Kultur : „Wir waren keine Helden“

Die Lyrikerin Amal Al-Jubouri leitet das erste deutsch-irakische Kulturzentrum in Bagdad – und zeigt in Berlin irakische Kunst

Christina Tilmann

2004 war der Höhepunkt erreicht: Da wurde auf der Frankfurter Buchmesse das Gerücht verbreitet, sie sei von deutschen Behörden festgenommen worden, wegen Zusammenarbeit mit Saddam Hussein. Aufgeregt rief der Botschafter aus Jemen, als dessen Kulturattaché sie in Berlin arbeitete, bei Amal Al-Jubouri an: „Frau Al-Jubouri, wo sind Sie? Im Gefängnis?“ Da stand sie gerade gemeinsam mit Festspiel-Chef Joachim Sartorius am Flughafen, um den arabischen Dichter Adonis zu einem Berliner Lyriktreffen abzuholen. Gemeinsam haben sie 2001 in Berlin die deutsch-arabische Literaturzeitschrift „Diwan“ gegründet. Unterstützt wird die Zeitschrift von Günter Grass und Hans Magnus Enzensberger.

Neid und Missgunst gegenüber einer erfolgreichen, ehrgeizigen jungen Frau? Die 36-jährige irakische Lyrikerin Amal Al-Jubouri sitzt im Berliner Büro der Literaturzeitschrift „Diwan“, im mit Kissen, Lampen, Polstern orientalisch gestalteten Veranstaltungsraum, und ist noch heute erbost: Der Vorwurf zu großer Regimetreue gegenüber Saddam Hussein sei gezielter Rufmord gewesen – selbst ein Verhältnis zum Diktator habe man ihr unterstellt.

Gleichzeitig sind die Vorwürfe jedoch Zeichen des schwierigen Verhältnisses zwischen Exilirakern und solchen, die unter Saddam Hussein im Land blieben. Auf dem Berliner Lyrikfestival 2003 warf der Dichter Jabbar Yassin Hussin den irakischen Intellektuellen vor, sie hätten sich mit Saddam Hussein arrangiert. „Wir haben nicht kooperiert. Wir haben einfach überlebt“, hält Amal Al-Jabouri dagegen. Und gibt gleichzeitig zu: „Wir waren keine Helden.“

In einem Land, welches jahrelang boykottiert und von dem Rest der Welt abgeschlossen blieb, gab es kaum Möglichkeiten, von Veröffentlichungen leben zu können, unabhängige Zeitungen auch nicht, erzählt Al-Jubouri. Die meisten Intellektuellen hätten als Journalisten für staatliche Medien gearbeitet. Sie selbst leitete eine Kultursendung im irakischen Fernsehen, nahm an offiziellen Festivals teil, ja, ein Gedicht von ihr, gewidmet den irakischen Märtyrern im zweiten Golfkrieg, wurde in einer Geburtstagsschrift für Saddam Hussein veröffentlicht. Soweit die offizielle Seite. Daneben jedoch: eine Parallelkultur, die die offizielle bekämpft. Regimekritische Schriften, die in der Schublade landen. Ein enges Netz unter den Intellektuellen. Das feine Spiel der Andeutungen, für das sich besonders die Lyrik eignet. 1997 musste Al-Jubouri den Irak dann doch verlassen, wegen eines regimekritischen Artikels. Sie ging nach Deutschland ins Exil. „Wäre ich eine Heldin gewesen, wäre ich geblieben und hätte gegen Saddam gekämpft.“

Schwer zu beurteilen, was schwarz ist oder weiß, was richtig oder falsch, vor allem aus der sicheren Distanz des Auslands. Auf der einen Seite die Vorwürfe der Landsleute im Exil, auf der anderen Seite Unterstützung und Wertschätzung von Dichtern wie Enzensberger, Grass, Durs Grünbein und Sartorius. Auf der einen Seite deutliche Worte gegen Saddam Hussein. Auf der anderen Seite: „Damals hatten wir nur einen Feind. Heute haben wir viele. Die Situation ist eher schwieriger geworden. Und die radikale islamistische Partei ist für die Frauen sogar schlimmer als Saddam.“ Im Gespräch fallen auch provozierende Sätze wie „Das UN-Embargo war für uns ein Holocaust“. Die USA sind „die Besatzer“ und sie, Al-Jubouri, eine „Zeugin der Besatzungszeit“. Die Übergangsregierung unter Ijad Allawi habe das Land nur ausgebeutet, sich in acht Monaten so schnell bereichert, wie es ging. Und: „Derzeit ist im Irak Sicherheit wichtiger als Freiheit.“

Was Amal Al-Jubouri nicht abgeschreckt hat: Anfang April 2003, vier Tage nach Kriegsende, kehrt die Lyrikerin, die bis dahin mit ihrer Tochter in Berlin gelebt hatte, als erste irakische Intellektuelle wieder nach Bagdad zurück. Sie erlebt die Plünderungen der Bagdader Museen und der Nationalbibliothek, versucht in einem Dokumentarfilm nachzuweisen, dass diese Plünderungen von langer Hand, schon vor dem Krieg, geplant worden seien: „Es ging um die Zerstörung unserer Identität.“ Der Film „Von Berlin nach Bagdad“ wird 2003 auch in Berlin gezeigt, vor dem Ischtar-Tor im Museum für Islamische Kunst.

Kultur als Mittel der Verständigung: Das ist der Grundgedanke der Zeitschrift „Diwan“. 2004, ein Jahr nach dem Fall von Bagdad, eröffnet die arabische Sektion des „Diwan“ in zwei historischen Gebäuden ein Kulturzentrum. Jeden Dienstag gibt es Dichterlesungen, Vernissagen, Filmvorführungen, Übersetzungsseminare, Deutschkurse. In Zusammenarbeit mit dem Germanistischen Institut der Uni Bagdad übersetzt man Muschg, Enzensberger, Katharina Mommsen. Auch an einem deutsch-irakischen Theateraustausch ist „Diwan“ beteiligt. Und für September ist, in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut in Kairo, das erste deutsche Filmfestival in Bagdad geplant.

Andererseits: Noch vor sechs Monaten wurde in der Haifa Street, in der das Institut liegt, heftig gekämpft. „Das war schon eine paradoxe Situation“, erzählt Al-Jubouri. „Draußen amerikanische Panzer, drinnen Kulturveranstaltungen.“ Inzwischen fragen französische und britische Kulturinstitutionen nach Kooperationsmöglichkeiten. Der „Diwan“ ist eine der wenigen Orte, der in Bagdad einen offenen Kulturaustausch versucht. Demnächst ist geplant, als Ersatz für das geplünderte Museum Moderner Kunst in Bagdad einen Kunstraum zu eröffnen. Einen Vorgeschmack darauf gibt eine kleine Ausstellung mit sechs irakischen Künstlern, die am Freitag Abend in der Ägyptischen Botschaft in Berlin eröffnet hat. Die Kunstbiennale, die es unter Saddam im Irak gab, existiert nicht mehr. „Die Kunst ist die älteste Sprache der Welt“, sagt Al-Jubouri. Umso wichtiger, dass diese Welt auch von irakischer Kunst wieder Kenntnis nimmt.

Ägyptische Botschaft Berlin, Stauffenbergstr. 6-7, Mo bis Fr 9 bis 16 Uhr.

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