Kultur : Wir warten auf dich

„displaced“: ein Ausstellungsprojekt des Neuen Berliner Kunstvereins über Erinnerung im öffentlichen Raum

Lea Streisand

Erst mit dem Waffenstillstand in Sarajewo vor zehn Jahren erschienen in der Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina die ersten Traueranzeigen für die vielen Opfer des Kriegs. Sie lesen sich wie Liebesbriefe: „Am 24. Oktober 1995 sind es 40 Tage seit dem Tod meines Bruders Almir. Auch heute warte ich auf dich.“ Ein anrührendes Zeitzeugnis, das im Rahmen des gemeinsamen Ausstellungsunternehmens „displaced“ des Neuen Berliner Kunstvereins (NBK) und der bosnischen Projektgruppe „De/construction of Monument“ bis 29. Oktober in der „taz“ erscheint. Sechs internationale Künstler haben nach Aufenthalten in Sarajewo Arbeiten für den öffentlichen Raum in Berlin entwickelt, die sich der Verdrängung, der Vergegenwärtigung und der Flüchtigkeit gesellschaftlicher Ereignisse widmen.

So liegt der Recherche des Berliner Duos Renata Stih und Frieder Schock, die jene Traueranzeigen aus Sarajewo mitbrachten, eine deutliche Kritik zugrunde: „Sechzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg kommen die letzten Zeitzeugen in den Medien noch einmal zu Wort. Aber kaum jemand erinnert an das Gemetzel vor zehn Jahren vor unserer Haustür.“ Charakteristisch für alle Arbeiten ist das Moment des Flüchtigen. Der US-Künstler Edgar Arceneaux ist überzeugt, dass Erinnerungen an Ereignisse gebunden sind. Er hat den Namen seines unbekannten Großvaters, Old Man Hill, in Beziehung zu den Hügeln um Sarajewo gesetzt, auf denen die Scharfschützen lauerten. „Old Man Hill“ ist damit Metapher einer omnipräsenten Bedrohung und zugleich Verweis auf eine unbekannte Person.

Im Rahmen einer Performance ließ der Künstler den Namen nun in Form von Gasballons in den Berliner Himmel aufsteigen. Wie seine Kollegen plädiert auch er für lebende Denkmäler statt starrer Monumente.

Neuer Berliner Kunstverein, Chausseestr. 128/129, bis 23. Oktober.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben