Kultur : Wirbelglück

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SOTTO VOCE

Jörg Königsdorf freut sich

auf ein billiges Opernpanorama

Man darf die Staatsoper für eine neue Initiative bejubeln: Um jüngeres Publikum für Oper und Ballett zu gewinnen, hat das Haus die Ticketpreise in diesem Monat auf sieben Euro gesenkt, und zwar nicht nur für die üblichen Begünstigungsgruppen, die mit längst abgelaufenen Schüler- und Studentenausweisen wedeln, sondern für alle unter 30. Nötig ist allein der Personalausweis. Dass die Karten im Vorverkauf erhältlich sind und die vier teuersten Sitzkategorien umfassen, macht das Angebot allerdings erst richtig interessant. Denn bisher galt sowas nur für „billige Plätze“ im Rang, auf denen man sich oft genug den Hals verrenkt. Was im Falle einer Ballettaufführung zu Verdruss und bei einem fünfeinhalbstündigen „Meistersinger“-Abend sogar zu ernsten Folgeschäden an der Wirbelsäule führen kann.

Ballettfans unter 30 werden sich vermutlich ihre Schwanensee -Karten für Samstag oder Dienstag gesichert haben (es sei denn, sie warten auf die Vorstellungen von Superstar Vladimir Malakhov am 13. und 21.2.). Nachwuchs-Wagnerianer werden gern das Angebot wahrnehmen, sich das von Harry Kupfer organisierte Festwiesentreiben am Sonntag und am Donnerstag aus der Panoramaperspektive anzuschauen. Allein auf das Meistersinger -Dirigat von Hamburgs neuer Chefdirigentin Simone Young kann man schon neugierig genug sein – ihr „Ring“ vor zwei Jahren an der Staatsoper beeindruckte in seiner sängerfreundlichen, so gar nicht protzig egomanischen Umsicht.

Aber vielleicht hat die Preis-Initiative einen ganz anderen Effekt: Wer nämlich einmal Parkett Mitte sitzt und merkt, dass man sonst auf der Bühne gar nicht so viel verpasst und mitunter sogar besser hört, der dürfte sein billiges Opernglück im dritten Rang künftig erst richtig genießen.

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