Kultur : Wir sind schuld

Andreas Rinke und Christian Schwägerl beschreiben, was die Kriege der Zukunft auslösen wird.

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Mit Waffengewalt müssen die Speisefische vor konkurrierenden Fisch-Trawlern geschützt werden: „Auf dem Minenleger ,Sagitta II’ kehrt Ruhe ein. Die Soldatinnen und Soldaten der europäischen Marine werfen sich auf die Liegen in ihren Kajüten, die Taucher unter ihnen reden noch über die Prachtexemplare von Heilbutt und Rotbarsch, die sie gerade im Meeresschutzgebiet Reykjanes Ridge gesehen haben.“

Solche Szenarien entwerfen die beiden Autoren elf Mal, für elf kurze Geschichten über denkbare Auslöser zukünftiger Kriege. Immer ist der Mensch selbst daran schuld, dass es zum Konflikt kommt. Denn, daran lassen Andreas Rinke und Christian Schwägerl keinen Zweifel: Unser Lebensstil in der westlichen Welt führt uns an den Abgrund. Überfischung, Klimawandel, Pandemien, Cyberkriminalität sind einige dieser elf Kriegsgründe. Wobei sie die Schuld unterschiedlich verteilen. Die Mitteleuropäer trifft es weniger als die Amerikaner und Chinesen. Das aufstrebende Land im Osten bekommt in den meisten Zukunftsszenarien, die in diesem Buch vorgestellt werden, die Rolle des Schurken zugewiesen: China kolonialisiert Australien, weil es dort so viele Rohstoffe gibt, China klaut den Indern das Trinkwasser. Dazwischen sind die Amerikaner dran, die den Europäern nicht die Metallgewinnung vom Meeresboden gönnen. Diese beiden globalen Alphatiere, so lautet die Formel des Buches, sind nicht gut für die Welt.

Das hat zunächst durchaus Unterhaltungswert. Die elf Szenarien werden spannend in Science-Fiction-Form erzählt. Zwischendurch gibt es Unterbrechungen, in denen faktenreich über die wissenschaftlichen Hintergründe der jeweiligen Konfliktfelder informiert wird. Hier spielen die beiden Journalisten ihr Wissen aus. Ein Grundproblem bleibt aber bestehen: Jedes Szenario basiert auf zahlreichen Annahmen. Dieser Umstand macht es umso unwahrscheinlicher, dass ein konkreter Fall tatsächlich eintritt. Das schicken die Autoren auch voraus und erklären, dass sie sich auf die Koinzidenzen festgelegt haben, die aus ihrer Sicht wahrscheinlich sind oder zumindest die Mechanismen bei der Entstehung von Kriegen der Zukunft deutlich machen.

Aber selbst diese Argumentation ist nicht schlüssig. Nehmen wir den Krieg ums Wasser, von dem mancher gar behauptet, er würde bereits geführt. Es ist Rinke und Schwägerl zu danken, dass sie den Geografen und Experten für Wasserkonflikte Aaron T. Wolf von der Oregon State University zitieren. Ihm zufolge ist bisher nur ein wirklicher Wasserkrieg bekannt, und der fand bereits vor 4500 Jahren im Euphrat-Tigris-Becken statt. Während es seit 1950 rund 500 bilaterale Streitigkeiten um Wasser gegeben habe, seien zeitgleich mehr als 1200 Kooperationsabkommen geschlossen worden, heißt es weiter. Bisher jedenfalls ist Wasser wohl nicht das konfliktreiche Thema, als das es immer wieder verkauft wird. Zwar hält Wolf im Zuge des Klimawandels auch Wasserkriege für denkbar. Doch das hängt auch davon ab, wie stark der Klimawandel und die Erderwärmung tatsächlich sein werden. Wenig überraschend, dass das Autorenduo eine Quelle von einem Plus um „bis zu sieben Grad bis 2100“ sprechen lässt. Das passt zum Buch, das Extremvarianten formuliert, ist aber unredlich. Denn die reale Temperaturerhöhung dürfte deutlich geringer ausfallen.

Dieses Motiv zieht sich durch das gesamte Buch: Erderwärmung, effiziente Landwirtschaft, Rohstoffgewinnung – alles ist nach Ansicht der Autoren geeignet, die Menschheit in Kriege zu stürzen. Die Alternative, die Rinke und Schwägerl bieten, ist jedoch nicht immer glaubwürdig. Natürlich könnte eine „grüne“ Landwirtschaft helfen, die Gefahr multiresistenter Keime zu verringern und im Falle eines Krankheitsausbruchs in Ställen oder auf Feldern die Erholung beschleunigen. Nur: Ökolandbau allein kann nicht neun oder zehn Milliarden Menschen ernähren, wenn zugleich noch massenhaft Bioenergie erzeugt werden soll, wie es an anderer Stelle als freundliche Zukunftsvision entworfen wird.

An solchen Punkten wird deutlich, dass die Welt eben doch kompliziert ist. Die vermeintliche Lösung des einen Konflikts kann durchaus einen anderen befeuern. Dementsprechend schwammig und erwartbar ist der letzte Teil des Buches, wo Rinke und Schwägerl die wichtigsten Erkenntnisse zur Friedenserhaltung zusammentragen. Es sind leider nicht mehr als die bekannten Konsenstugenden: Klimaschutz, Bildung, Umweltschutz, Vielfalt – biologisch wie kulturell –, soziale Marktwirtschaft.



– Andreas Rinke, Christian Schwägerl:
11 Drohende Kriege. Künftige Konflikte um Technologien, Rohstoffe, Territorien und Nahrung. C. Bertelsmann, Gütersloh 2012. 432 Seiten, 21,99 Euro.

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