Kultur : Wir sind der Schmerz

ECKART SCHWINGER

Wer noch Abbados Aufführung von Wagners "Tristan" im Ohr hatte, wird bei der Begegnung mit dem "Zaubertrank", dem anderen "Tristan" von Frank Martin - im Rahmen des Philharmonischen Zyklus "Tristan und Isolde - der Mythos von Liebe und Tod" - zu der Erkenntnis gelangt sein, daß ein Vergleich zwischen beiden Werken zwar naheliegt, aber letztlich kaum durchzuführen ist.Es gibt musikalisch so gut wie keine Parallelen zwischen Wagner und Martin, der in "Le vin herbé" zurückgreift auf drei Kapitel des Romans "Tristan et Iseut" von Joseph Bédier.Nach Wagners Drama mit den unaufhörlich nach Weltallweiten strebenden Hauptgestalten, der stammelnden Exaltiertheit und den Ekstasen, muß man Martins betont undramatisches Oratorium mit völlig anderen Ohren hören.Mit den ursprünglich nur zwölf Singstimmen (Soli und erzählender, betrachtender Chor), sieben Streichinstrumenten und Klavier ist es reinste Kammermusik von erhabener Klangformung.Was die Aufführung des RIAS-Kammerchores und des Scharoun Ensembles Berlin unter Marcus Creed im Kammermusiksaal überwiegend auf so transparente wie konzentrierte Art unterstrich.Sicherlich gibt es in dem lyrisch-epischen Ausnahmewerk auch einige dynamisch-dramatische Höhepunkte, wenn auch sehr behutsam dosiert, die, wie diese ergreifende Szene ihresgleichen suchen: "Herrin, großer Schmerz ist uns widerfahren.Tristan, der Treue, der Held, ist tot." Da verdichtet Martin seine sonst so ausgesparte Klangsprache mit den zwölftönigen Melodiebildungen zu schmerzlicher Intensität, am Schluß zu seraphischer Schönheit.

Bisweilen ist man in Martins "Zaubertrank" auch in erstaunlicher Weise dem Anti-"Tristan" nahe, der Debussy-Oper "Pelléas et Mélisande", dem vom leisen Hauch des Vergehens gezeichneten Nacht-, Traum- und Todesstück.Marcus Creed folgte übrigens nicht durchweg dem nach innen verlagerten, schwerelosen Stil, den bei der Aufführung 1968 im Apollo-Saal der Staatsoper der damals 77jährige Frank Martin mit großer Sensibilität und ruhiger Klarheit am Dirigentenpult vorgegeben hatte.Creed bevorzugte (auch mit größerer Chorbesetzung) einen impulsiveren, plastischeren, spürbar vorwärtsdrängenderen Stil als Martin selbst.Der gab den verschwebenden, zarten, stillen Tönungen, den französischen Klangfarben in seinem weltlichen Oratorium mehr Raum.Insgesamt erbrachten aber Marcus Creed und sein farbig musizierendes Vokal- wie Instrumentalensemble eindrucksvoll den Nachweis, daß es sich bei diesem anderen "Tristan" trotz aller archaisierenden Züge, die weit über Bach zurückgehen und gelegentlich das madrigale Drama der Renaissance anklingen lassen, und trotz aller impressionistischen Wendungen bei den Naturschilderungen um etwas Neues und Eigenes handelt.

Was nicht zuletzt die außerordentlich differenziert singenden Solisten zum Ausdruck brachten, ganz besonders Margaret Chalker als Isot oder Charles Workman als Tristan, die mit poetischer Zartheit und Leuchtkraft für sich einnahmen.Martin führt auf sehr dezente und fast zeitlose Weise an die seelischen Tiefen der "Tristan"-Sage heran, die, wie es im Epilog heißt, erzählt ist "für alle, die lieben".

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