Kultur : Wir sind wieder Oscar

Christiane Peitz blickt auf den deutschen Erfolg

-

Ein grandioser Filmstoff: Schlesischer Junkersspross beamt die Stasi auf die Leinwand und feiert Triumphe in Hollywood. Eine Blitzkarriere: Noch vor gut einem Jahr war er ein Nobody, jetzt ist er everybody’s darling. Die Kanzlerin gratuliert Florian Henckel von Donnersmarck, ebenso der Bundespräsident, Thierse, Stoiber und Co. Der Kulturstaatsminister feiert „Das Leben der Anderen“ als Meisterwerk, die Stasi-Bundesbeauftragte Marianne Birthler würdigt dessen politische Brisanz, und Guido Westerwelle ruft: „Wir sind Oscar!“

Wahnsinn. Wir sind Papst, Handballweltmeister und Oscar-Gewinner (nur bei der Fußball-WM ging was daneben)! Der Debütfilmer Henckel von Donnersmarck, ein deutscher Orson Welles? Siegestrunken schwärmt der 33-Jährige vom „herrlich goldenen Phallus“, und schon vor der Verleihung hatte er sich darüber gefreut, dass er „auch in Friedenszeiten“ etwas für sein Land tun könne. Bei allem Jubel und Trubel: Solche markig-patriotischen Sätze mag dann doch nicht jeder – ebenso wie Henckel von Donnersmarcks Drama vom geläuterten Stasi-Mann hierzulande auch Kritik provozierte, wegen seiner Schlussstrich-Mentalität.

Henckel von Donnersmark ist einer, der nach dem Motto „Geht nicht, gibt’s nicht“ mit Energie, Fleiß, Disziplin, Cleverness und Hartnäckigkeit sein Ding durchzieht. Aber interessanter als die ihrerseits eher unangenehm markige Frage, ob die Nation mehr Männer von solchem Kaliber braucht, ist etwas anderes.Der dritte Goldjunge für Deutschland in der Geschichte der Auslands-Oscars ist – nach Volker Schlöndorffs „Blechtrommel“ und Caroline Links „Nirgendwo in Afrika“ – der erste für einen Film, der nicht in der Nazi-Zeit spielt. Deutsche Gegenwart, deutsche Befindlichkeit: In der Oscar-Nacht verdichtete sie sich vor den Augen der Weltöffentlichkeit zu einem erhellenden Moment. Da ist der Fall der Mauer, der die Nachkriegszeit beendete – und das Stasi-Thema setzt die NS-Aufarbeitung fort. Diktatur und Dissidenz, Terror und Staatsterrorismus, äußere Freiheit, innere Emigration: lauter hochaktuelle Themen. Da ist außerdem ein West-Regisseur, der sich ein Ost-Thema vornimmt – das versöhnt und spaltet zugleich. Und da ist dieses äußerst gesunde Selbstwertgefühl eines jungen Deutschen – was die einen begeistert, andere stört.

Oscar-Preisträgerin Caroline Link erinnert sich am Morgen danach daran, wie sie ihre eigene Oscar-Nacht 2003 mit Säugling in München verbrachte: „Baby und Oscar passen nicht so optimal zusammen.“ So bekommt auch die Kita-Debatte ihre 15 Sekunden Ruhm.

0 Kommentare

Neuester Kommentar