Kultur : Wir Wunderkinder

Eine Münchner Ausstellung beleuchtet den Wiederaufbau in Bayern

Bernhard Schulz

Sechzig Jahre nach Kriegsende ist das Ausmaß der Verwüstungen in den bombardierten Städten nicht mehr vorstellbar. Wer als Kind noch in Ruinen gespielt hat, mag eine leise Ahnung davon bewahren. Dennoch: Fotografien nicht nur von 1945, sondern noch mehrerer Jahre danach lassen die Entschiedenheit, mit der Politiker und Pragmatiker damals an den Wiederaufbau gingen, als geradezu unbegreiflich erscheinen.

Das Wirtschaftswunder, das seine reale Basis in den Milliarden des Marshall-Plans und den Umständen des Kalten Krieges hatte, machte solchen Heldenmut alsbald zum kommunalpolitischen Alltag. Aus den hochmoralischen Debatten der unmittelbaren Nachkriegszeit – mit dem berühmten Wort des Architekten und Erfinders der „Notkirchen“, Otto Bartning, Wiederaufbau sei „moralisch unmöglich“ – schälte sich alsbald die pragmatische Frage nach dem lokal angemessenen Baustil heraus. Der Bruch mit dem NS-Regime, niemals wirklich vollzogen und bald regelrecht sabotiert, ging nahtlos über in die Weiterbeschäftigung vorbelasteter Architekten und mehr noch Stadtplaner.

Das ist alles nicht neu, aber doch im Detail immer wieder spannend zu erleben. Die Situation in Bayern beleuchtet jetzt eine Ausstellung des Architekturmuseums der Technischen Universität München, das seit seinem Einzug in die 2002 eröffnete Pinakothek der Moderne seine Stärken endlich ausspielen kann. Sein Kapital ist das eigene, unerschöpfliche Archiv, aus dem sich auch diesmal wieder ein Panorama an Fotos und Plänen erstellen ließ, kongenial gestaltet und mit Zeitkolorit in Gestalt von Zeitschriften und Broschüren effektvoll bereichert von Münchens Ausstellungs-Altmeister Klaus-Jürgen Sembach.

„Architektur der Wunderkinder. Aufbruch und Verdrängung in Bayern 1945-1960“ ist die Ausstellung überschrieben, die Museums-Chef Winfried Nerdinger wie stets mit einem umfangreichen Katalog-Handbuch versehen hat. Der Titel deutet den Konflikt dieser Jahre an. Auf der einen Seite standen die Modernisten, die sich auf die eigene Tradition der Zwischenkriegszeit berufen konnten, Robert Vorhoelzer beispielsweise auf seine wunderbaren Post-Bauten. Auf der anderen standen die Traditionalisten, unter denen sich aufrechte Konservative wie der nun schon alte Paul Schmitthenner ebenso fanden wie frisch entnazifizierte Regime-Handlanger wie Roderich Fick, der Bankhäusern der Aufbaujahre den gewünschten Ausdruck an Solidität verschaffte. Nein, so einfach verlief die Frontlinie natürlich nicht. Denn auch das konservative Bauen erreichte etwa in der Generaldirektion der Allianz-Versicherung von Karl Habermann und Josef Wiedemann (1952/54) eine geradezu skandinavische Strenge fernab jeder NS-Plumpheit, während zur gleichen Zeit Wilhelm Schlegtendal mit dem Hochhaus der Städtischen Werke Nürnberg (1951/53) ein Musterbeispiel im Sinne des „International Style“ entwarf.

Die bewegenden Fragen aber waren die des Umgangs mit der zerstörten Substanz. Da fällt zuallererst der Name Hans Döllgast. Seine nichts beschönigenden, nichts vertuschenden Reparaturen an Klenzes Alter Pinakothek oder der Basilika St. Bonifaz sind längst zu Zeitzeugen und Denkmälern eigenen Ranges gereift. Das unverputzte Ziegelmauerwerk, mit dem Döllgast den schweren Bombentrichter in der Mitte der Alten Pinakothek ebenso schließt wie sichtbar lässt, spricht jenes Pathos des Nicht-Vergessen-Dürfens aus, von dem der aufrichtigere Teil der Architekten beseelt war.

Ähnliche Diskussionen gab es überall in Bayern. Es ist weitgehend in Vergessenheit geraten, wie stark der Anteil des Wiederaufbaus am heutigen, oft für historisch genommenen Stadtbild tatsächlich ist; man denke nur an das weithin zerstörte Rothenburg. Auch Münchens Residenz, die heute als vermeintlich unbeschädigtes Monument von 500-jähriger Wittelsbacher-Herrschaft kündet, ist ein Wiederauf- und Ergänzungsbau der Nachkriegszeit; fraglos nur, weil von vornherein als für München unverzichtbar erachtet. Doch daneben entstanden – was die Ausstellung „Die Neue Leichtigkeit“ nennt – Bauten wie Nürnbergs Akademie der Bildenden Künste von Sep Ruf (1952/56), dem Architekten des heftig befehdeten Bonner Kanzlerbungalows für Ludwig Erhard. In den Vorstädten wachsen frei stehende Wohnhochhäuser in die Höhe, in den Stadtzentren locken italienische Eiscafés mit geschwungenen Terrassen. Dass daneben viel Mittelmaß entstand, bedarf keiner Betonung.

Das war in Bayern nicht anders als anderswo in Deutschland. Für den Nicht- Bajuwaren widerlegt die Ausstellung im Übrigen jedes Vorurteil landestypischer Dumpfheit. Die Modernisierung Bayerns, die das Agrarland binnen zweier Generationen ins Hi-Tech-Zeitalter beförderte, vollzog sich am schnellsten und sichtbarsten in seiner Architektur.

München, Pinakothek der Moderne, Barer Str. 40, bis 30. April. Katalog im Verlag Anton Pustet, 358 S., Großformat, 39 €.

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