Kultur : Wir sind deutsch

Steffen Richter

zählt die Totenfeiern überm Reichsscheiterhaufen Zurzeit kommt es ziemlich dick fürs Deutsche. Im letzten Jahr ist die deutsche Sprache mit Elfriede Jelinek Literatur-Nobelpreisträgerin geworden. Nun sind wir („BILD“) auch noch Papst. Fußball-Weltmeister werden wir im nächsten Jahr. Was sollte da einem ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat noch im Wege stehen? Und ist sie nicht wunderbar, die neue deutsche Selbstverständlichkeit? Ein Jammer nur, dass der Lesebetrieb dieser Woche mit patriotischen Jubelfeiern wenig im Sinn hat. Allerorten ist man auf das Kriegsende vor 60 Jahren eingestellt.

Allein heute gibt es drei Veranstaltungen zum Thema. Im Deutschen Historischen Museum (20 Uhr) stellt Sven Felix Kellerhoff „Hitlers Berlin“ vor (bebra Verlag). Dabei steht der architektonische Größenwahn des „Führers“ und seines getreuen Adlatus Albert Speer naturgemäß im Mittelpunkt. Kellerhoff besteht allerdings auch darauf, dass zwischen den Berlinern und dem Diktator eine „beidseitige Hassliebe" geherrscht habe. Im Martin-Gropius-Bau (20 Uhr) geht es um den „Tod im Führerbunker“ (Siedler). Dabei rekonstruiert der Autor Mario Frank detailliert Hitlers letzte Tage unterm „Reichsscheiterhaufen“, wie er es nennt. Was im Film „Der Untergang“ vielleicht geglättet wurde, soll hier in seiner Widersprüchlichkeit gezeigt, mit Legenden soll aufgeräumt werden.

Legendär war auch die „Neue Zeitung“, die unter dem Feuilleton-Chef Erich Kästner ab Herbst 1945 als bedeutendste Tageszeitung der Trümmer- und Aufbaujahre in München produziert wurde. Die Mitarbeiter-Liste des amerikanisch lizenzierten Reeducation-Blattes liest sich wie ein intellektuelles Who is who der Nachkriegszeit: Brecht und Sieburg, Frisch und Hesse, Zuckmayer, Thomas und Heinrich Mann und Anna Seghers haben hier geschrieben. Und der Publizist Wilfried F. Schoeller, der „Diese merkwürdige Zeit“ (Edition Büchergilde) untersucht hat, stellt sein Buch ebenfalls heute in der Buchhandlung Büchergilde (Kleiststraße 19-21, 20 Uhr) vor.

Mit den ungarischen Nachkriegsjahren setzt György Konráds Erinnerungsbuch „Sonnenfinsternis auf dem Berg“ (Suhrkamp) ein. Nachdem er als 11-jähriges Kind der Ermordung in Auschwitz entgangen ist, erlebt Konrád die stalinistisch geprägten Fünfziger mit dem Ungarn- Aufstand. Dann ist er Stadtsoziologe und Fürsorgebeamter in Budapest. Später wird er als Schriftsteller überwacht und mit Berufsverbot belegt. Konrád kommt am 2.5. ins Ethnologische Museum (Lansstraße 8, 19 Uhr 30). Mit dem ehemaligen Akademie-Präsidenten kann man einen Mann erleben, der bei nationalem Getöse aller Art nur den Kopf schüttelt.

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