Kultur : Wir Überlebenden

GERWIN KLINGER

Werner K.ist heute fast 80 Jahre alt.Er hat überlebt, das Ghetto in Lodz, Zwangsarbeit und SS-Terror, Auschwitz-Birkenau, wo er für die Gaskammer selektiert wurde, und die Lager Sachsenhausen und Buchenwald.Seine Familie wurde von den Nazis ermordet.Werner K.erzählt die Geschichte seines Lebens, ruhig und präzise berichtend.Es ist ein Interview in einem Filmstudio.Werner K.sitzt vor einem blaßblauen Vorhang in einem braun-orange gemusterten Klubsessel der Marke VEB.Ab und an blickt er direkt in die Kamera, die sich ganz auf ihn konzentriert, oder er zeigt die eintätowierte Häftlingsnummer auf seinem Arm.Unaufdringliche Bilder, fast ohne Bewegung, und eine untheatralische, eindrückliche Erzählung.Beim Zuhörer weckt sie Anteilnahme, Beklemmung und Erschütterung.Die visuelle Präsenz des Erzählenden, die Subjektivität seiner Erinnerung gibt der Geschichte des Holocaust ein Gesicht und eine Stimme.

Das "Archiv der Erinnerung", das das Potsdamer "Moses-Mendelssohn-Zentrum " zusammen mit der Yale-University und dank finanzieller Unterstützung durch die VW-Stiftung aufgebaut hat, umfaßt 78 videographierte Interviews mit Holocaust-Überlebenden aus der Region Berlin und Brandenburg.Ihre Berichte zeigen die NS-Zeit aus der Perspektive der Verfolgten und öffnen einen emotionalen Zugang zu ihren Erfahrungen und Verarbeitungsweisen.Die Interviews sind lebensgeschichtlich angelegt.Sie beschränken sich nicht auf die Zeit der Verfolgung, sondern umfassen den ganzen Lebensweg.In der narrativen Struktur des Lebensberichts wird der Holocaust als fortwirkender, auch die Gegenwart prägender Biographie-Bruch deutlich.Mehrfach erzwingt er Identitäts-, Ausbildungs- und Berufswechsel.So verließ Egon K.aus Rathenow 1934 die Schule nach der Mittleren Reife und begann eine Optikerlehre.Im Rassekunde-Unterricht der Berufsschule mußte er erfahren, daß er kein Deutscher sei, sondern ein "Sau-Jude"."Man konnte Sie also treten, man konnte Ihnen Ohrfeigen geben, und Sie hatten keine Möglichkeit, sich irgendwo zu beschweren." Die Gesellenprüfung konnte er als Jude nicht mehr ablegen; er mußte sich als Hilfsarbeiter am Bau durchbringen.Schließlich emigrierte er, die Eltern wurden deportiert.Von 1939 bis 1948 lebte er im Ghetto von Schanghai.Von dort ging er in die USA.Weil seine Frau, eine Philippinin, nicht einreisen durfte, übersiedelten sie nach Israel.Er arbeitete als Reinigungskraft in einer Fabrik.Nach dem Wiedergutmachungsabkommen von 1958 erhielt er eine Entschädigung von 5000 DM und übersiedelte nach Deutschland.Bis 1961 war er Hilfsarbeiter bei Krupp, dann Angestellter der Essener Stadtverwaltung.Vor dem Holocaust bezeichnete er sich "deutscher Juden", heute als "Jude in Deutschland".

Das "Archiv der Erinnerung" ist methodisch dem Ansatz der "Oral History" verpflichtet.Die mündliche Erzählung von Zeitzeugen wird als Quelle der historischen Forschung erschlossen.Im Zentrum steht dabei das Erinnerungsinterview, das Parallelen zum psychoanalytischen Gespräch aufweist.Großer Wert wird auf uneingeschränkte Freiwilligkeit gelegt.Kein Zeitzeuge wurde direkt zum Gespräch aufgefordert.Die Suche erfolgte über die jüdischen Zeitungen und Institutionen.Die 21 Interviewer, Historiker, Psychologen und Biographieforscher, wurden geschult und hatten eine Supervisionsgruppe zur Seite.Beim Interview halten sie sich sehr zurück, lenken das Gespräch behutsam mit offenen Fragen.Die Erinnerungsarbeit bekommt so gehörig Raum, das Gelebte zur Sprache zu bringen.Bei den Interviewten wächst Vertrauen.Für manchen hat die Dokumentation sogar etwas Beruhigendes."Meine Arbeit wird weitergehen, auch wenn ich einmal nicht mehr kann", sagt eine Frau, für die "das Leiden ihrer tapferen Mutter" Verpflichtung ist, in die Schulen zu gehen und zu berichten.Die meisten Überlebenden sind inzwischen sehr alt.Die Zeit drängt, denn der Einsatz ist nicht nur ein wissenschaftlicher.Das "Archiv der Erinnerung" oder die "Shoah-Foundation" von Spielberg wollen den oft entwürdigenden Bildern und Relikten, die die Täter hinterlassen haben, andere entgegensetzen.

Die Videos verlangen konzentrierte Aufmerksamkeit.Ob die integrierte Daueraufführung im Holocaust-Mahnmal, die jüngst als politische Kompromiß ventiliert wurde, dem gerecht werden kann? Das "Moses Mendelssohn Zentrum" jedenfalls hat einen anderen Weg gewählt.Die ungeschnittenen Video-Interviews können im "Haus der Wannsee-Konferenz" angesehen werden.Für den Unterricht hat das "Medienpädagische Zentrum Brandenburg" sechs Interviews bearbeitet.Das Angebot umfaßt außerdem ein Begleitheft und Lehrgänge für Pädagogen.

Anläßlich des 60.Jahrestages der Pogromnacht vom 9.November 1938 sendet der ORB sechs Interviews.Die Termine: Mi., 4.11., 12.30 h, Do., 5.11., 12.30 h, Fr., 6.11., 12.15 h, Sa., 7.11., 12.45 h, So., 8.11., 00.45 h, Mo., 9.11., 12.45 h, Di., 10.11., 12.50 h

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