Kultur : Wir Waisenkinder

Das Schloss, das ein Gefängnis war: eine anrührende Sommerausstellung in Groß Leuthen

Christina Tilmann

Der Ort könnte romantischer nicht sein. Doch oft sind es gerade die besonders romantischen Orte, die die schrecklichsten Fantasien freisetzen. Das Wasserschloss Groß Leuthen im Spreewald, eine gute Stunde Fahrzeit von Berlin entfernt, liegt besonders schön, mit seiner Terrasse zum See, dem wuchtigen Turm und den malerisch vergammelten Sälen. Und es erzählt von besonderen Schrecken: Seit dem Zweiten Weltkrieg beherbergt das Wasserschloss Kinderheime, zunächst ein Heim für Waisenkinder, später einen Werkhof für „kriminelle“ Jugendliche. Zumindest damals wird es hier ziemlich schlimm gewesen sein – das Schloss-Gefängnis, der See die vage Verheißung von Freiheit. 71 Fluchtversuche wurden allein 1962 gezählt.

Die wechselvolle Geschichte des Hauses, die suggestiven Räume haben alle Künstler des 12. Rohkunstbau-Projekts inspiriert, und die Kuratoren dazu. Er spüre noch die Geister der ehemaligen Bewohner im Raum, erklärt Mark Gisbourne. Seine Ausstellung hat er daher unter das Motto „Kinderszenen“ gestellt. Die Kindheit als Ort idyllischer, aber auch furchtbarer Erinnerungen: Schumanns „Kinderszenen“ bilden den Rahmen, und lose orientiert an den Klavierstücken haben sich 13 internationale Künstler auf das Spiel eingelassen. Damit dürfte die Sommerausstellung im Spreewald, die 1994 in einem Schuppen begann, endgültig etabliert sein. „Kinderszenen“ soll nach dem Willen des ehrgeizigen Festivalgründers Arvid Boellert die Beschäftigung mit Kindheit und dem Genius Loci abschließen.

Louise Bourgeois, die grande dame der zeitgenössischen Kunst, hat Kindheitserinnerungen zum Kern ihres Œuvres gemacht. Die Erfahrung, als Dreijährige vom Vater verlassen worden zu sein, spricht auch aus der wunderbaren Arbeit, die in Groß Leuthen erstmals gänzlich zu sehen ist. Zwölf Leinentüchlein, bedruckt mit Familienfotos, die Louise mit ihren Eltern zeigen, an der Hand der Mutter, und dann den Vater im Krieg, im Unterstand, im Lazarett. Mit einem feingestickten Kreis umrandet ist jeweils die Hand des Vaters, die nie die Hand des Kindes hält. Und dazu kommen gestickte Sprüche wie „Don’t abandon me“. Trostloser, intimer war der Schrecken des verlassenen Kindes selten zu spüren. Die Waisenkinder von Groß Leuthen wüssten wohl, wovon sie spricht.

Drastischer geht es bei den britischen Skandal-Künstlern Jake und Dinos Chapman zu, die Blätter aus einem populären Kinderbuch mit Goyas „Schrecken des Kriegs“ überziehen. Oder in den Fotografien des Moskauer Künstlers Sergej Bratkov, der Kinder in blutrünstigen Fotografien zu Rächern in der Erwachsenenwelt macht. Doch das einprägsamste Bild hat die walisische Künstlerin Laura Ford gefunden: In der Eingangshalle lässt sie fünf niedliche, lebensgroße Kinderskulpturen aufmarschieren, gekleidet in gestreifte Schlafanzüge, mit verbundenen Augen, Tierohren und Tierfüßen. „Schlafwandler“ hat sie die Arbeit genannt, die das Kinderspiel Blindekuh assoziiert, aber auch Gefängnis und Folter. Spiel, Grausamkeit, Schrecken sind hier untrennbar verbunden.

Dass man im Internat, im Kinderheim niemals allein ist, haben mehrere Künstler aufgegriffen, mit Werken, die den Verlust der Individualität in der Masse thematisieren. Yann Delacour hat 12000 Playmobil-Soldaten im märkischen Sand aufmarschieren lassen, die sich mit ihren blauen Kappen zu skulpturalen Gruppen drängen. Und der Australier Michael Kutschbach hat weiße, gerundete organische Formen aus Gips gebildet. Wie Babys drängen sie sich um eine Videowand, auf der ähnliche Formen in verschiedenen Farben entstehen. Doch nicht alle waren so raffiniert. Der chinesische Malerstar Fang Lijun, bekannt für knallbunte, großformatige Bilder, ist im vergangenen Jahr Vater geworden und hält ein knallrotes, blumenumkränztes Riesenbaby wie eine Opfergabe in eine tiefblaue See. Die Kunstgruppe „Fur“ hat ein Kasperletheater aufgebaut, in dem der Besucher Kasper gegen einen Polizisten zum Boxkampf antreten lassen kann. Und Cornelius Völker widmet sich dem Drama des morgendlichen Aufstehens, indem er unter Bettdecken verkrochene Kinder malt. Da war Cornelia Schleime von anderem Format, als sie im vergangenen Jahr, ebenfalls im ehemaligen Schlafsaal, ihre abgründigen, zwischen NS-Rassenwahn und Deformierung schwankenden blonden Kindergesichter zeigte.

Das alles ist, in den alten Schlossräumen, die durch ihre Funktionen wie Schulzimmer, Schlafzimmer oder Badezimmer noch zusätzliche Assoziationen freisetzen, fast zu suggestiv, zu naheliegend, zu schön. Von Sehnsucht, von Angst und der Macht der Fantasie erzählt die Ausstellung an jeder Ecke. Der Kosmos Kindheit erweist sich als dankbares Neverland: Man erinnert und erinnert und kommt doch nie an. Nicht umsonst hat der Berliner Künstler Via Lewandowski einen alten Kleiderschrank zur Grenzen sprengenden Raumskulptur verwandelt. Schon die Kinder, die in C. S. Lewis Jugendklassikern durch den Wandschrank in ein Fantasieland flüchteten, kannten das Problem: Es gibt keinen Weg zurück ins Land der Kindheit.

Wasserschloss Groß Leuthen, Spreewald, bis 28. August, Mo. bis Fr. 14–20 Uhr, Sa. & So. 10–20 Uhr. Infos: 030/4862 0800 oder www. rohkunstbau.de.

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