Kultur : „Wir werden eine Menge Rückgrat brauchen“

Die Umworbene: Als Kuratorin des Hauptstadtkulturfonds hat Adrienne Goehler viel Geld zu verteilen. Aber wer kriegt was und warum ?

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Frau Goehler, als Kuratorin des Hauptstadtkulturfonds haben Sie jährlich zehn Millionen Euro, um möglichst interessante Projekte zu fördern. Von einer solchen Summe kann der Berliner Kultursenator nur träumen. Fühlen Sie sich wie eine steinreiche Mäzenatin?

Nicht wirklich, denn ich entscheide über die Vergabe ja nicht allein, sondern mit einem Beirat und einem Kuratorium – und dann sind zehn Millionen bei einer Stadt von der künstlerischen Produktivität Berlins nun auch nicht viel. Was mir gut gefällt an meinem Job, ist, dass ich durch die Beratungen viel öfter direkt mit Künstlerinnen und Künstlern zu tun habe als zu meiner Zeit als Kultursenatorin. Dabei reicht die Bandbreite der Förderanträge von ganz kleinen, noch völlig unregulierten, amorphen Projekten bis hin zu großen, international bedeutenden Vorhaben.

Es ist also mehr eine Katalysatorfunktion...

...die mir sehr vertraut ist von meiner früheren Tätigkeit als Präsidentin der Hamburger Kunsthochschule. Ich empfand schon damals den direkten Zugang zu den künstlerischen Vorhaben als besonders anregend. Es ist beispielsweise ein tolles Gefühl zu merken, dass man auch mit einem kleinen finanziellen Zuschuss hochbegabten, noch unbekannten Künstlern über die Schwelle ins Rampenlicht helfen kann.

Sind Sie dabei eher ein Sprachrohr der Künstler, um sich bei der Politik Gehör zu verschaffen, oder umgekehrt?

Das Wort „Sprachrohr“ ist für mich negativ besetzt: Ich bekomme ja nicht einen Auftrag, den ich dann zu vertreten habe. So arbeitet der Hauptstadtkulturfonds nicht. Ich fühle mich mehr als Raumgeberin, als Vermittlerin.

Wenn sich der Hauptstadtkulturfonds so entwickelt hätte, wie ursprünglich geplant, müssten Sie heute über noch mehr als zehn Millionen Euro verfügen.

1995 stellte der Bundestag für den Hauptstadtkulturfonds eine „Einstiegssumme“ von 3,2 Millionen Mark bereit, die sich bis zum Jahr 2002 auf 35 Millionen Mark erhöhen sollte, wobei die Summe im Verhältnis 70 Prozent vom Bund, 30 Prozent von Berlin aufgebracht werden sollte. Für den neuen Hauptstadtkulturvertrag, der zum 1. Januar 2005 in Kraft treten soll, denkt der Bundestag über eine Erhöhung des Fonds nach.

Wovon hängt die Erhöhung ab?

Unklar ist zum Beispiel, ob es eine Marge für eine mehrjährige Förderung von gut evaluierten Projekten geben wird. Ich bin mir mit Kultursenator Thomas Flierl in dem Punkt einig, dass der Hauptstadtkulturfonds nicht immer nur anschieben darf, um die gerade erst hochfliegenden Projekte nach einem Jahr wieder fallen zu lassen. Dann gehen die sofort wieder unter. Wir können uns aber im Fall des Karnevals der Kulturen, der Transmediale, des Tanzfestes oder der KunstBiennale auch nicht hinstellen und sagen: Das sollte von Berlin dauerhaft gefördert werden. Denn für diesen Wunsch besteht wegen der Berliner Haushaltslage keine Chance, realisiert zu werden. Darum müssen wir uns überlegen, was wir, nach einer gründlichen Evaluierung in eine andere Art der Förderung übernehmen wollen und können. Andernfalls können wir die neueren Entwicklungen, die für Berlin als international bedeutende Kulturstadt wichtig sind, nicht richtig unterstützen.

Sie nennen jetzt als Beispiele nur Festivals.

Das liegt daran, dass die Genannten von Anfang an in der Obhut des Hauptstadtkulturfonds waren.

Als Ihr Vorgänger Dieter Sauberzweig sein Amt antrat, musste er bestimmte Förderungen wie die von Peter Steins „Faust“ als feste Vorgabe seitens des Bundes hinnehmen.

Da hat sich durch den später abgeschlossenen Hauptstadtkulturvertrag vieles positiv verändert. Ich versuche immer, mit der Metapher des „Flüssigen“ zu arbeiten, um unsere Zielrichtung zu definieren. Wir bewegen uns in der Zeit, in den Fragen und Veränderungen der Zeit. Das heißt, wir haben keine Förderautobahn, die sich schnurgerade zum Horizont zieht; wir können also gut unsere Richtung justieren, schnell reagieren, Kurven fahren, wenn es sein soll. Das war den Bundespolitikern, die am Profil des Hauptstadtkulturfonds mitgearbeitet haben, auch wichtig: dass der Fonds eine offene Form behält. Wir sollen ja den Weg Berlins zu einer internationalen Stadt unterstützen, ein Prozess, der besonders in den deutschen Theatern sehr langsam vor sich geht. Auf Dauer, so finde ich, sollten ruhig auch mal internationale Persönlichkeiten an der Spitze von deutschen Staatstheatern stehen. Wir wären gut beraten, wenn wir nicht nur die Akteure, sondern auch die Multiplikatoren internationalisieren würden. Auch das gehört zu einem sich öffnenden Europa. Und da ist es ein erfreuliches Indiz, dass 20 Prozent der Antragstellenden nicht-deutscher Herkunft sind und dass mittlerweile fast alle Tanz-, Musik-, und Theaterkompanien multinational sind. Das ist ein schöner Hinweis an die Stadt, wo ihre Entwicklungslinien sein könnten.

Das „Flüssige“ des Fonds wird dadurch erleichtert, dass der Beirat regelmäßig wechselt.

Ja, alle zwei Jahre. Eben erst hat wieder ein Wechsel stattgefunden. Jetzt sind Eugen Blume, Carola Friedrich-Friedlaender, Christel Hartmann-Fritsch, Matthias Osterwold und Siegfried Zielinski am Zug. Zum Fluss gehört auch, dass wir angesichts der Fülle von Anträgen beschlossen haben, dass die Spielstätten eine Priorisierung der Projekte, an denen sie interessiert sind, vornehmen müssen. Das trägt wiederum zur schärferen Profilbildung der Häuser bei. Und wir sind sehr sperrig bei Festivals, weil die meistens natürlich auf Alljährlichkeit ausgerichtet sind.

Schaut man in die aktuelle Förderliste, fällt auf, dass sehr unterschiedliche Projekte Geld bekommen, von Studentenproduktionen bis hin zur Azteken-Ausstellung.

Ja, das macht den Charme aus: Die gute Mischung. Da gibt es bei den ganz Jungen welche, die beispielsweise einen interessanten Zugriff auf Bizets „Carmen“ im Saalbau Neukölln wagen wollen. Das interessiert uns. Wir wollen nicht den Fehler machen, nur Projekte an etablierten Avantgardespielstätten wie den Sophiensälen, der Staatsbank oder dem Schwimmbad Oderberger Straße zu fördern. Es ist uns wichtig, dass die ganze Stadt auf hohem künstlerischen Niveau belebt wird, eben auch Neukölln oder das Gelände des ehemaligen DDR-Rundfunks in der Nalepastraße. Das ist die schönste Freiheit, die man sich wünschen kann: Einfach entscheiden, was uns neugierig gemacht hat bei der Lektüre der Anträge.

Am Beispiel der Förderung der Azteken-Ausstellung hat sich die Diskussion erneut entzündet: Sollen staatliche Subventionsempfänger durch den Hauptstadtkulturfonds nachgefördert werden? Klaus Wowereit ist dagegen, und der Bund, so hört man, ebenfalls.

Na, der Bund ist da zumindest in einem Zwiespalt: Denn er weiß natürlich, dass seine in Berlin übernommenen Einrichtungen nicht ausreichend finanziert sind, um sie angemessen zu bespielen. Aber das wird sich hoffentlich mit dem neuen Hauptstadtkulturvertrag ändern. Andererseits hat er ein Interesse, große, repräsentative Projekte, die einer Hauptstadt würdig sind, in Berlin zu zeigen. In diesem Dilemma neige ich persönlich dazu, dort Projekte zu fördern, wo wir etwas im Sinne des Experimentellen für die staatlichen subventionierten Häuser tun können. Wir entscheiden in erster Linie nach künstlerischen Kriterien. Dass wir der Volksbühne einfach eine Castorf-Inszenierung finanzieren, ist ausgeschlossen. Wenn das Theater aber mit einer Idee zu uns kommt, von der noch keiner weiß, ob sie künstlerisch funktionieren kann, dann schauen wir uns das gerne an. Denn die Krise der großen, alten Häuser ist nicht nur eine ökonomische, sondern geht auch aus den engen architektonischen Zwängen hervor, die oft das Entwickeln neuer Formate und notwendiger Experimente erschweren. Auch wegen der hohen Auslastungszahlen, die die Politik wünscht. Dies zwingt die Häuser auch künstlerisch zu Kompromissen. Da kann der Hauptstadtkulturfonds ganz hilfreich sein. Denn es gehört zum Auftrag der Häuser, sich dem Neuen zu öffnen.

Da gibt es zwei Wege: Die Sache innerhalb der Institution anzugehen, wie im Fall des vom Hauptstadtkulturfonds unterstützten „Saint François“ von Messiaen an der Deutschen Oper mit Daniel Libeskind. Oder man geht raus, um in hippen Locations zu spielen – wo allerdings dann oft außer der Optik nichts neu ist. Was Staatsoper und Komische Oper mit ihren Off-Projekten erreichen, ist vor allem, den freien Gruppen das Publikum abzugraben.

Das schätze ich anders ein. Denken Sie nur an die Idee einer Übergangsnutzung des Palastes der Republik. Da würden Staatsoper und Off-Truppen unter denselben Bedingungen konkurrieren. Bei der Begegnung an solchen „dritten Orten“ ergeben sich vielleicht sogar neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit. Staatstheater könnten animiert werden, Patenschaften für junge Gruppen zu übernehmen, mit ihnen eine gemeinsame Produktion machen oder ihnen die Nebenspielstätten zur Verfügung stellen. Dabei lernen beide Seiten voneinander.

Noch einmal zurück zur Azteken-Ausstellung. Ihre Linie war hier: Wenn der Bund nicht bereit ist, Bespielungsmittel für den Gropius-Bau bereitzustellen, dann machen wir das eben.

Sollen wir den Bau leerstehen lassen? Obwohl es der größte Einzelposten bei der aktuellen Ausschüttung unserer Mittel ist, sind wir übrigens weit unter den finanziellen Forderungen geblieben, die an uns herangetragen wurden. Der Hauptstadtkulturfonds kann ein Motor sein, der internationale Koproduktionen befördert, aber nicht der einzige. Immerhin hat die Diskussion um die Azteken- Ausstellung gezeigt, dass sich eine Lösung des Gropius-Bau-Problems nicht länger aufschieben lässt.

Macht Ihnen die fortschreitende Umzingelung des Hauptstadtkulturfonds nicht langsam Angst?

Wir werden in der Tat in nächster Zeit eine Menge Rückgrat brauchen – und sehr gründliche Diskussionen im Beirat.

Das Gespräch führte Frederik Hanssen .

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