Kultur : Wir Unwissenden

Thomas Ostermeiers „Volksfeind“ und ein Castellucci-Abend beim Festival d'Avignon.

Eberhard Spreng

Bombenstimmung im alten Stadttheater von Avignon bei Thomas Ostermeiers Inszenierung von Ibsens „Ein Volksfeind“, der nach der Festivalpremiere im September an die Schaubühne kommt. Das Saallicht ist an, Zwischenrufe wie „Deine Demokratie ist nicht unsere Demokratie“ sind zu hören. David Ruland hatte als Mittelstandsvertreter Aslaksen darauf hingewiesen, dass der Badearzt Thomas Stockmann gerade von Extermination gesprochen hatte, vom Ausschalten der dummen Mehrheit in den großen Fragen der Politik. Auch hatte Stefan Stern als Stockmann aus dem Pamphlet „Der kommende Aufstand“ zitiert, das 2008 in Frankreich von der Regierung als „Handbuch des Terrorismus“ bezeichnet worden war. Die Honoratioren des Kurortes, in dessen Wasser Stockmann krankheitserregende Keime nachgewiesen hatte, sind von der Bühne in den Saal gekommen und haben Stockmanns berühmte Ansprache für eine öffentliche Debatte unterbrochen.

Natürlich ist jeder Wutbürger im Saal, auch wenn das ökonomisch wehtut, für die Wahrheit des Badearztes und gegen den Stadtrat, der sie vertuschen will. Ingo Hülsmann spielt letzteren mit herrlich aalglatten Politikerposen. Wie denn das irgendwie linke Publikum die 8000 bedrohten Arbeitsplätze bei PSA Renault Citroën retten wolle, fragt er polemisch und bekommt von einem älteren Herrn eine Antwort: Weg mit dem Individualverkehr, neue Arbeitsplätze und ein neues Konzept für den öffentlichen Verkehr! Soviel 70er Jahre war lange nicht mehr im Theater. Ostermeier gelingt es mit dem Stück der Stunde tatsächlich, das Publikum mit der nach wie vor aktuellen Grundsatzfrage in Ibsens „Volksfeind“ am Bühnengeschehen zu beteiligen – und zwar ohne Zynismus oder Demagogie: Was tun mit der Mehrheit in einer Demokratie, wenn es die Mehrheit der Unwissenden ist?

Bühnenbildner Jan Pappelbaum hat ein einfaches Gebilde aus schwarzen Wänden geschaffen, auf die allerlei Skizzen und Worte gekritzelt sind. Stockmanns Daheim erinnert so an ein Streikcafé oder eine Wohngemeinschaftsküche, auf deren Tisch Rotwein, Megafon und ein kleines Keyboard stehen. Thomas und seine Freunde aus der Zeitung sind nämlich nebenher Hobbymusiker, während Frau Katherine über ihre Doppelbelastung als Mutter und Studentin klagt. Da sitzt eine Horde naiver junger Leute zusammen, eben noch Generation Praktikum und jetzt mit der plötzlichen Chance auf gesellschaftlichen Aufstieg. Irgendwie links, irgendwie jobgeil, irgendwie familienorientiert. Eine knappe Stunde lang dümpelt die Aufführung vor sich hin, als wär's eine Soap vom Boxhagener Platz, um dann rasant an Fahrt aufzunehmen.

Am Ende sitzt der Badearzt, über und über mit Farbbeuteln bespritzt und um eine politische Erfahrung reicher, stumm neben seiner Frau. Vor ihnen ein Bündel vom Schwiegervater billig erstandener Aktien der am Markt eingebrochenen Bäderbetriebe. Was tun? Dieses Erbe für die ökologisch-medizinische Wahrheit in die Tonne treten, oder die Bäderbetriebe nun auch schönlügen, um sich an der Aktienerholung zu bereichern? Die Entscheidung wird nicht gezeigt. Aber die Ahnung wächst: Eine Eigentumsgesellschaft ist ohne Korruption nicht zu haben.

Für Fundamentalisten hält das Volk letztlich nur Heldentod und Verewigung im Mythos bereit. So auch für Empedokles, den unverstandenen sizilianischen Philosophen und Pädagogen, der sich Legenden zufolge 435 v. Chr. in die Gluten des Ätna gestürzt haben soll. Ihn stellt Romeo Castellucci in seinem „Four Seasons Restaurant“ in die Mitte einer bildwütigen Inszenierung.

Der Stücktitel erinnert an eine Episode im Leben des Mark Rothko, der nach Fertigstellung von Auftragsarbeiten für das New Yorker Nobelrestaurant „The Four Seasons“ seinen Vorschuss rückerstattete und seine Bilder einbehielt. Dieses Ereignis von 1958 hat allerdings nur emblematische Bedeutung für eine Meditation um Hölderlin .

Zehn Frauen in Kostümen von Landmägden verkörpern die Figuren aus Hölderlins Tragödienfragment „Der Tod des Empedokles“. Bei ihrem ersten Auftritt schneidet sich eine nach der anderen die Zungenspitze ab, die später von zwei leibhaftigen Hunden gefressen werden. In Castelluccis bedrückendem Bild führt der Weg in die Sprache zumindest symbolisch über den Verlust der Sprachfähigkeit. Am Ende der kurzen, den Text nicht wirklich erschließenden Darstellung voll hohler demonstrativ pathetischer Gesten formen die Frauen ein Knäuel aus Körpern, aus dem eine nach der anderen neu geboren wird. Nackt verlassen sie die Bühne, bereit für ein neues Leben. Empedokles glaubte an unbegrenzte Reinkarnationen. Und mit ihm Castellucci, dem es nicht um geschlossene Narration geht, sondern um Konfrontationen von Bildern, Assoziationen, Analogien und Metaphern.

Eingefasst wird dieser Empedokles von zwei Bildern, die die Bühnentechnik mit sich selbst ausmacht: Ein Höllendröhnen begleitet aufprojizierte Informationen über ein 25 Millionen Lichtjahre entferntes „Schwarzes Loch“; . Am Ende rauschen kleine schwarze Fetzen in kreisenden Wirbeln über die zum Publikum hin mit einer Folie abgetrennte Bühne. Die göttliche Natur, die wohl weder Empedokles noch Hölderlin dem gemeinen Volk begreiflich machen konnte, hält für uns bei Castellucci nur ein Fegefeuer bereit oder ein schwarzes Loch, das alles Sein in sich aufsaugt.

Der riesige schwarze Schleier enthüllt endlich das nach unten gerichtete Antlitz einer jungen Frau. Es dröhnt gewaltig. Dem Publikum wurden vorab Ohrstöpsel verteilt. Die Begegnung mit dem Absoluten soll einen umhauen – aber die mächtige suggestive Kraft, die in Castelluccis Arbeiten sonst schlummert, ist diesmal nicht zu spüren. Eberhard Spreng

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