Kultur : Wirf und lebe!

Vor zehn Jahren wurde Deutschland Basketball- Europameister. Unser Autor spielte damals mit und erzählt, was nach dem Spiel aus ihm wurde

Henning Harnisch

Um fünf Uhr in der Frühe faßt Henning Harnisch sich an den Kopf. „Europameister, wir sind Europameister“, brüllt er ins Morgenrot über München. (Anno Hecker in der „FAZ“ vom 6.7.93)

Ich erinnere mich an die Journalisten, die „danach“, um fünf Uhr in der Frühe, auch nicht nach Hause oder ins Hotel gehen wollten. Erst eine Schlagzeile, schreibt weiter der Reporter der „FAZ“, habe den Flügelspieler der Nationalmannschaft schließlich von der Realität überzeugt: „Deutschland besiegt im Finale Russland 71:70“.

Die Schlagzeile sehe ich: in einem Zeitungskasten vor der „Schmalznudel“, schräg gegenüber vom Viktualienmarkt. Die machen um fünf Uhr auf, hatte jemand gesagt. München um fünf Uhr morgens – keine Eckkneipe weit und breit, dafür immerhin Kaffee und Schmalzgebäck. Nichts wie hin, diesen langen Abend bloß nicht enden lassen. War diese Schlagzeile aus einer Boulevardzeitung der Grund dafür, dass auch die Reporter, die es doch gewohnt sind, Ereignisse in Worte zu fassen, war das der Grund dafür, dass auch sie noch mit dabei waren? Weil sie intuitiv um die richtige Einordnung wussten?

Wer war eigentlich dabei? Aber, und das verstehe ich bis heute nicht, wo waren denn all die Anderen?

Nach dem Nachtmahl und ein paar Bieren zerstreute sich die Mannschaft bald. Europameister und doch kein Budenzauber. Weil es zunächst keiner richtig glauben konnte? („FAZ“, 6.7.93)

Das Wunder von Bern, lese ich in der Zeitung, das „passierte“ auch an einem 4. Juli. Tor! Tor! Tor!, ruft der Zimmermann im Radio. Deutschland und seine Sportmärchen. Und dann explodiert bei Rainer Werner Fassbinder im Film „Die Ehe der Maria Braun“ das Haus. Auf einmal stecke ich selbst in einem Märchen drin.

Es ist neun Uhr in der Frühe an einem um diese Zeit schon schwül-heißen Sommermorgen. Es ist der fünfte Juli 1993. Ich sitze in einer U-Bahn im Berufstrubel, die große Sporttasche zu meinen Füßen. Ein Montag. All die Leute da fahren zur Arbeit, ich fahre zum See. Deutschland ist seit gestern Abend Europameister. Im Basketball!

Alles Umbuchen!

Zwei Mädchen, die auch nicht schlafen wollen, zwei Mädchen, die als Coca-Cola- Hostessen in der Olympiahalle gearbeitet haben, zwei Mädchen, die beim Finale mit dabei waren, diese zwei Mädchen, die im normalen Leben Studentinnen sind, die sagten um sieben Uhr auf meinem Hotelzimmer, dass sie gleich nach Kaufbeuren fahren müssten. Nach Hause. Zum Arzttermin. Gibt es einen See dort, fragte ich? Na klar, es gibt super Seen dort! Im Nachhinein: Warum habe ich eigentlich nur nach einem See gefragt – um sieben Uhr auf einem Hotelzimmer? Weil ich eine Freundin hatte? Weil die beiden sagten, dass es einen wunderbaren See dort gibt. Wo waren eigentlich die anderen? Wo war mein Zimmerkollege, mit dem man doch so gut feiern konnte? Bei seiner Frau, irgendwo in einem anderen Zimmer des Hotels. Auch die anderen sind ins Bett gegangen. Lange, bevor es so richtig losging.

In einem Turnier mit neun Partien in 13 Tagen erlahmen die Kräfte zwangsläufig dann, wenn ihre Präsenz am wichtigsten ist, denn die entscheidenden Spiele finden nun mal zum Schluß statt. (Christoph Heider-Albrecht, „Frankfurter Rundschau“ vom 5.7.1993)

Der Rückflug nach Frankfurt, der war für den späten Montag Vormittag angesetzt. Unser Manager musste in diesen für uns Spieler außergewöhnlichen Tagen viel umbuchen, Viertelfinale, Halbfinale, Finale – wir flogen einfach nicht raus aus diesem Turnier. Ich rufe ihn an: Kannst du meinen Flug verlegen, ein letztes Mal, auf den frühen Abend? Klar kann er. An diesem Morgen geht das, alles ist heute möglich. Auschecken, Ammersee, Schliersee, welcher See auch immer. Verlängern. Nur schlafen, das geht jetzt nicht.

Wir sind in der U-Bahn. Wir sind in München. Alles ist an diesem Tag möglich, alles passt zusammen. Maxim Biller steigt ein. Es ist ein Montagmorgen. Er hat den „Spiegel“ und eine Frau dabei. Guck mal, sage ich zu den Mädchen, der da, das ist doch Maxim Biller?! Wer? Der da, der in der Mitte vom Wagen steht, der mit der Frau; der so hektisch rummacht. Kennen wir nicht. Nicht? Er blättert aufgeregt im „Spiegel“. Er sucht etwas.

Neun Spiele in 13 Tagen, plus sechs Wochen Vorbereitung. Die Vorrunde des Turniers haben wir in Berlin gespielt. Der Trainer wollte uns abschotten, das hat er geschafft. Wir wohnen in einem Ensemble, bestehend aus Flachdachappartements, die an einer Einbahnstraße am Rande von Spandau gelegen sind. Wir wohnen am Rande von Nirgendwo. Unser Trainer ist Jugoslawe, der Betreiber des „Hotels“ auch. Außer uns wohnt hier niemand. Es ist so ruhig. Und so heiß. Turniere spielen heißt: Warten.

Jeden Morgen, zwischen Frühstück und Training, gucke ich 3 Sat. Das Ereignis, das meine Tage in Berlin einrahmt, nennt sich Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb und findet in Klagenfurt statt. Irgendwas fasziniert mich daran. Was ist das? Fernsehen? Eher wohl Anti-Fernsehen. Ich kämpfe um das Anrecht, diese Bilder sehen zu dürfen. Mein Bettkollege hat 1989, als wir in Wuppertal zusammen auf einem Zimmer lagen, die Wiedervereinigung weggezappt. Jetzt darf ich. Die Bilder aus Klagenfurt wirken stickig und schwül, die Bilder sind unglaublich überleuchtet. Alle schwitzen. Aber wer ist das, dieser eine Juror da? Weißes Hemd, hochgekrempelte Ärmel, Bart- und Haarstoppeln, und diese Brille! Der wartet nicht auf seinen Einsatz. Unser Trainer würde den rausschmeißen. Im Tagebuch von Helmut Krausser, der in Klagenfurt als Autor dabei war, steht am 23. Juni: „Biller legt sich sofort mit den restlichen Juroren an, stolpert von einem Fettnapf in den nächsten.“

Und auf einmal steht er, Maxim Biller, also da, im U-Bahn-Gang, und blättert ungefähr so aufgeregt im „Spiegel“ wie er im Fernsehen gesprochen hat. Ist das eigentlich Maxim Biller oder sehe ich eine Erscheinung an diesem Morgen nach diesem Ereignis, das von mir gedehnt werden möchte? Was suchte er an diesem Montagmorgen, frage ich mich zehn Jahre später und krame den „Spiegel“ vom 5. Juli 1993 heraus. Titel: Der Todesschuss. Versagen der Terrorfahnder in Bad Kleinen. Inhalt, unter anderem: Ressort Ausland, Irak: Clintons Schlag gegen Saddam Hussein (S.102). Dazu ein Kommentar von Rudolf Augstein: „Billy the Kid“ gegen Saddam (S.103). Das war vor zehn Jahren. Was hat Maxim Biller damals in diesem Heft gesucht? Ganz bestimmt: sich selbst. Es war schließlich die Woche nach Klagenfurt. Ressort Kultur? Gesellschaft? Fehlanzeige, er kann nichts über sich finden. Maxim Biller blättert.

Ich frage mich, warum ich immer an diesen Menschen denken muss, und nicht an die Siegerehrung? Eine Erklärung habe ich bei Cees Noteboom gefunden: „Die Erinnerung ist wie ein Hund, der sich hinlegt, wo er will.“

Eine Migräne erwischte mich eiskalt am Mittag des 4. Juli 1993. Das ist das Andere, was in der Erinnerung lebt. Es ist so heiß, es ist so schwül. Münchner Föhn. Und es sind noch sechs Stunden bis zum Endspiel um die Basketball-Europameisterschaft.

Nicht alle haben das Glück, eine Migräne nicht zu kennen. Die einen, die nur das Wort kennen, denken an Kopfweh, Kotzen, zickige Frauen und dunkle Zimmer. Zu Recht denken sie das und wissen trotzdem (fast) nichts. Ich kenne nur eine, meine Migräne, und die geht so: Das eigentlich Schlimme an einer Migräne ist die Angst vor ihr. Wann wird sie wieder kommen? Und dann ist sie plötzlich da! Alles verschwimmt vor einem, man sieht keine Konturen mehr. Die erste Stunde mit der Migräne ist, als ob man die Postmoderne sähe, so identitätslos erscheint auf einmal die Welt. Als ob die ganze Welt plötzlich ein verzerrtes Porträtgesicht, gemalt von Francis Bacon, wäre. Der nächste Schritt ist profaner und drückt sich durch eine prosaische Haltung aus: Augen schließen, möglichst schnell Aspirin einwerfen und ab in einen dunklen Raum. Abwarten und aushalten. Nur so viel für die, die das nicht kennen: Mit Kopfweh hat das nichts zu tun.

Normalerweise kam diese Migräne, die sich schon so widerlich nach einem gemeinen Tier anhört und die ich, wie ich damals fatalistisch meinte, von meinem Vater geerbt hatte, nach irgendetwas. Sie kam nach dem Stress, nach der Schule, sie kam nach dem Spiel. Diesmal also davor. Eine neue Erfahrung. Frauen kriegen Migräne. Und Scottie Pippen, ein echter NBA-Star, hat einmal ein sehr wichtiges Playoff-Spiel wegen einer Migräne nicht spielen können. Wegen einer Migräne! Mein Vorbild Scottie. Noch sechs Stunden also bis zum Endspiel. Kopfmassage, Aspirin, dunkles Zimmer, Kopfmassage … Irgendwann geht es und es nervt doch gleichzeitig so gewaltig. Hilft ja alles nichts, ein paar Stunden später sind wir in der Halle und spielen uns warm. Neun Spiele in dreizehn Tagen. Und wir sind im Finale.

Es ist heiß in der Halle, der Ball ist rutschig vom Schweiß und läßt sich schwer kontrollieren.“ (Holger Gertz, „taz“ vom 6.7.1993)

Für die Endrunde in München haben sich die Funktionäre etwas besonderes einfallen lassen. Ab dem Viertelfinale wird mit nagelneuen Bällen gespielt. Und dabei weiß doch jeder Basketballer, dass mit neuen Bällen nicht zu spielen ist; dass ich mit neuen Bällen nicht spielen kann. Aber ein Basketballer wird ja auch in den seltensten Fällen später einmal ein Funktionär. Was im Tennis profane Routine, das ist im Basketball ein Affront. New Balls: Der Ball lässt sich nicht greifen, er rutscht aus der größten Hand. Auch der Wurf ist ein anderer. Der griffige, der benutzte Lederball liegt vor dem Wurf kontrolliert in der Hand, diese Hand kann dann optimal den Wurf steuern. Ein neuer Ball dagegen ist etwas für die, die sich anpassen können. Das sind die wirklich großen Spieler. Denken die eigentlich nie nach? Langsam mischt sich hier auch noch die Sportgeschichte ein. Nur, was habe ich mit der zu tun? Ich bin ein deutscher Basketballer. Gleich spielen wir also ein echtes Finale. Und die zweite Halbzeit soll live im Ersten laufen, gleich nach der Tagesschau. Fritz von Thurn und Taxis kommentiert live aus München. Am Sonntagabend. Tatortzeit. Langsam geht es, denke ich, die Beine bewegen sich wieder in einem Rhythmus, der Kopf pocht nur noch schwach im Takt des gedribbelten Balls. Finale.

Schon beim Einspielen machten die Spieler Kabinettstückchen für das von Anfang an begeistert mitgehende Publikum. (Dietmar Wenck, Tagesspiegel vom 5.7.93)

Patsch! Ein Ball, der eigentlich ein Pass sein sollte, knallt mir, vom kräftigsten Mitspieler geworfen, beim Einspielen gegen meine linke Backe. Patsch. Migräne, Teil II. Was würde Scottie Pippen jetzt machen? Nach Hause gehen? Die Scheinwerfer von der Hallendecke, dieses grelle Licht. So stelle ich mir die Hölle oder einen gut gemachten fiesen Film vor – als Zuschauer.

In meinen Erinnerungen ist da noch dieses: Ich sehe mich beim Schwimmen im Brustzug verharren, der Kopf ist nach links gewendet. Ich sehe mich, wie ich zu Schloss Neuschwanstein hinaufschaue. Ausgerechnet Schloss Neuschwanstein! Ich bin im See, weit draußen, weit weg. Einmal im Leben ganz ohne Vorher und Nachher sein und das auch noch genauso wissen, ohne dabei unterzugehen.

Zwei Schmerztabletten und Bier

Vorher, am späten Vormittag an diesem Montag nach dem Finale, da sitzen wir in einem Biergarten in Kaufbeuren. Hinter uns sind Leute, die sprechen über Basketball. Hast du das gesehen gestern Abend? Und vergangene Woche erzählte mir ein Freund, wo er an jenem Sonntagabend vor zehn Jahren im Stau gestanden hatte. Er erzählte mir, wie er, als Christian Welp den entscheidenden Freiwurf im Finale getroffen hatte – drei Sekunden vor dem Abpfiff – gerade im Begriff war, vom Adlergestell in die Spreestraße Richtung Oberschöneweide abzubiegen. Er erzählte von seiner doppelten Erleichterung, dem geglückten Freiwurf und dem Entkommen aus dem Stau.

Unglaublich! Ich wollte nicht mitfeiern. Eben sind wir Europameister geworden – und ich wollte nur noch in ein dunkles Hotel. Mehr kann ich über diese gottverdammte Migräne nicht sagen. Eine geschätzte Stunde blieb ich im Finstern liegen. Konnte das wahr sein? Ja. Nein! Zwei Schmerztabletten und die Biere aus der Minibar draufgeschüttet. Und dann ein sehr verhaltenes: Ja. Ja, ich komme mit. Und Stunden später wirkt es, wirkt es alles zusammen. Mir geht es gut. Mir geht es so gut. Ja! Und um drei Uhr früh waren sie alle weg. Zerfall einer Mannschaft. Ehrlich gesagt weiß ich bis heute nicht, warum das so war. Nur noch Journalisten, Trainer und die Schnorrer waren da. Damals hatte ich noch keine Übung darin, wie man als Individualsportler feiert. Ich konnte auch noch nicht wissen, dass sich an diesem Tag die Migräne für immer aus meinem Leben verabschiedet würde.

Ein weiteres, ein letztes Bild kommt mir in den Sinn, es ist ein bewegtes: Da trockne ich mich nach dem Schwimmen ab. Es ist ein wunderschöner Nachmittag an diesem Montag vor zehn Jahren am See. Es ist nur noch eine Familie an der Badestelle. Der Vater schaut zu mir und kommt schließlich herüber. Er schüttelt mir die Hand und sagt: Herzlichen Glückwunsch, das war toll! Ich antworte: Danke schön.

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