Kultur : Wirtschaftskrise und Arbeitsmarkt: Ein langer Abstieg

Carsten Brönstrup

Bei ihrer Wortwahl mussten die Mitglieder der Bundesregierung in den vergangenen Monaten Vorsicht walten lassen. Rezession, Krise, Abschwung - diese Ausdrücke galten in der Öffentlichkeit lange als Unwörter; niemand sollte den Ernst der Lage benennen. Seit Donnerstag müssen sich die Minister und Staatssekretäre weniger genieren. Denn nun ist amtlich, dass Deutschland in einer Wirtschaftskrise steckt.

Das Statistische Bundesamt teilte mit, dass das Bruttoinlandsprodukt im Vergleich zum Vorquartal von Anfang Juli bis Ende September um 0,1 Prozent zurückgegangen ist. Gegenüber dem gleichen Zeitraum im Jahr 2000 gab es zwar noch einen leichten Zuwachs um 0,3 Prozent. Die Volkswirte sind sich aber weitgehend einig: Deutschlands Wirtschaft steckt zum ersten Mal seit 1993/94 in einer Rezession. Im vierten Quartal wird die Wirtschaft mit rund minus 0,5 Prozent noch deutlicher schrumpfen.

Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) kommt diese Entwicklung äußerst ungelegen. Denn sein Ziel, die Arbeitslosigkeit bis zur Bundestagswahl auf 3,5 Millionen zu senken, ist nun nicht mehr zu erreichen. Vergangene Woche verabschiedete er sich vorläufig von diesem nicht einmal besonders ehrgeizigen Ziel - im Auge behalten wolle er es dennoch, erklärte Schröder. Da braucht er einen langen Atem. Mit viel Glück, so die Prognosen von Volkswirten und Forschungsinstituten, sinkt die Zahl der Beschäftigungslosen 2003 wieder. Wie stark, das hängt vor allem davon ab, wann die Konjunktur in den USA wieder Tritt fasst - irgendwann im späten Frühjahr nächsten Jahres, hoffen die Prognostiker.

Derzeit herrscht jedoch Stillstand auf dem Arbeitsmarkt. 3,7 Millionen Menschen suchen zur Zeit offiziell einen Job, im Winter werden es deutlich über vier Millionen werden. Der Rat der Wirtschaftsweisen geht, die verdeckte Arbeitslosigkeit eingerechnet, sogar von rund 5,5 Millionen aus. Neue Arbeitsplätze werden kaum noch geschaffen - dieser Trend, der seit 1997 anhielt, wird in den nächsten Wochen vermutlich zu Ende gehen. Gerade einmal 19 000 Erwerbstätige mehr als im Jahr zuvor meldet das Statistische Bundesamt für das dritte Quartal.

Starre Arbeitsmarkt-Gesetze

Doch bereits vor der Abkühlung des Wirtschaftsklimas ging es auf dem Arbeitsmarkt nur schleppend voran. Zwar wuchs die deutsche Wirtschaft im Boomjahr 2000 um drei Prozent. Die Arbeitslosigkeit indes sank deutlich unterproportional. Als Grund führen Experten die starren Arbeitsmarkt-Gesetze an. Die Unternehmen zögerten Neueinstellungen so lange wie möglich hinaus. Der Grund: Vor allem Mittelständler fürchten, Arbeitnehmer bei einer sich verschlechternden Auftragslage nicht mehr auf die Straße setzen zu können. Um mindestens 2,5 Prozent muss deshalb die Wirtschafts leistung hier zu Lande zulegen, damit überhaupt ein Arbeitsloser von der Straße geholt wird. Wie schon im vergangenen Boom: Erst wenn es gar nicht mehr anders ging, baten die Firmenchefs Bewerber zum Gespräch für eine Festanstellung. Freuen über eine rege Nachfrage konnten sich allein Zeitarbeitsfirmen, die wegen ihrer Flexibilität gefragt waren.

Qualifiziertes Personal gesucht

Im Abschwung läuft es genau umgekehrt: Die Firmen müssen ihre Ausgaben reduzieren und streichen die Kosten zuerst beim Personal zusammen. Neueinstellungen werden gestoppt, frei werdende Stellen nicht mehr neu besetzt. Hinzu kommen die strukturellen Probleme auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Trotz der Massenarbeitslosigkeit suchen noch immer viele Firmen händeringend nach qualifiziertem Personal. Allein den mittelständischen Unternehmen fehlen 900 000 Fachkräfte. Der Grund: Ein Großteil der Beschäftigungslosen, rund zwei Dritteln, fehlt eine ausreichende Ausbildung - ihre Fähigkeiten sind derzeit nicht gefragt.

Dass sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt in den kommenden zwölf Monaten zum Besseren wendet, ist nicht zu erwarten - im Gegenteil. Die Richtung 42 Prozent steigenden Sozialabgaben wirken als weiteres Einstellungshemmnis. An den Arbeitsmarkt-Gesetzen wird bis zur Wahl ohnehin nichts geändert, hat der Kanzler den Gewerkschaften versprochen.

Und das Wachstum wird es auch nicht richten. Zwar soll die Wirtschaft nach kurzer Rezession Anfang 2002 wieder wachsen, sagt der Sachverständigenrat. Richtig kräftig - also um mehr als 2,5 Prozent - wird der Wert der neuen Güter und Dienstleistungen aber erst wieder Ende 2002 wachsen - vorher ist ein erneuter Beschäftigungsanstieg also nicht zu erwarten. Das weiß auch Kanzler Schröder. Anders als sein Außenminister, der unlängst von einer "Weltwirtschaftskrise" geredet hatte, vermied er am Donnerstag das schlimme R-Wort. An Unternehmen und Tarifpartner appellierte er, eine weitere Verschlechterung der Lage mit "intelligenten Lösungen" abzuwenden. Denn, so Schröders Umschreibung, die "Wachstumskräfte müssen gestärkt werden".

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