Kultur : Wir suchen nach Schuldigen

Mein Olympia-Tagebuch (3): Zwei Stars und ein Skandal/ Von Petros Markaris

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Warum, frage ich mich seit heute Morgen. Warum müssen wir Griechen mal wieder eine Schlappe einstecken? Nach so viel Mühe, so viel Anstrengung für diese Olympischen Spiele dachten wir stolz: Wir haben es geschafft! Und nun dieser Skandal, gerade am Vorabend der Eröffnungsfeier. Was sind wir eigentlich: Pechvögel – oder Idioten?

Dabei wussten wir, spätestens seit den Spielen von Sydney, dass Kostas Kenteris, unser 200Meter-Olympiasieger, und Sprinteuropameisterin Katerina Thanou unter Doping-Verdacht standen und entsprechend scharf beobachtet wurden. Wir wollten es nicht glauben, und was wir nicht glauben wollen, schieben wir den bösen Fremden in die Schuhe. Allen voran den Amerikanern, dann den bösen Engländern, schließlich den bösen Australiern, die unsere Stars in Verruf bringen wollen. Die Deutschen zählen seit Otto Rehhagel nicht mehr dazu. Vielleicht wollten wir aber einfach nur den Kopf in den Sand stecken. Unsere Handlungsweise deutet darauf hin.

Man hat also die beiden Athleten nicht rechtzeitig informieren können, und sie haben den Doping-Test verpasst? Wer soll das glauben im Zeitalter der Handys und des SMS? Und dann dieser Unfall – oh Gott! Zwei griechische Superstars der Leichtathletik haben einen Motorrad-Unfall, und kein Mensch merkt was. Ein Unbekannter fährt sie ins Krankenhaus und verschwindet dann spurlos. Auch ein Dieb ist zur Stelle, der prompt das Motorrad klaut. Anfangs ist von Kratzern die Rede, aber am nächsten Morgen werden daraus schwere Hirn- und Rückgratverletzungen. Und das stellt man in einem Krankenhaus für Verkehrsunfälle erst nach zehn Stunden fest? So schlechte Ärzte haben wir in Griechenland nicht, und so schlechtes Theater wird bei uns auch nicht gespielt.

Was aber haben wir von dieser Inszenierung?! Wir sollten die beiden aus eigener Initiative von den Spielen ausschließen, weil sie gegen die olympischen Regeln verstoßen haben. Dann wären wir als Gastgeber mit gutem Beispiel vorangegangen, und der Skandal wäre zu Ende gewesen. Das hätte uns voraussichtlich zwei Medaillen in der Leichtathletik gekostet, na und? Die sind sowieso weg. Wir haben den Pokal der Fußball-EM gewonnen, und statt Sprintergold eine Auszeichnung im olympischen Geist wäre ja auch ganz schön.

Statt dessen suchen wir überall nach Schuldigen. Mal ist es die World Anti-Doping-Agency, die uns provozieren wollte (so steht es in einigen griechischen Zeitungen). Mal sind es die Amerikaner, die Druck ausüben, damit sie unsere Stars und ihre Konkurrenten testen (so steht es in anderen Blättern.) Nur die Helden Kenteris und Thanou lassen wir unangetastet.

Wir sind ein zwiespältiges Land. Einerseits sind wir in Europa integriert. Andererseits sind wir, von der Mentalität her, in mancher Hinsicht noch ein Balkanland. Und im Balkan gilt noch immer der Satz von Jean-Paul Sartre: „Die Hölle sind die anderen.“

Petros Markaris lebt als Romancier, Dramatiker, Film- und Fernsehautor sowie Übersetzer von Goethe, Brecht und Bernhard in Athen. Seine Krimis mit dem knurrigen Kommissar Kostas Charitos (zuletzt „Live!“) sind auch in Deutschland Bestseller. Für den Tagesspiegel schreibt Markaris dreimal wöchentlich sein Olympia-Tagebuch.

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