Kultur : Wir waren Helden

Das Museum Karlshorst zeigt, wie sich Deutsche und Russen an die Schlacht von Stalingrad erinnern

Christian Schröder

Auf dem Koppelschloss prangt der Reichsadler mit Hakenkreuz, darüber steht „Gott mit uns“. Das Loch an der Unterseite könnte von einem Einschuss stammen. Drumherum sind weitere Relikte aus dem Soldatenalltag arrangiert: ein zerbeultes Essgeschirr, Bruchstücke eines Gewehrs, eine Zahncremetube der Marke „Turul“. Wo immer heute in Wolgograd gegraben wird, kommen Dinge zutage, die an die wohl fürchterlichste Schlacht des Zweiten Weltkriegs erinnern. In Stalingrad – so hieß Wolgograd bis 1961 – starben im Winter 1942/43 rund 480000 Rotarmisten, von den 290000 deutschen Soldaten, die im Kessel eingeschlossen wurden, kehrten nur etwa 5000 zurück. Über die Zahlen der zivilen Opfer gibt es nur Schätzungen. Ein anhaltender Grusel geht von Stalingrad aus, im Kollektivgedächtnis der Deutschen steht die Stadt für die Kriegswende, für Schuld und Untergang. In Russland ist die Schlacht genauso unvergessen, Triumph mischt sich dabei mit Trauer. Noch im Irak-Krieg fragten Moskauer Zeitungen: „Wird Bagdad zum Saddamgrad?“ „Stalingrad Erinnern“ heißt eine Ausstellung im deutsch-russischen Museum Karlshorst, die die unterschiedlichen Stalingrad-Deutungen einander gegenüberstellt.

Zum Mythos wurde Stalingrad bereits, als die Schlacht noch nicht beendet war. Im Sommer 1942 war die deutsche Wehrmacht im Süden der „Ostfront“ weit vorgestoßen, mit dem Angriff auf die Stadt an der Wolga, der im August begann, schien sich die Kette der Siegesmeldungen in den Wochenschauen fortzusetzen. Doch nachdem sich im November der Kessel um die deutschen Truppen geschlossen hatte, wurde eine Informationssperre verhängt. Erst im Januar 1943 gab es neue Nachrichten aus Stalingrad, jetzt war von einem „Heldendrama“ die Rede. Die Ausstellung erzählt Kriegsgeschichte als Mediengeschichte.

Am 1. Oktober 1942 zeigt die „Berliner Illustrierte Zeitung“ auf ihrem Titelfoto zwei Wehrmachtssoldaten beim Nahkampf, Bildzeile: „In einem Ringen von beispielloser Härte kämpft sich deutsche Infanterie immer tiefer in das Herz der Stadt Stalingrad hinein.“ Das „12 Uhr Blatt“ fordert am 30. Januar 1943: „Kämpfen, werken, siegen und niemals kapitulieren!“ Aber schon fünf Tage später, am 4. Februar, verkündet der „Völkische Beobachter“ das Ende des Kampfes: „Sie starben, damit Deutschland lebe.“ Als Illustration dient ein heroisches Relief von Arno Breker mit dem Titel „Vergeltung“. Kurz danach ruft Goebbels in seiner Sportpalast-Rede zum „totalen Krieg“ auf. Die Berliner Journalistin Ursula von Kardorff notiert in ihrem Tagebuch: „Eine Tragödie, die bereits wieder als Propaganda frisiert wird.“

Antikommunistischer Opfergang

„Wende“, „Untergang“, „Opfer“ – die von der NS-Propagandamaschinerie geprägten Begriffe kursieren nach dem Krieg weiter. Die Soldaten der 6. Armee werden nun als Hitlers Opfer gesehen, ihr „Opfergang“ in den Antikommunismus des Kalten Krieges eingebettet. Ex-Generalfeldmarschall Manstein veröffentlicht 1955 das Rechtfertigungsbuch „Verlorene Siege“, „Landser“-Hefte werden von „Flammen über Stalingrad“ illuminiert. Der Bochumer Historiker Norbert Frei spricht in seinem Katalogbeitrag von der „Selbstviktimisierung“ der Deutschen. Er gesteht den Wehrmachtssoldaten zu, Opfer einer „verantwortungslosen obersten Militärführung“ gewesen zu sein, sieht sie aber zugleich als Täter „im deutschen Weltanschauungs- und Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion und des darin eingelagerten Krieges gegen die Juden“. Schon in den Fünfzigerjahren existiert eine florierende Stalingrad-Industrie mit Büchern wie „Stalingrad“ von Theodor Plivier und Filmen wie „Hunde wollt ihr ewig leben“ oder, nach Konsalik, „Der Arzt von Stalingrad“.

Für die DDR war Stalingrad beinahe identitätsstiftend: Bei der Gründung des „Nationalkomitees Freies Deutschland“ und des „Bundes deutscher Offiziere“ arbeiteten Exilkommunisten eng mit in Gefangenschaft geratenen Wehrmachtsgenerälen zusammen, eine Kooperation, die sich beim Aufbau der Nationalen Volksarmee bewähren sollte. Im „Neuen Deutschland“ veröffentlichen zurückgekehrte „Stalingradkämpfer“ 1951 unter der Schlagzeile „Kein zweites Stalingrad!“ einen Aufruf gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik, später tritt Friedrich Paulus, ehemaliger Generalfeldmarschall und Kommandant der 6. Armee, in der Kampagne als „Kronzeuge“ auf. Sieger und Besiegter der „großen Schlacht an der Wolga“ werden von der DDR gleichermaßen gewürdigt: die antifaschistischen Kämpfer der Roten Armee, aber auch die Landser der Wehrmacht, deren „soldatische Tugenden“ in die neugegründeten eigenen Streitkräfte integriert wurden.

Zur Ausstellung gehört auch ein Filmprogramm, ein Zusammenschnitt von zehn Stalingrad-Filmen aus den Jahren 1949 bis 2001. Besonders eindrucksvoll ist eine Sequenz aus dem sowjetischen Film „Die Stalingrader Schlacht“ von 1949. Im Kreml befiehlt Stalin „Keine Opfer zu schonen, um Stalingrad zu verteidigen“, dann schwenkt die Kamera durch eine Schwarzblende auf das von Explosionen zerpflügte Schlachtfeld. In der Sowjetunion galt Stalingrad zunächst als Versinnbildlichung des Duells zweier Diktatoren, deren Maximen einander auffallend ähnelten. „Kein Schritt zurück“, forderte Stalin, Hitler verlangte: „Ich befehle, Stalingrad unter keinen Umständen zu verlassen!“ Der Sieg schien Stalins „geniale Kriegsführung“ zu beweisen, bis der XX. Parteitag 1956 den Personenkult beendete.

Die Ausstellung zeigt – leider nur in Reproduktionen – den nach der Schlacht einsetzenden Siegeszug der Sowjetarmee als Abfolge von Plakaten. Einem deutschen General ist ein Blitz aus einem „Stalingrad“-Schriftzug in den fetten Bauch gefahren, wutschnaubend liegt er auf einem Berg von Totenschädeln. Hitler heult nach der Niederlage wie ein Mütterchen in einem Lumpenkleid. Ein Rotarmist hisst – den Slogan „Von Stalingrad nach Berlin“ erfüllend – eine rote Fahne in der Hauptstadt des Feindes und zertritt dabei ein Hakenkreuzbanner. Im Verlauf der Schlacht wurde Stalingrad fast vollständig dem Erdboden gleichgemacht, 85 Prozent der Stadt lagen in Trümmern.

Versiegeltes Schlachtfeld

In den Sechzigerjahren errichtete man auf dem Wolgograder Mamai-Hügel eine gigantische Denkmalanlage, die das einst heftig umkämpfte Schlachtfeld großflächig versiegelt. Der Schriftsteller Viktor Nekrassow beschreibt seine Gefühle bei einem Besuch: „Alles war weg. Einfach weg. Spurlos verschwunden. Stattdessen erhob sich vor mir, links vom Wasserturm, ein gewaltiges, rätselhaftes Gebilde. Als ich näher kam, entpuppte es sich als ein Monument von gigantischen Maßen: ein halbnackter Mann mit einer Maschinenpistole in der Hand. Mir schwindelte.“ Von Februar an wird eine russische Version der Ausstellung in Moskau gezeigt. In Karlshorst verabschiedet man den Besucher mit einer irritierenden Pointe: In einer Vitrine sind fünf Flaschen eines „Jubiläumswodkas“ zum 60. Jahrestag der Schlacht aufgereiht. Stalin und Kampfszenen schmücken die Etiketten. Hochprozentiges Gedenken.

Deutsch-Russisches Museum, Zwieseler Straße 4 (Karlshorst), bis 29. Februar. Di–So 10–18 Uhr, Eintritt frei.

0 Kommentare

Neuester Kommentar