Kultur : „Wir werden die wahren Hofnarren sein“

Heute Abend eröffnet Adolf Muschg als neuer Präsident die Herbsttagung der Berliner Akademie der Künste. Das Haus steht vorm Umzug in die Hauptstadt-Mitte und gerät unter die Obhut des Bundes. Ein Gespräch vor der Zäsur

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Herr Muschg, Sie sind seit einem halben Jahr Präsident der Akademie der Künste in Berlin. Eigentlich leben Sie aber als Schweizer Schriftsteller in Zürich und sind früher in Berlin nur selten in Erscheinung getreten.

Das stimmt. Ich wurde schon um 1970 in die damalige WestBerliner Akademie gewählt und war ein eher faules Mitglied. Nun erlebe ich in der neuen Funktion, wie gerne man es anders hätte. Denn die Mitglieder, die Autoren und Künstler aus Deutschland und vielen anderen Ländern, sie sind unser Kapital. Wie man die Akademie zuallererst für die eigenen Mitglieder attraktiv macht, um dann mit ihnen nach außen zu wirken, das dürfte das Betriebs- und Erfolgsgeheimnis sein.

Und wie kommen Sie diesem Geheimnis auf die Spur?

Ich bin gerade dabei, es zu lernen .

In wieviel Akademien sind Sie denn Mitglied?

Berlin war die erste. Dann kamen Mainz, Darmstadt – die Akademie für Sprache und Dichtung – und Hamburg. Mainz ist übrigens eine Akademie für Wissenschaften und Literatur, das ist eine interessante Versammlung der zwei Kulturen und hätte gut in meine Biographie gepasst, weil ich ja auch Lehrer an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich war. Aber in Mainz bin ich aus Zeitmangel leider auch nur ein trüber Gast gewesen.

Eine Schweizer Akademie hat Sie nie gewählt?

Es gibt keine Akademien in der Schweiz. Das ist, abgesehen vom antiken Athen, eine Spezialität von Ländern, die Monarchien hatten. In der Schweiz gibt es aus republikanischer Tradition weder Akademien noch Orden.

Was hat Sie denn als Schweizer Romancier, Essayist und Literaturwissenschaftler bewogen, Präsident dieser Berliner Republik der Künste zu werden?

Erstmal wollte ich nach meiner Hochschul-Emeritierung nicht den Rest des Lebens nur am eigenen Schreibtisch sitzen. Ich hatte schon in den letzten Jahren meiner Schweizer Professur ein interdisziplinäres Collegium Helveticum gegründet – ein Versuch, Leute aus verschiedenen Disziplinen, die ihre Dissertation schreiben, einem Teilchenbeschuss aus ganz anderen Ecken auszusetzen. Wir entdeckten dabei, wie schwer man sich gegenseitig verständlich machen kann. Und meine Erfahrung war, dass Wissenschaftler ganz selten erzählen können, was sie machen. Die Welt aber wäre verloren, wenn sie nicht und wenn ihr nicht erzählt würde. Es hat im Grunde mit Vorstellungskraft zu tun, und da müssten die Mitglieder einer Akademie der Künste die berufenen Spezialisten sein.

Bisher ist die Akademie aber auf dem hier einschlägigen Gebiet einer „third culture“ kaum hervorgetreten. Wollen Sie nun am Brückenschlag zwischen den Kulturwissenschaften und den immer einflussreicheren neuen Naturwissenschaften mitwirken?

Im Prinzip schon. Aber in Berlin wäre dies zunächst die Aufgabe der Akademie der Wissenschaften. Mir scheint, der abgespaltene Zwilling unserer Akademie ist die Universität der Künste, die einen Gegenstand lehrt, der sich im Grunde jeder Normativität entzieht. Nun haben wir das Projekt einer „Jungen Akademie“: Das soll mehr als nur der Versuch sein, uns nicht durch Überalterung selbst überflüssig zu machen.

Um was geht es dann?

Es geht darum, eine Art Fertigkeit – oder Unfertigkeit – zu vermitteln, die von allen menschlichen Produktivitäten am schwersten zu vermitteln ist. Man kann es mit der Aufforderung von Goethe illustrieren: „Drum sei ein Mann und folge mir nicht nach.“ Wir Älteren sollten nicht mehr wiederholt werden. Andererseits gibt es im Zeitalter der sich rasch überholenden Moden den Zwang, „originell“ oder „innovativ“ zu sein. So verschwindet die Grundfrage „Wie soll ich leben?“ im schieren Know-how: „Wie mach ich’s?“ Hier muss sich die Akademie auf das Gegenstück besinnen. Es muss uns in der Akademie darum gehen, einen Kern von Lebenskunst einzufangen, der in der antiken Akademie gesteckt hat: als Philosophieren und Leben kein Gegensatz waren.

Das klingt schön, bleibt aber etwas abstrakt. Sie antworten noch als Künstler, weniger als Vertreter einer Institution, die selber keine Kunst produziert, sondern mit ihren Veranstaltungen ein intellektuelles Programm auch praktisch verwirklichen soll.

Wir sind in der Tat ein paradoxes Unternehmen, weil wir lauter Einzelgänger zu einer Diskursgemeinschaft zusammenfügen. Wie das im Inneren und nach außen gelingen kann, dafür gibt es einen strategischen Vorschlag von Schiller, der uns mit dem Schillerjahr bald wieder zu Leibe rückt –

Das kommt 2005, im 200. Todesjahr –

Schiller gilt manchen als abgespielter oder gar moralisierender Autor. Dabei ließe er sich sehr aktuell lesen. Schiller entwickelt in der „Ästhetischen Erziehung des Menschen“ eine Alternative zum pädagogischen Furor der Französischen Revolution. Er unterscheidet in kantianischer Sprache zunächst zwischen Formtrieb und Stofftrieb. Der Formtrieb macht uns öde und funktionalistisch, wenn sich dabei der Sinn entleert; der Stofftrieb aber ist grenzenlos; wenn wir nur sammeln und träumen, zerfließt uns alles. Zwischen diesen Trieben jedoch gibt es als dritten den Spieltrieb. Der wirkt klüger als alles, was wir über uns wissen, und verwickelt uns in Prozesse, in denen eine Freiheit zum Ausdruck kommt, die als Kants kategorischer Imperativ nicht vermittelbar ist. Schillers schönster Satz lautet: „Der Geschmack ist keuscher als dein Herz, dort musst du den scheuen Flüchtling ergreifen.“ Das meint eine raffinierte Verführungsstrategie. Sie können im Spiel mit Menschen Dinge anstellen, die sie sich sonst nicht gefallen ließen.

Der ästhetische Coup wäre dabei das Moment der Überraschung. Die Akademie gelangt im neuen Jahr unter die Obhut des Bundes, und ihre Leitung soll dann zusammen mit dem Archiv an den im Krieg zerstörten Ort am Pariser Platz zurückkehren, neben das Hotel Adlon, wenige Schritte vom Brandenburger Tor. Welche Überraschung planen Sie dort zur ästhetischen Erziehung des Menschengeschlechts?

(l acht) Sie wissen, dass sich der Neubau am Pariser Platz aus vielen Gründen verzögert hat. Und seit wir in den künftigen Archivkellern den Schimmel entdeckt haben, überlege selbst ich ein Stück Eventkultur: Wir lassen jeden Tag einen Schimmelreiter über den Pariser Platz paradieren. Eine seriösere Alternative ist, den unfertigen Neubau ab dem Frühjahr 2004 notfalls in seiner Unfertigkeit zu nutzen und die offene Stelle als Öffnung in die Stadt zum vorläufigen Programm zu machen .

Ihr Akademie-Kollege Alexander Kluge würde es nennen: Die Lücke, die der Schimmel lässt. Denken Sie an eine öffentliche Inszenierung?

Ja, auch wenn ich Ihnen hier noch keine Einzelheiten nennen kann. Denkbar ist zum Beispiel, dass Harald Szeemann –

– der frühere Documenta- und Biennale-Direktor, ein Akademie-Mitglied ...

...dass Szeemann zur provisorischen Eröffnung für eine poetische, visuelle Installation sorgt, die nicht nur zeigt, dass wir am Pariser Platz künftig im Glashaus sitzen, sondern die architektonische Form und unseren Inhalt eben durch das Spielerische verbindet und wie eine Membran zur Öffentlichkeit wirkt.

Ihr Vorgänger György Konrád hatte die Akademie nach der Zusammenfügung von Ost- und West-Akademie im Inneren entkrampft: durch ungarische Güte und seinen weisen Witz. Zudem hat er den Horizont hin zu den osteuropäischen Nachbarn geöffnet. Auch Sie haben sich nach dem Irak-Krieg zusammen mit Jürgen Habermas, Jacques Derrida und anderen in der Diskussion um das alte und neue Europa stark engagiert.

Ich möchte das Gespräch um die europäische Identität erweitern um die Frage: Wie gehen wir mit den Differenzen um? Wie werden wir konfliktfähig? Das wird die Lebensfrage Europas sein, und die Antworten betreffen unsere kulturelle Kompetenz. Es geht ja nicht einfach um gegenseitige Toleranz. Toleranz muss zu Anerkennung führen, sonst bleibt sie passives, hochmütiges Erdulden. Goethe sagte: „Dulden heißt beleidigen.“

Obwohl sich eine europäische Identität kaum auf die Wirtschaft oder die Tagespolitik stützt, sondern auf den gemeinsamen, vieltönenden kulturellen Echoraum, spielt Kultur in Brüssel und beim Europäischen Verfassungs-Entwurf nur eine Nebenrolle. Warum mischt sich hier die Berliner Akademie mit ihren Mitgliedern aus vielen europäischen Ländern nicht entschiedener ein?

Das wird kommen. Allerdings sind wir im Moment damit beschäftigt, uns selbst eine neue „Verfassung“ zu geben, die unser Verhältnis zum Bund definiert. Diese neue Satzung muss bis zum Jahresende verabschiedet sein.

Gibt es darin Konfliktstoff?

Genauso viele Konflikte wie Chancen.

Was ist die Chance, was ist das Risiko, wenn sich die Akademie künftig aufspaltet: in den schicken kleinen neuen Kopf am Pariser Platz und den alten, schwereren Bauch am Hanseatenweg in Berlin-Tiergarten?

Von den Gebäuden gehen verschiedene Botschaften aus. Am Pariser Platz wollen wir nicht Teil einer Repräsentationskulisse sein. Wir sehen uns eher in der Funktion des Hofnarren.

Aber der Neubau ist das deutlich kleinere Haus. Darin können Sie den Narren vor höchstens 200 Leuten spielen – das droht ein elitärer Hof zu werden.

Unser Ehrgeiz ist, etwas zu schaffen, womit man nicht rechnet. Die Ressource der Künste ist ihr Eigensinn. Ich habe aber noch kein Dreijahresprogramm und bitte einfach um die Geduld, sich überraschen zu lassen.

Verraten Sie uns, um die Neugier weiter zu steigern, wenigstens einen Satz, einen Vorsatz Ihrer ersten „Treppenrede“, mit der Sie heute Abend im Foyer am Hanseatenweg die Herbsttagung der Akademie eröffnen werden?

Ich suche ein Wort, das Goethe über Treppen verloren hat. Es heißt: „Stufenglück“.

Das Gespräch führte Peter von Becker .

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