Kultur : Wir Sparschweine

Staat und Wirtschaft klagen über die Binnenkonjunktur. Warum nur machen die Deutschen ihr Geld nicht locker?

Peter von Becker

Die Regierung hadert mit den Regierten: mit uns. Wir sparen zu viel, die Deutschen dämmern im Konsumstreik dahin, statt frisch und freigiebig zu kaufen und der lahmenden Binnenkonjunktur endlich Beine zu machen. Schuld sind nun nicht mehr nur die Weltkonjunktur, Brüssel und Maastricht, die teure deutsche Einheit, die Kohlregierung oder die eigene Politik. We are not amused, grollen der Wirtschafts- und der Finanzminister, und der eine wollte dem aufsässigen Wahlvolk zur Strafe gerade den Sparerfreibetrag streichen. Und weil das nicht durchgeht, fällt einem hier der listige Ratschlag ein, den Bert Brecht aus anderem Anlass einmal seiner Staatsführung gegeben hatte: Wenn die Regierung mit den Regierten nicht mehr einverstanden sei, dann solle sie sich doch ein anderes Volk wählen.

Eichelschröderclement aber haben bis auf weiteres nur uns. Die Deutschen, die einst wirtschaftswunderliche Reiseweltmeister, Angeber und Ausgeber waren (wie sonst nur die Amerikaner in Europa). Reisen tun wir zwar immer noch, sogar ins Inland, aber die weiten deutschen Spendierhosen sind zu knackigen Shorts geschrumpft. Will heißen: Da schlottert nicht die nackte Armut, sondern steckt noch eine Menge Fett drin. Wie bei den Amerikanern.

Die geben ihr Geld zwar immer weniger in Deutschland oder überhaupt in Old Europe aus. Doch obwohl sie der rot-grünen Bundesregierung (und dem ganzen deutschen Wahlvolk) dank Rumsbush nicht mehr das schiere Vorbild sind, eines imponiert den deutschen Konjunktur-Kassandras doch sehr: dass die Amerikaner mit ihrem prinzipiellen Zukunftsoptimismus das Geld auch nach Nine-eleven noch so viel leichter ausgeben als die zaudernden Deutschen.

Wir reden jetzt nicht vom schwindelmachenden amerikanischen Staatsdefizit (und wohin diese Dollarbillionen fließen). Nein, die Deutschen an sich besitzen fast 4000 Milliarden Euro Geldvermögen – davon rund 1,4 Billionen Euro Sparguthaben (ohne Wertpapiere, ohne Versicherungen) und liquide Mittel auf dem Bankkonto – und sie legen trotz aller Klagen über eine zu klein geratene Steuerreform oder die neuen Zumutungen der Gesundheits- und Sozialpolitik noch immer rund 140 Milliarden Euro im Jahr auf die hohe breite Kante. Während die US-Bürger zurzeit etwa drei Prozent ihres privaten Einkommens sparen, liegt die deutsche Quote bei über zehn Prozent.

Natürlich gibt es Armut bei uns, gibt es Rentner, Arbeitslose, alleinerziehende Mütter und Väter, bei denen weder der Staat noch die Wirtschaft mehr etwas holen können und die sich heute als Opfer der Politik begreifen. Andererseits gilt, so nüchtern wie schnöde: Nicht hunderttausend Millionäre entscheiden mit ihrem privaten Konsum oder ihren Steuerabgaben über das Wohl des Staatshaushaltes und das Wirtschaftswachstum, sondern die Millionen gutbürgerlichen, mittelständischen Durchschnittsverdiener. Zwar sind durchaus schon drei Millionen deutsche Privathaushalte durch Ratenzahlungen und Kredite verschuldet. Aber auf 100000 Bewohner kommen in den boomenden USA statistisch 162 Pleitiers – in Deutschland sind es 56, weniger als ein Drittel.

Das alles zeigt: Die Deutschen sind vorsichtiger, vorsorgender und risikobewusst. Für die Konjunkturhüter indes wirken sie risikoarm – und der private, nicht investierte Wohlstand kontrastiert mit der öffentliche Armut, ja: steigert sie noch. Angesichts der privaten austerity policy, die sich das öde Etikett „Geiz ist geil“ gegeben hat und an der auch alle Rabattschlachten gescheitert sind, droht der Staat nun im Gegenzug seine eigene Sparpolitik aufzugeben. Ein Skandal?

Wir Sparschweine. Eine Sauerei? Irgendwie hassen und fürchten die Deutschen das Schuldenmachen. Ferdinand Raimunds gütiger „Verschwender“ ist ein Zaubermärchenheld geblieben. Früher wurde die deutsche Sparseele mit den Traumata zweier verlorener Kriege, mit den Erfahrungen von Inflationen und blanker Not erklärt. Doch kann das kaum noch für die heute Dreißig- bis Sechszigjährigen mehr gelten. Vielleicht ist die kollektive deutsche Psyche schreckhafter als beispielsweise die der unhysterischen, stoisch cooleren Briten. Und die Deutschen haben auch sehr heftig an ihrer D-Mark gehangen. Dennoch liefern die Euro-Teuro-Debatten, die es in Italien und Frankreich genauso gab, oder die Zukunftsängste nach dem 11. September keine spezifischen Erklärungen mehr. Eher spielt schon das deutsche Staats-Vertrauen eine Rolle und das Versorgungsdenken – beide wurden durch die Unsicherheit schürende, chaotische Reformpolitik von Rot-Grün erschüttert.

Hans Eichel, der verkörperte Herr Sparstrumpf, erschien allerdings eine Zeit lang auch als Hans im Glück der deutschen Politik: populär, weil Brioni-frei, und gleichsam ethisch veredelt, weil Sparsamkeit noch immer als eine der Kardinaltugenden einer überwiegend protestantisch geprägten Gesellschaft gilt. Wenn dann freilich ein Eichel zum Geldausgeben aufruft, ist es, als predigte Robespierre seinem tugendhaften Volk auf einmal Wollust und Laster. Ein Problem.

Ein Phänomen aber ist das: Die sparsamen Deutschen imitieren nicht nur die Sparabsichten des Staates, sie kopieren auch die Wirtschaftsrealität. Jahrelang haben Unternehmen und Manager rationalisiert, Kosten gesenkt, Stellen eingespart. Jetzt tun die Bürger das Gleiche. Sie kaufen nicht nur beim Discounter, sie reagieren ganz rational, indem sie ihre kostbarsten Konsumgüter einfach ein wenig länger nutzen – und spüren in einem ein Jahr älteren Mercedes oder Golf noch keinen Verlust von Lebensqualität oder lassen die häusliche Waschmaschine trotz eines neueren Modells noch weiterlaufen.

Die Wegwerfgesellschaft wirft einfach später weg – das ist für eine Wachstumswirtschaft, die kein Innehalten kennt, ein fundamentaler Schock. Und sie erkennt: Kein Eichel, aber ein McKinsey steckt in jedem von uns. Weist dieser sparschweinische, konsumentenmächtige Zug nun schon in eine andere Welt? Vielleicht. Allerdings fehlt dieser Logik noch jedes Gefühl für Großherzigkeit. Geiz macht einsam, ungeil. Und für welches Leben sparen wir uns hier eigentlich auf?

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben