleich. Dieses Vergnügen an der Kunstgeschichte soll erlebbar sein in unserer Museumsarbeit mit den Originalen, mit dem Publikum, dem ständigen Termindruck. Wir müssen dem Anspruch der Werke genügen, dürfen aber auch die Vermittlung nicht außer Acht lassen.

Wie viel Autonomie hat dabei der einzelne Museumsdirektor?

Mein Stil wäre mit einer Theater-Metapher zu beschreiben. Ich will bei der Aufführung dabei sein: die Lampen stellen, die Kulissen schieben, mit den Schauspielern arbeiten, die Bühnenmaschinen pflegen und ölen. Auch das Museum sollte wie eine kunstvolle Maschine funktionieren, wie eine Orgel. Das bedeutet nicht unbedingt größere Freiheit, denn ich will weit mehr Hand anlegen und mitentscheiden, um den Museumskomplex als Ganzes dem Publikum nahezubringen. Dazu gehört, dass ich ein eigenes Haus habe, die Nationalgalerie. Generaldirektor mit eigenem Museum, allen Pinakotheken und 17 Zweiggalerien, war ich schließlich schon in München. Darunter kann man es dann nicht mehr machen.

Ist das zu schaffen, gleichzeitig Generaldirektor und Direktor eines eigenen Hauses zu sein?

Das muss man so einteilen, dass niemand den Generaldirektor vermisst, aber die Kollegen der Nationalgalerie auch etwas von ihrem Direktor haben. Das sollte gehen, denn schließlich habe ich hervorragende Vertreter in allen Dependancen.

Haben da nicht die anderen Direktoren die Befürchtung, dass die Nationalgalerie bevorzugt wird?

Dies muss man immer mitdenken und aufpassen, dass solchen nachvollziehbaren Befürchtungen keine Nahrung gegeben wird.Gleichzeitig ist nicht zu verkennen, dass die Nationalgalerie im vergangenen Jahr 1 300 000 Besucher hatte, also den Staatlichen Museen fast 60 Prozent des Besucherzustroms einbrachte.

Im Vergleich zu den angelsächsischen Ländern sind das immer noch sehr geringe Besucherzahlen.

Das liegt natürlich auch an der Struktur Berlins. Die National Gallery in London liegt direkt am Trafalgar-Square; die Stadt hat eine ganz andere Dichte. Berlin ist zwar riesig, aber von der Bevölkerungslandschaft her relativ klein: 4 Millionen sind kein grosses Potential. Im Raum Köln / Düsseldorf hat jede Ausstellung schon hunderttausende Besucher aus den Niederlanden, aus Belgien und Frankreich. Aber es gibt keinen Grund zu klagen, denn Berlin ist als Tourismusstadt hoch attraktiv.

Wie wollen Sie das Publikum in die Museen holen?

Wir orientieren uns verstärkt an unseren französischen, amerikanischen, britischen Kollegen. Vor allem schauen wir nach London.. Wichtig erscheinen mir pragmatische Handreichungen, damit es der Museumsbesucher leichter hat. Zum Beispiel habe ich in den Münchner Pinakotheken einen "Übersichtsplan" mit einem speziellen Telefonservice für Touristen eingeführt. Außerdem müssen wir verstärkt mit jungen kunsthistorischen Führungskräften arbeiten und die Mehrsprachigkeit ausbauen. Für die Steigerung öffentlicher Wirkung werden wir auch mehr mit zeitgenössischen Künstlern kooperieren.

Wie sehen sie die Rolle der Staatlichen Museen in Berlin als neuer Hauptstadt?

Wir sind gestärkt durch die Rolle Berlins als Hauptstadt und Regierungssitz. Das erhöht auch den Erwartungsdruck, den wir ohnehin durch den Reichtum der Sammlungen verspüren. Noch gibt es den Charme des Improvisierens und des Verzeihens, denn es kann gar nicht alles so wunderbar funktionieren wie etwa in München, wo seit 1945 alles mit großem Kunstsinn wieder aufgebaut wurde.

Wie ist die internationale Einschätzung?

Für unsere Kollegen aus dem Ausland hat sich mit Berlin als neuer alter Hauptstadt sehr viel geklärt. Von außen wussten sie vorher nie genau, an wen sie sich wenden sollten. Jetzt müssen wir als Staatliche Museen zu Berlin für diese uns zugedachten nationalen und internationalen Aufgaben bereitstehen. Zugleich sind wir aber eine Institution, die den Bundesländern gehört, die von allen getragen wird. Wir sind also einerseits zentraler Teil des Regierungsprogramms für Kunst und Kultur, andererseits sind wir eine Einrichtung des Kulturföderalismus und stehen für die Vielfalt. Es weiß ja auch niemand genau, wem die Staatlichen Museen eigentlich gehören. Jeder nimmt an, der Bundesrepublik. Tatsächlich sind wir zusammen mit der Staatsbibliothek und dem Geheimen Staatsarchiv das kulturelle Erbe des untergegangenen Staates Preußen. Aus diesem Grund gehören wir heute allen Bundesländern mit starker finanzieller Beteiligung des Bundes und des Landes Berlin.

Sie brauchen nicht nur Partner in anderen Museen, sondern auch außerhalb: Sponsoren ebenso wie praktische Hilfe. Welche Bedeutung hat für Sie diese Unterstützung von dritter Seite?

Das muss man in einem größeren Zusammenhang sehen. Wir wollen vor allem unseren Besuchern den Besuch sympathisch machen. Eine Möglichkeit wäre eine Akademie für Museumsbesucher ähnlich der "Ecole de Louvre", die mit Vorträgen, Kursen zur Kunstgeschichte, Besuchen in den Restaurierungswerkstätten oder Ausstellungsreisen ein vielfältig neugieriges und interessiertes Museumspublikum an sich bindet. Dafür benötigt man allerdings viele Helfer und auch praktische Unterstützung. Was die Sponsoren betrifft, suchen wir langfristige Partner: So könnte sich jener Weltkonzern, der bevorzugt außereuropäisch tätig ist, im Völkerkundemuseum in Dahlem engagieren oder jenes Unternehmen, das sich mit der abendländischen Bildungstradition seit der Antike besonders verbunden fühlt, sollte sich für die Häuser in Berlin-Mitte stark machen. Ein Sponsor sollte seinen Förderbreich wie einen Maßanzug empfinden.

Ein Verdienst Ihres Vorgängers war es, die Sammler wieder nach Berlin zu holen: Heinz Berggruen war sein größter Erfolg. Wie werden Sie auf diesem Gebiet aktiv sein?

Die 1996 von der Nationalgalerie und den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen gemeinsam organisierte Tschudi-Ausstellung hat das Bewusstsein neu dafür gestärkt, wie engagiert um 1900 das Bürgertum gerade in Berlin als Sammler und Mäzen für die Museen war. In dieser Richtung darf auch zukünftig wieder gehofft werden. Heinz Berggruen ist ein grandioses Beispiel dafür, was möglich ist.

Der Hamburger Bahnhof gilt bis heute als Problemkind, da zumindest für Außenstehende eine klare Programmatik fehlt. Wie soll es dort weitergehen?

Ich bin ziemlich sicher, dass eine "klare Porgrammatik" für ein Museum der Gegenwart nur ein Gedanken-Phantom sein kann. Wie dem auch sei, als Nächstes zeigt der Hamburger Bahnhof die umfassende Ausstellung "Collage - Montage" als Teil der Jahrhundert-Ausstellung "Das XX. Jahrhundert", die wir am 3. September im Alten Museum, in der Neuen Nationalgalerie und weiteren Abteilungen am Kulturforum in der Kunstbibliothek, dem Kunstgewerbemuseum und dem Kupferstichkabinett eröffnen. Künftig wird der Hamburger Bahnhof noch stärker eine Bühne all jener Sammlungen der Staatlichen Museen sein, die ins 20. Jahrhundert reichen. Zugleich - das ist die Quadratur des Kreises - muss die Sammlung von Erich Marx als Rückgrat dieses Hauses würdig präsentiert werden. Irgendwann wird die Sammlung Marx in ihren klassisch gewordenen Teilen in die geheiligten Gefilde der Neuen Nationalgalerie überwechseln. Damit würde sich auch der Hamburger Bahnhof verändern. Er wird zunehmend die internationale Aufführungsbühne für die Kunst des 21. Jahrhunderts und deren Vorgeschichte.

Welche neuen Projekte planen Sie in nächster Zeit?

Da möchte ich mich gerne auf das Recht der ersten hundert Tage zurückziehen, in denen man eine gewisse Schonung für verschwiegenes Nachdenken genießt. Die erste große Aufgabe ist aber ganz präzise "Das XX. Jahrhundert - Kunst in Deutschland". Diese Schau wollen wir 2004 mit einer reinen Kunstgeschichtsausstellung konfrontieren: "100 Jahre deutscher Künstlerbund". Dann wollen wir mit dem Museum of Modern Art in New York und dem Centre Pompidou in Paris kooperieren. Am 4. Oktober ist aber erst einmal das Richtfest der Alten Nationalgalerie auf der Museumsinsel mit dem Bundeskanzler und dem Regierenden Bürgermeister als Redner. Das größte und allererste Ziel bleibt die Fertigstellung der Museumsinsel innerhalb der nächsten zehn Jahre. Eine weitere große Aufgabe ist es, den Reichtum und die Schönheit der Staatlichen Museen zu Berlin einem internationalen Publikum als anschaulichen Begriff humaner und gebildeter Tradition dieses wieder vereinten Deutschlands deutlich und erlebbar zu machen. Zudem muss man gehend erfahren können, dass wir als der größte Museumskomplex in Deutschland durch die vielfältig kooperierende Tätigkeit unserer Häuser zugleich das Zentrum des deutschen Kulturföderalismus sind. Erst auf dieser Folie machen unsere Pläne zur Gründung eines "Nationalen Zentrums für Photographie" und eines "Deutschen Architekturzentrums", Letzteres hoffentlich in Schinkels wieder aufgebauter Bauakademie, ihren aussagekräftigen Sinn.

Mit Ihrem Amtsantritt haben Sie sofort Anspruch auf den Martin-Gropius-Bau erhoben.

Das war eine Selbstverständlichkeit: Ein Haus, das uns einmal gehörte und im Grundbuch noch immer auf uns eingetragen ist, bleibt einem unendlich nahe. Es wäre frivol gegenüber diesem Haus, es nicht haben zu wollen. Für den Plan, aus dem Martin-Gropius-Bau das grosse internationale Ausstellungshaus zu machen, sind wir in dieser Stadt die kompetentesten Betreiber. Wir wollen aber auch anderen Ausstellungsauftritte ermöglichen: der Bundeskunsthalle oder dem Deutschen Historischen Museum. Natürlich wollen wir im Martin-Gropius-Bau auch mit eigenen Projekten und internationalen Kooperationen präsent sein. Das geht aber nur im Zusammenspiel mit den Staatlichen Museen. Christoph Vitali macht dies bereits in München im Haus der Kunst mit der Staatsgemäldesammlung vor, in Paris funktioniert das bestens mit dem Grand Palais und der "Reunion des Musées Nationaux".

Wann wollen Sie dort zu arbeiten beginnen?

Noch gibt es keine Dringlichkeit, weil die Programme für den Martin-Gropius-Bau bis 2001 verabredet sind. Für die Zeit danach sind wir offen.
© 1999

0 Kommentare

Neuester Kommentar