Kultur : „Wirstandenmiteinem BeinimKnast“

Eine Ausstellung zeigt Kultur und Verfolgung von Punks in der DDR. Die Ost-Berliner Band Planlos im Gespräch

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Sie gehörten alle vier um 1980 zur ersten Generation von Punks in OstBerlin. Wie sind Sie erstmals mit Punk in Kontakt gekommen?

BERND-MICHAEL LADE: Ich weiß noch, wie Kaiser, wir waren zusammen in der Schule, 1977 mit der Sex-Pistols-Platte ankam und meinte: Mann, da ist kein einziges Lied langsam!

DANIEL KAISER: Ich stand auf schnelle, harte Musik, später kamen Bands wie The Clash oder Dickies dazu. Als ich dann die ersten Punks im Osten sah, war das, als ob eine Tür geöffnet würde.

MICHAEL KOBS: Ende der Siebziger hörten wir alle West-Radio, die Sendung des DJs John Peel. Das war musikalisch eine völlig neue Welt. Irgendwann bekam ich ein Clash-Poster, keine Ahnung woher, da sah ich zum ersten Mal Bilder.

Dann war erst die Musik da, und die Ästhetik kam später dazu?

MICHAEL „PANKOW“ BOEHLKE: Bei mir war das umgekehrt. Ich habe zuerst Jonny Rotten in der „Bravo“ gesehen. Ich bin gleich mit einem Kumpel in den Schlosspark und da haben wir uns rituell die Klamotten zerrissen.

Was war so neu an Punk?

LADE: Anders als in England gab es keine sozialen Gründe, Punk zu werden. In der DDR gab es keine Armut.

Womit waren Sie unzufrieden?

KOBS: Mit dem Stillstand. Die Pioniere sind im Kreis marschiert, die Partei hat ihre Aufträge immer mit 99 Prozent erfüllt, die Rocker hätten noch hundert Jahre ihren Hardrock spielen können und die Haare wurden immer länger. Das blieb so und hätte ewig so weitergehen können. Kurzum: Es musste was passieren. Und Punk bedeutete ja, dass jeder ein Instrument spielen darf – egal, ob er es gelernt hat oder nicht.

PANKOW: Der Westen hat mich nie interessiert, erst recht nicht die West-Punks, die sich mal eben so eine Lederjacke oder ein Nietenarmband im Laden kaufen konnten. Aber als 14-Jähriger saß ich mal vor der Mauer und hab vor Wut geheult. Ich habe die Mauer immer als persönlichen Angriff empfunden. Und wenn ich in der Schule meine Meinung gesagt habe, bekam ich dafür ’ne Fünf.

KOBS: Als ich mit 14 im Internat war, hatte ich mir Poster selbst gemalt, mit gitarrespielenden Typen, „Bravo“-Poster gab’s ja noch nicht. Die Lehrer haben das unwahrscheinlich ernst genommen und ich musste alle Bilder abnehmen. Daraufhin malte ich ein neues, das einen großen Arsch zeigte, in den ein kleines Männchen reinkriecht und schrieb darauf: „Der Weg zum Erfolg“. Da war das Abitur für mich erledigt, obwohl ich den nötigen Durchschnitt hatte.

Was bedeutete es, Punk zu werden?

PANKOW: Punk war für mich erst mal nur ein Style. Ich hab immer hin und her überlegt, wie ich mich selbst inszenieren kann und dann einen eigenen Gang erfunden und zu Hause geübt. Später haben mir die Leipziger Punks erzählt, dass sie mich damals nachgemacht haben. Ich kam mir dabei vor wie ein Erfinder. Punk gab es ja schon, aber ich kannte nichts außer einem Poster und war in Pankow monatelang der einzige Punk.

Wie kamen Sie auf die Idee, selbst Musik zu machen?

LADE: Das erste geile Konzert, das ich gesehen habe, war von Väterchen Frust und die Psychotherapeuten. Danach sind wir zu mir auf den Waschboden und haben selbst eine Band gegründet. Wir nannten uns Antifaschistischer Schutzwall (AFS). Das war zu gefährlich, darum haben wir uns in Planlos umbenannt.

Die Konzerte waren für die Szene sehr wichtig, wurden aber ausschließlich über Mundpropaganda beworben. Wie lief so ein Konzert ab?

PANKOW: Beim ersten Konzert, das war in irgendeinem Atelier, da durften nur 50 Leute rein. Am Ende waren dreihundert da. In unserem Proberaum hingen ja immer irgendwelche Punks rum. Irgendwann kannte jeder unsere Songs. Wir hatten kaum angefangen, da hat mir einer das Mikro geklaut und unseren Song gesungen. Ich bin dann hinterher, hab ein paar Zeilen gesungen, und schon hatte der Nächste mir das Mikro weggenommen. Ich bin den ganzen Abend hinter dem Mikro hergerannt, weil jeder unsere Songs selber singen wollte.

KAISER: Das war auch das Ding an Punk. Man kam zusammen und hat Musik gemacht und gefeiert. Es ging nicht darum, Stars zu produzieren. Es gab keine Grenzen zwischen Publikum und Band.

KOBS: Unsere ersten Proben waren eher Foto-Sessions. Wir sahen damit erst mal nur gut aus und kämpften uns erfolglos durch die ersten Akkorde eines Sex-Pistols-Songs und irgendwann hat Lade unser erstes Lied geschrieben: „Überall wohin’s dich führt...“

„...wird dein Ausweis kontrolliert./Ganz egal wohin man schaut/die Kameras sind aufgebaut/begleiten dich auf Schritt und Tritt/die Sicherheit geht mit.“ Der Text ist extrem politisch. Waren Sie sich der Gefahr bewusst?

LADE: Wenn die meine Texte gefunden hätten, wäre ich dafür in den Knast gegangen. Das war haarscharf: Ein Freund hat öfter im Proberaum übernachtet. Einmal hörte der was rumoren und hat schnell meine Texte unters T-Shirt geschoben. Gerade noch rechtzeitig, dann kamen die Stasi-Typen und haben alles fotografiert.

PANKOW: Ich hatte mir damals ein Rosa-Luxemburg-Zitat aufs T-Shirt gemalt: „Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht“. Und hinten drauf hatte ich den RAF-Stern mit der Waffe. Damit bin ich in Karl-Marx-Stadt aufgetreten. Auf dem Alex hab ich eine Armbinde mit Judenstern getragen. Andere haben mich gewarnt: Du bringst dich in den Knast. Da wäre ich auch fast gelandet. Die Bullen haben mich zur Stasi in diesen alten Nazibau gebracht und mir einen Haftbefehl präsentiert: zwei Jahre und acht Monate wegen Aufruhr, staatsfeindlicher Hetze und Widerstand. In den Verhören haben die gesagt: Entweder du machst mit oder du gehst in den Knast. Dann sitzt du da nachts drei Tage lang in der leeren Zelle und ständig fliegt die Stahltür auf und ein Typ prügelt dich mit Knüppel hoch und brüllt: aufstehen! Ich hab nachts in der Zelle geheult, aber mir war klar: Eher gehe ich in den Bau, als dass ich mit diesen Wichsern zusammenarbeite.

Was hat Sie vor der Haftstrafe gerettet?

PANKOW: Nach drei Tagen kam ich raus, mit nacktem Oberkörper, das T-Shirt haben die eingezogen. Dann stellte sich raus, dass sie meine Freundin Nase erpresst hatten: Entweder du arbeitest mit der Stasi zusammen oder dein Freund geht ab. Wenn sie nicht zum Schein darauf eingegangen wäre, dann wäre ich in den Knast gegangen. Keine Ahnung, was aus mir geworden wäre, aber die hätten mich wahrscheinlich fertig gemacht.

Bis 1983 sollte das „Punk-Problem“ in der DDR gelöst werden. Die erste Generation wurde dabei größtenteils zerschlagen.

KOBS: Von dem Beschluss, die Punks bis Ende ’83 von der Straße zu haben, hörte ich zuerst bei einem Stasi-Verhör. Kurz danach kam der Einzugsbescheid. Das war wirksam. Wer älter als 18 war, wurde kaserniert. Andere wie Jana Schlosser, die Sängerin der Band Namenlos, saßen Jahre lang im Knast – nur wegen ihrer Texte. Ich kam in eine Art Strafeinheit aus erwischten Republikflüchtlingen.

LADE: Als ich eingezogen wurde, wollte ich da nicht hingehen. Meine Mutter hat die ganze Nacht auf den Knien gelegen und mich angefleht, ich solle zur Armee gehen und nicht das Leben der Familie zerstören. Dann bin ich doch gegangen, hab die Kasernendecke angestarrt und mich gefragt: Was machst du jetzt? Ausreiseantrag oder bleiben? Ich wollte Schauspieler werden und durfte das später studieren. Aber die Zeit mit Planlos war die beste in meinem ganzen Leben.

Mit den Mitgliedern von Planlos sprach Bodo Mrozek. Eine ausführliche Fassung dieses Interviews enthält der Katalog zur Ausstellung, der heute erscheint.

PLANLOS

Nach 1980 gründeten Michael „Pankow“

Boehlke, Daniel Kaiser, Bernd-

Michael Lade und Michael Kobs die Band Planlos . Lade ist heute Regisseur und Schauspieler („Tatort“), Kobs ist Filmregisseur, Kaiser technischer Direktor der Essener Bühnen. Der Publizist

Michael Boehlke kuratiert die Ausstellung.

AUSSTELLUNG

Die mit Mitteln u.a. des Hauptstadtkulturfonds geförderte Ausstellung Ostpunk eröffnet heute um 19 Uhr in der Saarbrücker Str. 20 (Prenzlauer Berg) und zeigt Fotos, Kunstwerke, Band- und

Filmaufnahmen

(bis 25.9.).

KATALOG

Michael Boehlke u. Henryk Gericke (Hg.): Too much Future – Punk in der DDR 1979-89 . Künstlerhaus Bethanien, Berlin.

208 S., 10 €.

PROGRAMM

Podiumsdiskussion Punk in Osteuropa (4.9.), Konzert Gerrit & the R’n’R Stalinists (9.9.),

Musikladen „Bad Kleinen“ mit Konzert

Die Scheißtüren (17.9.).

Finissage mit Bert Papenfuß und Mario Mentrup (25.9.).Info:

www.ostpunk.de

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