Kultur : Wirr: Gregor Eisenhauers Endzeit-Krimi "Der Stein der Weisen"

Iris Brennberger-Zens

So also muss man sich einen Berliner Starreporter vorstellen: fett, schwitzend, unrasiert, immer eine Kippe im Mund und einen zynischen Spruch auf den Lippen. Seine Interviewpartner beleidigt er erst und vergisst dann, seine Fragen zu stellen. Und wenn ihm der Chef ein Kompliment über seine hübsche Tochter macht, knurrt er nur: "Weiß ich. Und wenn Sie das noch mal erwähnen, schneide ich Ihnen den Schwanz ab."

Chandler-Fans mögen da frohlocken, alle anderen werden sich mit Gregor Eisenhauers Roman-Erstling "Der Stein der Weisen" schwer tun. Denn nicht nur der versoffene Journalist Ricki Claasen, auch alle anderen Figuren sind alte Krimi-Chargen: der aalglatte Yuppie-Junior-Chef, der pomadige Butler, die psalmensingende Haushälterin, ein buckliger Baron, mehrere gutherzige Penner und der machtgeile Psychiater, der an einer neuen Weltreligion bastelt.

Sex, Crime und Religion - Eisenhauer, Jahrgang 1960 und bisher nur mit Essays, Märchen und Radiofeatures hervorgetreten, hat sich ein großes Thema gewählt: Der Jahrtausendwechsel steht bevor, die Esoterikszene schwelgt in Endzeitvisionen - frei nach dem Motto "Spinner aller Länder, vereinigt euch in Berlin". In dieser Situation bietet ein junger Mann Claasens Nachrichtenmagazin eine Geschichte an: Angeblich weiß er, wo sich der Stein der Weisen befindet. Er fordert ein immenses Honorar. Als Sicherheit dafür gesteht er Claasen einen Mord. Vertrauen gegen Vertrauen.

Auf der Jagd nach dem Wunderstein streift Claasen durch Berlin: Gendarmenmarkt, Humboldt-Uni, Alex, Bahnhof Zoo, Kottbusser Tor, Kantstraße - jeder Ort wird ausgiebig kommentiert. Dass dabei der Fernsehturm zweimal als "Funkturm" durchgeht und Claasen über den Geruch und die Farbe des Bahnhofs Friedrichstraße lästert, ohne dem Leser die Farbe und den Geruch auch zu beschreiben - geschenkt. Denn die Story wird ohnehin immer wirrer, je mehr Personen Eisenhauer ins Rennen schickt.

Bekennende Lesben gehen ohne Umschweife mit Männern ins Bett. Kinder sind gar nicht die leiblichen Kinder, aber dafür zaubert jemand eine Halbschwester aus dem Hut. Ein verschollen geglaubtes Testament taucht auf, ein Transvestit wird verprügelt, es bleibt aber ein Rätsel warum. Sogar die Fragen, ob der gestandene Mord tatsächlich ein Mord war und ob es den Stein der Weisen gibt, spielen irgendwann keine Rolle mehr. Während der Leser vergeblich auf eine überzeugende Auflösung wartet, erklärt der Junior-Chef seinem überforderten Starjournalisten: "Auf den Stein kommt es gar nicht an, nur auf die Geschichte, die über ihn erzählt wird." Die ist allerdings - und das hätte dem Chef des "besten Nachrichtenmagazins Europas" auffallen müssen - ist alles andere als ein Knüller.Gregor Eisenhauer: Der Stein der Weisen. Eichborn, Berlin 1999. 412 Seiten, 39,80 Mark

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