Kultur : Wir wollen Opium

Christian Döring unterhält sich mit prominenten Zeitgenossen über Religion im 21. Jahrhundert

Peter von Becker

Es gebe in unserer Sprache eigentlich nur zwei Begriffe, welche „die Einsamkeit des Menschen beschreiben: mutterseelenallein und gottverlassen“. Das sagt einer, der gerne lutherisch dem Volk aufs Maul sieht, obgleich er bekennender Katholik ist. Und auch das sagt er noch, bevor er gleich wieder an seine tägliche „Bild“-Kolumne muss, der Franz Josef Wagner in seiner Berlin-Charlottenburger Altbauwohnung: „Gottlos lebt es sich gut heutzutage, besser als je – aber arm.“

Eine Reise durch die oberen halb- und ganzgeistigen Etagen unserer Gesellschaft, immer nur mit der Gretchen- frage, wie hältst du’s mit Gott und der Religion? Vor ein paar Jahren noch wäre solch ein Unterfangen wohl als bizarr oder gar verschroben angesehen worden. Der Zeitgeist, zumindest in den großen Städten, schien säkular zu sein und sonst gar nichts.

Heute gilt vielen das eben noch Uncoole des Glaubens wieder als Kult. Aber geht das auch tiefer? Oder ist es, nach dem Medienereignis des Sterbens von Papst Johannes Paul II. und der überraschenden Anteilnahme von Millionen Jugendlichen, am Ende doch nur die Mode einer weltlichen Welt: sich angesichts fundamentaler und fundamentalistischer Bedrohungen auch der eigenen Fundamente sicherheitshalber noch ein wenig zu besinnen? Diese und viele daraus folgenden Fragen hat Christian Döring, ein kluger Lektor und zuletzt Chef des DuMont-Literaturverlags, in einer nicht nur zur Weihnachtszeit bemerkenswerten Interviewsammlung gestellt.

„Gott lebt wieder. Gespräche zum Glauben im 21. Jahrhundert“ heißt der im Münchner Knesebeck-Verlag erschienene Band (128 Seiten, 24, 95 €), den man dank der vielen ganzseitigen Farbfotografien von Alice Schauhoff auch als schlankes, schickes Coffeetable-Book ansehen könnte. Doch der Anschein trügt auf verblüffende Weise. Denn Dörings Gespräche mit Schriftstellerinnen wie Julia Franck oder Katharina Hacker, mit dem Philosophen Ludger Honnefelder oder der Fürstin Gloria von Thurn und Taxis, mit dem „Spiegel“-Autor Matthias Matussek, Erzbischof Reinhard Marx oder mit dem „Bild“-Mann Franz Josef Wagner, sie ergeben alle zusammen eine geistliche tour d’horizon. Also über den Rand des Offensichtlichen hinaus.

Auch der nichtgläubige italienische Meisterdenker Umberto Eco hatte sich vor einigen Jahren in einem aufsehenerregenden offenen Briefwechsel mit dem Mailänder Kardinal Martini gewünscht, dass allein Liebe und Hoffnung schon ein Grund zum Glaubenkönnen sein mögen. Das Verdienst der Döring-Gespräche ist nun, es nicht zu belassen bei dieser gleichsam nur kulturell-humanistisch gebildeten Haltung, die auch den allzu menschlichen Wunsch nach etwas Halt und Zukunft angesichts des eigenen Todes einschließt. Selbst das naive Gretchen hatte im „Faust“ sofort gespürt, wie der Titelheld ihr mit solch wohlmeinender Unverbindlichkeit auswich auf ihre Frage: Glaubst du?

Auch Döring will von seinen Gesprächspartnern immer wieder wissen, was man nicht wissen kann – denn dann brauchte es ja den Glauben an das, was alle Vernunft übersteigt, gar nicht erst. Julia Franck etwa, die Berliner Autorin der preisgekrönten „Mittagsfrau“, hat ähnlich wie der Münchner Germanist und frühere Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Wolfgang Frühwald, ein mehr goethisch deistisches Weltbild, das Transzendenz und „Göttlichkeit“ in der Natur und in den Werken großer Kunst sieht. Daraus folgt dann eher „Frömmigkeit“ als tatsächlicher Glaube, den Frühwald als „große Zumutung an den Verstand“ bezeichnet, wenngleich eine tröstliche.

Fürstin Gloria ist demgegenüber die handfest denkende Katholikin. Der Glaube eine Zumutung an die Verstand? „Ganz und gar nicht. Es ist vielleicht vernünftig, morgens aufzustehen. Aber ich muss glauben, dass mir nichts Schlimmes passiert, wenn ich aufgestanden bin. Sonst wäre es vernünftiger, im Bett zu bleiben. Glaube und Vernunft sind Zwillinge.“

Matthias Matussek, einmal angenehm uneitel, möchte in der entzauberten Moderne durchaus „naturwissenschaftliche Erkenntnis und metaphysische Ehrfurcht miteinander versöhnen“. Die Renaissance der Religion sei auch für Marxisten und Ex-68er „eine bemerkenswerte Pointe“. Denn, so Matussek: „Wir brauchen das Opium. Früher wollten wir es abschaffen. Der Ersatzsuchtstoff hält nun nicht mehr, also wollen wir das Original wiederhaben.“ Eine Pointe ist auch, was die protestantische Bischöfin Margot Kässmann äußert, als sie gegen den Exklusivanspruch der katholischen Kirche argumentiert. Kässmann, angesprochen auf die „Bild“-Schlagzeile „Wir sind Papst“: „Das entspricht genau evangelischem Kirchenverständnis. Jeder Einzelne ist dem anderen Priester.“

Durchaus kritisch mit der religiösen Renaissance als Zeitgeisttrend geht der Münchner Erzbischof Reinhard Marx um. Er fragt nicht nur wie sein Namensvetter Karl nach dem „Mehrwert“, sondern sieht im neuesten „Kulturchristentum die Reduktion auf Ethik“. Das ist dem katholischen Gottesmann als Glaubensgrund zu wenig, zu weltlich. Aber im Hintergrund, gerade der jüngsten Kriege und Krisen, verbindet sich die Gretchenfrage doch mit der ethischen Sorge. Mit dem Diktum Dostojewskis, dass „ohne Gott alles möglich ist“. Und manchmal, im Zeichen des Fanatismus, ist auch mit dem Gottesglauben alles möglich. Gegen die Liebe und Hoffnung.

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