Kultur : Wir Vorleser

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Peter von Becker möchte

Doris SchröderKöpf unterstützen

Da hat Doris Schröder-Köpf, die viel mehr im Kopf hat als nur den Kanzler und die Gattin, da hat sie jetzt auf der Frankfurter Buchmesse einen ganz wunderbaren Satz gesagt: „Kinder brauchen die zwei großen L’s: viel Liebe und viel Lesen.“ Dann „wird aus denen schon was“. Das spricht natürlich allen Pisa-Gepiesackten ebenso aus der Seele wie den bildungsfundamentalistischen Eltern, die ihren viel geliebten Kleinen ihre Lieblingsspielsachen am liebsten zu Schrott hacken würden, alle diese elektronischen Gameboys und Playgirls und anderen Leseverhinderer. Weil das aber der Liebe (und des lieben Friedens) wegen nicht geht und weil die Leseabstinenz längst bei den Eltern beginnt, die es an Zeit, Zuwendung und an erzählerischer Verführung mangeln lassen, ist die von Doris Schröder-Köpf auf der Buchmesse vorgestellte Kampagne „Deutschland liest“ auf eine Aushilfsidee gekommen. Freiwillige, vielleicht gar Arbeitslose, Pensionäre und Rentner sollen Kindern in Bibliotheken künftig vorlesen. Für diese Art sozialer Bildungsarbeit gebe es in den USA ermutigende Vorbilder. Wenn es schon an Lesern mangelt, müssen als lebende Einstiegsdroge (die früher mal Großmutter hieß) nun die nebenberuflichen Vorleser ran, Beratung und Patronat könnte der Schriftsteller Bernhard Schlink übernehmen. Aber wie nur bringt man die Kleinen zu ihrem strengen Glück in die Bibliotheken hinein? Sind das nun Ersatzschulen oder Ersatzkindergärten, und kriegen die Eltern als Begleitpersonen dann endlich mal selber was vorgelesen? Oder wäre die Idee des ambulanten Vorlesers nicht eher etwas für ein neues, heimisches Babysitter-Programm? Jedenfalls sollte es irgendwie einen Liebes- und Leseruck geben in Deutschland. Vor allem bei den Knaben, deren Leseschwäche weit ausgeprägter ist als bei Mädchen, wie alle Untersuchungen zeigen. Lesen und Fantasie lernen, heißt eben auch, den kleinen Chromosomgeschädigten mal ein X für ein Y vorzumachen.

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