Kultur : Wir Unterweltler

Mit Calixto Bieitos „Wozzeck“ endet die kurze Ära Puhlmann in der Oper Hannover als Triumph

Volker Hagedorn

Natürlich gibt es sie noch, die grimmigen Herrschaften im Parkett, die halblaut ihre nicht eben schmeichelhaften Kommentare murmeln. Jene klassischen Hannoveraner, die vor kurzem noch aufstanden, mittendrin, ihr Opernhaus verließen, ihr Abo kündigten. Als Calixto Bieito zum ersten Mal an der Leine inszenierte und Mozarts „Don Giovanni“ zum klebrigen Parkplatzdrama machte, haben sie ihn noch gehasst, und zwar zu Tausenden. Und mussten zur Kenntnis nehmen, dass sie mit ihrer Empörung beste Reklame für Bieito und die hannoversche Oper machten. So was verbindet.

Mindestens Hassliebe ist daraus geworden in den fünf Jahren, seitdem Intendant Albrecht Puhlmann das Haus aus dem Dornröschenschlaf holte. Den anfänglichen Crashkurs in Richtung Gegenwartsregie hat er später entschärft – auch unter Sparzwang –, aber nicht aufgegeben. Arbeiten von Peter Konwitschny, Luk Perceval, Jossi Wieler, Christoph Marthaler ließen das Haus überregional leuchten; für Calixto Bieito wurde es mit vier Produktionen gar zur Zentralwerkstatt. Nun geht Puhlmann nach Stuttgart, und zur letzten Premiere seiner Amtszeit kommen die Abokündiger von einst, um nachzusehen, ob Bieito, ihr schlimmer Katalane, wohl immer noch so schlimm ist. Ob es wie im „Trovatore“ Gewaltorgien gibt, Nutten wie in „La Traviata“ und grundsätzlich alle fünf Minuten einen Koitus.

Anlässe dafür bietet Alban Bergs „Wozzeck“ ja genug. Aber siehe da, Bieito ist anders geworden. Blut spritzt zwar, sogar meterweit, aber gleichsam über die Abwehr des Publikums hinweg. Bis ans Herz, wie sich erweist. Damit freilich ist noch nicht zu rechnen, wenn Wozzeck anfangs an einer Pipeline herumhämmert, ein hünenhaft tapsiger Arbeiter im orangefarbenen Overall, bedrängt von einem Hauptmann, den Edgar Schäfer hysterisch oszillieren lässt. Der hört gar nicht zu, wenn sein Untergebener von Gott spricht – und die Musik nach herb zerhacktem Beginn erstmals zu fließen beginnt, Anschluss an ihre Herkunft aus der Spätromantik findet, humane Züge bekommt. Der hört nicht zu, der hat überhaupt keinen Sinn dafür.

In dieser unterirdischen Raffinerie nämlich hat die Ausbeutung jeden Respekt vor Menschen gelöscht. Wer hier gelandet ist, kommt niemals raus, die Sonne fällt nur selten mal durch eine Luke, darunter stehen die Sklaven in ihrer guantanamofarbenen Zwangskluft und blinzeln ins Licht. Wer hier stirbt, wird sofort ausgeschlachtet. Der Doktor (Hans-Peter Scheidegger) ist ein gut gelaunter Organentnehmer, der nackte Leichen wie Rinderhälften auf den Rolltisch schmeißt und beiläufig zerschneidet: „Behüt, wer wird sich über einen Menschen ärgern! Wenn es noch ein Molch wäre …“ So schrieb Büchner 1836, so komponierte Berg 1925, so zeigt es Bieito 2006.

Eine Menschenverachtung, die in ihrer Routine selbst allen Zynismus hinter sich gelassen hat. Früher hat Bieito überall das Schlimmste hervorzerren wollen. Das ist jetzt anders. Büchner und Berg selbst formulieren jene Deformationen, die in Bieitos Unterwelt zur Struktur erstarrt sind, und der Regisseur sucht nun nach dem bisschen Menschsein, Individuum, das noch möglich ist. Manche Brutalitäten des Originals nimmt er sogar zurück – der Tambourmajor etwa wird vom sexgeilen Mannstier zum irreal lächerlichen Entertainer.

Und zwischen Wozzeck und Marie entstehen in Stahl und Neonkälte Momente ratloser Nähe: Erinnerungen an eine Welt von gestern, ans Tageslicht. Christiane Iven und Oliver Zwarg werfen sich da stimmlich und gestalterisch mit atemberaubender Intensität hinein. Der Eifersuchtsmord ist in dieser entseelten Röhrenwelt schon menschlich, weil er einem Individuum gilt, einer Geliebten. Den andern Unterweltlern ist das egal. Sie tanzen mit Maries Leiche, wogegen sich Wozzecks Angst vor seiner Entdeckung wie ein Relikt aus humaneren, längst versunkenen Zeiten abhebt. Wovon aber, so fragt man sich, spricht dann das Adagio kurz vor Schluss, in dem das vorzügliche Orchester unter Shao-Chia Lü sich selbst übertrifft?

Es wird licht auf der Hinterbühne, himmlisch hell. Menschen erscheinen im Gegenlicht, vollkommen nackt. Die hier schon starben, sie leben. Je weiter sie nach vorne kommen, sich unseren Blicken ausliefern, desto mehr lösen sie sich aus dem religiösen Klischee, desto mehr spürt man, wie real sie sind und wie geschützt im Gesang des Orchesters. Und wie umfangen von dem, was dieser Abend in seinem Publikum hat frei werden lassen, schlicht gesagt: die Liebe zu Menschen. Die ist hier keine Behauptung, die ist unter Qualen gewachsen. Die Herrschaften im Parkett jedenfalls buhen nicht. Niemand buht. So viel Jubel gab es in Hannover noch nie für Bieito. Und manche weinen.

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