Kultur : Wirkt im Westen

RONALD BERG

"Das Schwarze Quadrat von Kasimir Malewitsch gilt als die Ikone der modernen Kunst." So beginnt Jeannot Simmens Buch über das berühmte Gemälde des Russen.Am vergangenen Freitag wurde dieser 93.Band in der Reihe "Kunststück" des Fischer Taschenbuch Verlags in der Galerie Hohenthal und Bergen vom Autor vorgestellt.

Als Malewitschs Bild 1915 das erste Mal ausgestellt wird, hängt es nicht wie seine anderen suprematistischen Bilder an der Wand, sondern über der Ecke unter der Decke wie die Ikonen im alten Rußland.Eine Ikone ist das Schwarze Quadrat ja nicht nur deshalb, weil es die gegenstandslose Welt in die Kunst einführte, sondern auch, weil es ähnlich funktioniert - nämlich spirituell.Es ist nicht nur ein Kunstwerk, sondern eine metaphysische Aussage.

Die erste Fassung des Bildes hatte allerdings noch, wie Simmen in seinem Buch ausführt, eine suprematistische Untermalung.Das Werk bedeutete also einen Ikonoklasmus, eine Auslöschung.Es ist Ergebnis einer Eingebung, nicht einer Konstruktion, der Ausdruck "reiner Erregung", wie Malewitsch selber sagte.Das Schwarze Quadrat veranschaulicht den "Sieg über die Sonne", die Sonne ist in uns, sagt Malewitsch.Er zeigt von nun ab weder Natur noch deren Abstraktion wie Kandinsky.Kunst, wie Malewitsch sie vorführt, hat auch keine innerweltliche Funktion.Deshalb der schroffe Gegensatz zum gleichzeitigen Konstruktivismus, der bis zur Prügelei zwischen Malewitsch und Tatlin führte.Das Schwarze Quadrat ist Befreiung zum Nichts, zum Nullpunkt der Malerei.Von hier aus, aus der Leere, entwickeln sich die suprematistischen Figuren in Malewitschs späteren Bildern mit dem Kreis oder dem Kreuz.

1935 stirbt Malewitsch, seine Bilder, mittlerweile als formalistisch gebrandmarkt, wandern ins Depot.Das Schwarze Quadrat aber wirkte weiter - im Westen, bis heute.Simmens Buch kulminiert in der gewagten These vom Suprematismus als einem Vorläufer von Cyberspace und Artificial Life.

Die parallel zur Buchpräsentation bei Hohenthal und Bergen zusammengetragene Ausstellung zeigt die Auseinandersetzung mit dem Schwarzen Quadrat in der Kunst.Die zehn Künstler, darunter Gerhard Merz, Ad Reinhardt, Haralampi G.Oroschakoff und Alan Charlton, zeigen die Bandbreite von Variation, Interpretation, Affinität und Ähnlichkeit mit dem Vorbild.Für die Kunst wurde Malewitschs Ikone nicht nur zum Urbild der Moderne sondern auch zur Quelle der Inspiration.

Kasimir Malewitsch.Das Schwarze Quadrat, Fischer Taschenbuch Verlag, 19,90 DM.- Ausstellung in der Galerie Hohenthal und Bergen, bis 1.August.

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