Kultur : Wir Zonenkinder

Völker, hört die Signale: Das Festival Polski Express im Berliner HAU importiert Agitprop

Christine Wahl

Man hörte ja schon von Fernsehzuschauern, die sich um freie Wohnungen in der „Lindenstraße“ bemühen. Der Drogenboss Leo Bulero hat auf diesem existenziellen Hang zur Billigfiktion ein ganzes Imperium gegründet: Vor schäbigen Bretterbuden lungert die Menschheit in Jan Klatas Inszenierung „Die drei Stigmata des Palmer Eldritch“ nach Philip K. Dicks Science-Fiction-Roman auf dem Mars herum und braucht ständig neues „Can-D“. Die Droge bewirkt eine Art Erlebnis-Karaoke: Kaum inhaliert, findet man sich im wohlgeformten Körper der Serien-Blondine Perky Pat oder ihres geradewegs aus der After-Shave-Werbung gefallenen Gespielen Walt Essex wieder. In lebensfrohen Dialogen, die ausschließlich aus Hauptsätzen bestehen, verabredet man sich zum Strandspaziergang und lobt wechselweise den neuen Mercedes oder das eigene Erscheinungsbild. Wenn es zu diesen Halluzinationsszenen kommt, halten sich die Bretterbuden-Junkies in Klatas Inszenierung einfach die Augen zu. Konsum als Verblödungsdroge par excellence: Klatas Inszenierung vom renommierten Krakauer Stary Teatr ist Kapitalismuskritik pur. Mit Witz, aber ohne Ironie.

Für hiesige, auf Zynismen und Brechungen trainierte Zuschaueraugen ist diese Art der Ernsthaftigkeit das wohl auffälligste Merkmal am Theater der „neuen Unzufriedenen“. Dank des umtriebigen HAU und vor allem seiner Kuratorin Carena Schlewitt kann man sich beim Festival „Polski Express II“ von diesem neuen polnischen Theater erstmals auch hierzulande ein umfassendes Bild machen. Klata gilt als Galionsfigur jener Künstlergeneration um die dreißig, die die Zugpferde des Theaters der Neunziger – Grzegorz Jarzyna oder Krysztof Warlikowski – an der Avantgarde-Front abgelöst hat. Mit offensiv politischen Inhalten und entsprechenden Stilmitteln sind die „neuen Unzufriedenen“ in den letzten vier, fünf Jahren bis in die führenden Hochkultur-Tempel vorgedrungen; wenngleich nicht widerstandsfrei. Der kreative Zorn, mit dem sie das Verhältnis von Regierung und Kirche, das sozialistische Erbe und die kapitalistischen Exzesse sezieren oder Tabuthemen wie Homosexualität auf die Bühne holen, löste in Polen einen regelrechten Theaterkrieg aus.

Dächte man den politischen Kontext nicht mit, wirkten die Gastspiele aus Krakau, Warschau und Danzig bisweilen grob gestrickt. Wenn Klata beispielsweise Palmer Eldritch als Konkurrenten des Can-D-Bosses aus einem grünen Laser-Tunnel auftauchen und „Gott verspricht ewiges Leben, ich kann es euch geben“ verkünden lässt, bewegen die religiösen Anspielungen dieses Hightech-Auftritts die Polen im Publikum sichtlich stärker als die Deutschen. Und was Przemyslaw Wojcieszeks lesbische Liebesgeschichte „Was immer geschieht, ich liebe dich“ tatsächlich in Warschau bedeutet, wo der polnische Präsident Kaczynski schon in seiner Zeit als Bürgermeister Demonstrationen Homosexueller gewaltsam auflösen ließ, ist in Berlin nur begrenzt zu erahnen. Das Stück über die Beziehung zweier Mädchen in einem borniert-machistischen Umfeld, wo junge Männer in den Irakkrieg ziehen, um die „Sünden“ ihrer lesbischen Schwestern „zu sühnen“, beendet heute das Festival.

Dennoch: Dass das Theater der „neuen Unzufriedenen“ mehr ist als politischer Anschauungsunterricht, kommt einem merkwürdigerweise gerade bei den engagiertesten Beiträgen in den Sinn. Zum Beispiel bei der Solidarnosc-Aufarbeitung „Walesa. Eine fröhliche Geschichte, die gerade dadurch traurig ist“ vom Danziger Teatr Wybrzeze. Angefangen mit dem Streik der Danziger Werftarbeiter 1980, wird hier die Solidarnosc-Bewegung aufgerollt – in aufklärerischem Gestus und realistischen Arbeitskitteln.

Wer hierzulande auf diese Weise den Volksaufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR dramatisieren würde, geriete sofort unter Agitprop-Verdacht. Aber für das auf Zynismen und Brechungen trainierte Zuschauerauge, das schon viele dümmliche „Zonenkinder“ und semiironische Historienblödeleien über sich ergehen lassen musste, hat diese Ernsthaftigkeit auch etwas ungeheuer Reifes und Faszinierendes.

„Was immer geschieht, ich liebe dich“ noch einmal heute, 20 Uhr, im HAU 2

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