Kultur : Wir waren verliebt ins Gelingen

Das Kino „Börse“ war eine Bastion des DDR-Films. Jetzt muss es schließen

Kerstin Decker

Die „Börse“ macht zu. Der August ist der letzte Kinomonat des letzten richtigen Ost-Kinos. Ist es also der letzte Monat des DEFA-Films auf der Leinwand? Wenn die „Börsen“-Frau Inis Schönfelder den Blick vom Computer hebt, fahren die Spree-Schiffe fast über ihren Schreibtisch, links und rechts stehen vorteilhaft platziert Dom und Bode-Museum. Ein perfektes Set. Postkartenperspektive am Arbeitsplatz. Kein Wunder, dass man sich schon längst für die Immobilie interessierte. Ist das also eine allerletzte Vertreibung Ost? Aber die „Börsen“-Frau schaut überhaupt nicht aus dem Fenster, sie muss noch letzte Arrangements für den Best-of-DEFA-Monat treffen, denn das soll der August werden.

„Wir wollen mal einen Monat lang schöne klassische Filme gucken, darunter auch viele DEFA-Filme“, sagt sie und hat zwischen sich und Berlin eine absolut blickdichte Jalousie heruntergelassen, denn da draußen sind nicht nur Stadt und Fluss, sondern Tag für Tag nun auch noch diese kitschigen Touristen-Sonnenuntergänge neben der Goldspitzen-Synagoge. Keinem DEFA-Film hätte man solche Sonnenuntergänge durchgehen lassen. Obwohl der Erfinder des proletarischen Films und spätere DEFA-Regisseur Slatan Dudow einst einen zweiten Sommer Drehzeit an der Ostsee ansetzte, weil er im ersten nicht den richtigen Sonnenuntergang für seine „Verwirrung der Liebe“ bekommen hatte. So etwas war nur bei DEFA möglich. Sonnenuntergänge gehören ins Kino, alles andere ist schnöder Naturalismus. Irgendwie hat der neue Besitzer Glück gehabt, dass er auf ein Haus voller Cineasten traf, für die eben auch nur eine einzige Aussicht zählt, und das ist die auf eine weiße Leinwand in abgedunkelten Räumen.

Das „Börse“-Kino und der Progress-Filmverleih gehören zur DEFA-Stiftung, und der DEFA-Stiftung gehörte die Burgstraßen-Immobilie. Unsere Aufgabe ist nicht der Erhalt schöner Immobilien, sondern der Erhalt des DEFA-Erbes, überlegte die DEFA-Stiftung, verkaufte und zog schon mal vorbeugend aus. In der richtigen Wahrnehmung, „dass man im Grunde auch nach Wakaduku ziehen könnte“, um das DEFA-Erbe verwalten. Da hoffte das Kino „Börse“ noch, sagt Inis Schönfelder, dass es trotzdem dableiben könne. Warum sollte es nicht möglich sein, die Burgstraße 27 als Medienhaus zu erhalten? Außerdem hätte man schon längst statt eines Kinos lieber zwei Kinos. Also könnte man das zweite doch gleich einbauen.

Als die ersten Progress-Mitarbeiter auf die Idee kamen, das einstige Sichtungskino des einzigen Filmverleihs in der DDR als Programmkino zu öffnen, dachte kein Mensch an einen zweiten Saal. Damals, vor 13 Jahren, wollte niemand mehr DEFA-Filme sehen, schon gar nicht die Ostler. Die Ostler wollten vor allem eins: nichts aus dem Osten, egal ob das Bier, Marmelade oder Bilder waren. Doch anders als über Bier und Marmelade fiel alsbald über den DEFA-Film das Fallbeil der Kritik. Nun konnte man dem Film nicht wie der Malerei ein reaktionäres Beharren auf dem Figurativen vorwerfen, man erklärte den DEFA-Film zum Abkömmling der UFA-Ästhetik, über die er nie hinausgekommen sei. Die Feineren sprachen von „Kulturprodukten älteren Typs“, mit grundsätzlichen Konflikten, mit Anliegen und Aussage. Als sich irgendwann ein gewisser Überdruss an Kulturprodukten neuen Typs ohne grundsätzlichen Konflikt, ohne Anliegen und Aussage bemerkbar machte, füllte sich das „Börse“-Kino. Inis Schönfelder nennt die Konsumenten von Kulturprodukten älteren Typus auch kurz „unser Publikum“. Das sei eins, sagt Schönfelder, das genau weiß, was es sehen will: „Ich vermeide jetzt mal den Satz: Das Kino soll Denkanstöße geben!“

Neben Inis Schönfelder steckt eine kleine DDR-Papierfahne in den Heizungsrohren, so eine, mit denen die Kinder früher dem Genossen Erich Honecker zuwinkten. Ostalgie? Nicht unbedingt. Denn die „Börsen“-Sprecherin ist gar nicht direkt aus dem Osten, eigentlich ist sie direkt aus dem Westen. „Aber ich habe Verwandte im Erzgebirge!“, betont sie. Darum kennt sie die DDR sehr gut, genau wie den DEFA-Film. Das „Best-of“ des August-Spielplans hat im Grunde das Publikum zusammengestellt, denn in der „Börse“ konnte man bei Kino-Leiterin Brigitte Adam schon immer Wunschzettel abgeben, mit Filmen, die man unbedingt mal wieder sehen wollte. Irgendwann ist daraus ein kleiner Kanon entstanden, und der wird noch bis 31. August gezeigt. Da läuft am Nachmittag Wolfgang Staudtes „Geschichte vom kleinen Muck“ und dann dreimal hintereinander (wie seit über zehn Jahren schon) Heiner Carows „Legende von Paul und Paula“. Davor aber gibt es Lothar Warnekes „Einer trage des anderen Last“, Staudtes „Untertan" oder Konrad Wolfs „Goya“ und „Solo Sunny“, Beyers „Jakob der Lügner“, Zschoches Hölderlin-Film „Hälfte des Lebens“ und immer so weiter. In der nächsten Woche sind vor allem die Russen dran, vom „Panzerkreuzer Potemkin“, „Solaris“ bis zu „Das Zigeunerlager zieht in den Himmel“, der in der DDR zum Kultfilm wurde.

Dem „Montagskino“ folgt eine Gesprächsrunde mit Beteiligten und Beobachtern. Den Anfang machte Peter Kahanes „Ete und Ali“ von 1985, schon Stunden vorher ausverkauft. Das war unmöglich ein klassisches „Kulturprodukt älteren Typs“. Dieses Roadmovie mit zwei eben von der Armee Entlassenen ist von solcher Freimut und Leichtigkeit, von solch selbstverständlicher Verliebtheit ins Gelingen, dass man mit gewissem Erstaunen sah, was in der DDR alles möglich war. Sogar Jörg Schüttauf mag seinen Film jetzt, er hatte diesen Ete früher nie ansehen können, für den ihn alle lobten. Kahane und Schüttauf unterhielten sich vor Publikum, wie der Regisseur letzteren direkt von seiner eigenen Exmatrikulationsveranstaltung an der Leipziger Schauspielschule wegengagierte. Denn die Schule mochte nicht, dass Schüttauf immer zu spät kam, und dann hatte die Polizei ihn auch noch mit Alkohol am Steuer erwischt in der Null-Promille-DDR.

Der neue Hausbesitzer hat dann doch keine zwei „Börse“-Kinos gewollt. Er wollte überhaupt kein Kino mehr. Und lieber ein Büro- statt ein Medienhaus. Der Progress-Verleih zieht in die Immanuelkirchstraße im Prenzlauer Berg, direkt über das „Blow up“. Das hat zwei Säle. Vielleicht lässt sich dort ein „DEFA-Fenster“ öffnen, schon am 25. September, natürlich mit der „Paul und Paula“. Und dann müsste man unbedingt all die Filme zeigen, die in den August nicht mehr hineinpassten, „Die Verlobte“ vielleicht oder „Die Beunruhigung“.

Börse, Burgstr. 27 (Mitte), Tel. 240 03 500. Das Abschiedsprogramm läuft bis 31. August. Am Montag, 11. 8., wird „Wenn die Kraniche ziehen“ mit Gästen gezeigt.

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