Kultur : „Wir sind hier nicht bei den Vereinten Nationen“

Ein Gespräch mit Daniel Libeskind über seinen Entwurf für Ground Zero und die Diskussionen in New York

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Herr Libeskind, im Zentrum Ihrer Ausstellung steht das Modell für die Wiederbebauung von Ground Zero. In den letzten Monaten gab es immer wieder Meldungen, nach denen Sie Ihren Entwurf modifizieren sollten. Wie ist der Stand der Dinge?

Der Vorgang ist ganz normal. Es geht nicht darum, ein einzelnes Bauwerk zu planen, sondern mehrere Tausend Quadratmeter Fläche, 14 Prozent der Bürofläche von Manhattan. Natürlich muss der Entwurf, den ich in zwölf Wochen für den Wettbewerb angefertigt habe, überarbeitet werden. Das ist ein demokratischer Prozess. Ich hatte niemals vor, alle Gebäude selbst zu entwerfen, das wäre ja Wahnsinn. Mir geht es um die Grundidee.

Aber ist es nicht so, dass David Childs, der vom Grundstückspächter Larry Silverstein bestellte Architekt, Ihnen übergeordnet ist?

Mr. Childs ist der Architekt des privaten Entwicklers. Aber ich bin in sehr großzügiger Weise von Mr. Silverstein eingeladen worden, mit ihm zusammenzuarbeiten. Das ist ein großer Sieg für uns, weil es heißt, dass wir eine entscheidende Rolle in der Entwicklung des Entwurfs spielen werden.

Das heißt, Sie sind der Mastermind, der die generelle Idee vorgibt?

Mehr als das. Ich bin der Masterarchitekt. Ich plane nicht nur, ich kümmere mich auch um die Umsetzung. Vergessen Sie nicht: Wir sind hier nicht bei den Vereinten Nationen, bei denen es darum geht, nach langen Debatten für Ja oder Nein zu stimmen. Architektur muss flexibel sein.

Könnte es sein, dass am Ende dieses Entwicklungskonzepts ein Gebäude steht, das ganz anders aussieht als das von Ihnen entworfene? Wie flexibel sind Sie?

Auch das Jüdische Museum Berlin sieht im Endeffekt ganz anders aus als in den ersten Entwürfen. Aber es gibt essenzielle Bestandteile des Entwurfs, von denen ich nicht abweichen werde. Ich werde niemals zulassen, dass mein Entwurf seinen Sinn verliert.

Können Sie diese Essentials noch eimal kurz umreißen?

Es geht nicht darum, das World Trade Center wieder aufzubauen. Es soll ein völlig neuer Stadtteil entstehen, der das Mahnmal verbindet mit einer Struktur, die neues, fröhliches Leben ermöglicht. Es sollen neue Straßenverbindungen entstehen, Museen, neue Entertainment-Bereiche, all das, was New York auszeichnet. Diese kulturelle Nutzung ist der Kern des Plans, da sind sich alle einig. Zurzeit wird im Finanzdistrikt Manhattans von neun bis fünf gearbeitet, nun soll dort rund um die Uhr Leben herrschen. Und über allem soll der Freedom Tower stehen, der an der Form der Freiheitsstatue orientiert ist und zu einer neuen Stadtikone werden wird.

Das klingt so, als ob dieses Projekt Sie für Jahre beschäftigen wird?

Zum Glück nicht nur. Ich bin Architekt und plane natürlich neue Projekte.

Einige davon haben Sie genannt: Ein Mediencenter in Hongkong, eine Shopping Mall in der Schweiz, ein Bürogebäude in Südkorea. Wollen Sie wegkommen vom Image des Museums- und Gedenkstättenarchitekten?

Es war Zufall, dass meine ersten Bauten Museen und Gedenkstätten waren. Ich habe von Anfang an auch andere Dinge geplant. Mein jüngster Bau, das Studiogebäude der Künstlerin Barbara Weil in Mallorca, ist wie eine private Villa im Sinne Le Corbusiers angelegt. Aber etwas Besonderes soll meine Architektur immer sein, auch als Shopping Mall.

Eine Frage noch zu Berlin: Sie haben 13 Jahre hier gelebt, Ihren ersten Bau hier verwirklicht...

Ich bin Berliner! Ich bin nicht nur als Tourist gekommen. Mein ganzes Leben ist durch die Zeit in Berlin verändert worden.

Und sind dennoch nie mehr hier eingeladen worden. Nicht für den Alexanderplatz-Wettbewerb, nicht für den Potsdamer Platz. Warum nicht?

Wenn ich meine Erfahrungen in New York mit denen in Berlin vergleiche, gibt es hier eine viel hierarchischere Struktur, Entscheidungen zu fällen. Es ist nicht der gleiche vitale, demokratische, abenteuerlustige Prozess. Ich bin sicher, wenn man die Leute auf der Straße nach ihrer Meinung gefragt hätte, sähe der Potsdamer Platz heute nicht so aus, wie er aussieht. Es gibt eine Lektion, die man hier lernen muss. Und die Tatsache, dass ich außer dem Jüdischen Museum nichts in Berlin gebaut habe, spricht für sich.

Das Gespräch führte Christina Tilmann.

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